Europa hat die Mittel, die Institutionen und die Vernetzung, um in einer Welt im Umbruch zu wachsen. Was fehlt, ist der Wille zur Umsetzung. Diese Botschaft brachte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing auf die OMR-Bühne in Hamburg und ließ wenig Raum für Interpretationen.
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Europa hat die Mittel, die Institutionen und die Vernetzung, um in einer Welt im Umbruch zu wachsen. Was fehlt, ist der Wille zur Umsetzung. Diese Botschaft brachte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing auf die OMR-Bühne in Hamburg und ließ wenig Raum für Interpretationen.
Chance, nicht Krise
Europa sei vernetzt, verlässlich, institutionell stark. Die Demokratie, die Rechtsstaatlichkeit, die Unabhängigkeit der Zentralbanken – keine Selbstverständlichkeiten, sondern Standortvorteile, die ausländisches Kapital anziehen. Besonders seit die USA ihre Zölle erhöht hätten, fließe Kapital verstärkt nach Europa – ein Moment, der jetzt genutzt werden müsse.
Der globale Handel werde trotz aller Deglobalisierungsrhetorik weiter wachsen. „Jeder, der sagt, Globalisierung ist zu Ende, liegt falsch.“
1.200 Milliarden – und wer sie stemmen muss
Doch wenn Europa diese Chance nutzen will, braucht es Kapital in einem Maßstab, der selten so klar benannt wird. 1.200 Milliarden Euro jährlich, bis 2031, für Technologie, Infrastruktur und Verteidigung. So steht es im Draghi-Report, und Sewing zitiert ihn nicht als warnendes Dokument, sondern als Auftrag.
Diese Mittel können nicht aus öffentlichen Haushalten kommen. Es brauche privates Kapital, europäische Ersparnisse, die heute auf Sparkonten schlummern, statt in die Wirtschaft zu fließen – und es brauche Banken. 80 Prozent der externen Unternehmensfinanzierung in Europa laufen über Bankkredite. Banken seien keine Zuschauer in diesem Transformationsprozess. Sie seien zentrale Akteure.
Banking von morgen mit KI als Rückenwind
Wie das Banking der Zukunft aussieht, skizziert Sewing ebenfalls – und er sieht darin vor allem eine Chance. Europa investiere noch nicht mit der nötigen Geschwindigkeit in Künstliche Intelligenz, aber das Potenzial sei enorm. Bei der Deutschen Bank läuft ein Kreditprozess für mittelständische Unternehmen, der sich seit 2012 kaum verändert hatte, heute dank KI 98 Prozent schneller. Für ihn keine Effizienzmaßnahme, sondern vor allem eine deutlich bessere Kundenerfahrung. KI verändere nicht nur interne Abläufe, sie verändere, was Banken ihren Kunden bieten können.
Am Ende aber liegt die entscheidende Stellschraube nicht bei den Banken. Sewing richtet sich direkt an die Politik – namentlich an Kanzler und Vizekanzler. Deutschland habe kein Erkenntnisproblem. Was fehle, sei Tempo. Jede politische Entscheidung solle an einer einzigen Frage gemessen werden: Ist sie gut für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit? Alles andere passiere im Anschluss, mein der Chef der Deutschen Bank.
Europa habe alles, was es brauche. Aber die Zeit laufe. „Es ist fünf vor zwölf“ – und Sewing macht keinen Hehl daraus, dass er langsam ungeduldig wird.