Trophy Asset, oder doch mehr? Der Traum vom eigenen Weingut

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Käufer treffen auf Verkäufer, die regelmäßig auf eine lange Familientradition zurückblicken, denn Weingüter wurden oftmals über Generationen hinweg übertragen. Dies hat sich in der heutigen Zeit verändert. Für junge Menschen aus Weinbaufamilien ist es eben nicht selbstverständlich, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Sie gehen ihre eigenen Wege. Auf der anderen Seite entdecken junge Menschen, deren Familien nicht aus dem Weinbau kommen, die Freude am Weinmachen für sich. Sie erlernen den Beruf des Winzers oder Weinbautechnikers, viele studieren an den bekannten Weinbau-Universitäten im In- und Ausland. Ein Auslandsaufenthalt ist heute selbstverständlich für eine fundierte Ausbildung.

In dieser Situation liegt die Chance für beide Seiten. Investoren wollen oder können selten selbst den Wein produzieren oder im operativen Geschäft tätig sein. Auf der anderen Seite fehlt jungen Menschen das erforderliche Kapital, um sich an einem Weingut zu beteiligen oder es vollständig zu kaufen. Eine perfekte Win-Win-Situation – vorausgesetzt, die Chemie stimmt zwischen den Akteuren.

Investoren bringen für die Weinbranche neue Ideen aus anderen Branchen mit und reißen oftmals veraltete, verkrustete Strukturen auf. Die Digitalisierung schreitet voran. So waren in Vor-Corona-Zeiten Online-Weinproben völlig unbekannt. In diesem Jahr sind sie ein gängiger Verkaufskanal mit sehr guten Umsätzen.


Ist das passende Weingut identifiziert, gehe ich mit meinen Kollegen und externen Beratern wie Gutachtern, Steuerberatern und Rechtsanwälten in die Due Diligence. Neben der Betrachtung der Historie und der Ist-Situation ist insbesondere die Entwicklung des Zukunftskonzepts inklusive Geschäftsplan eine wesentliche Aufgabe des Teams. Jedem Investor muss klar sein, dass der Kauf eines Weingutes ein langfristiges Investment ist, wirtschaftlich muss er in der Lage sein, temporäre Verluste ausgleichen zu können.

Gegenüber den Verkäufern ist Fingerspitzengefühl gefragt, denn sie verkaufen ihr über Generationen aufgebautes Lebenswerk, und das möchten sie in guten Händen wissen. Nach erfolgreichem Kauf beginnt die eigentliche Arbeit, denn das Weingut muss für die Zukunft positioniert und eine Marke, der Brand, aufgebaut werden.

Ja, es stimmt, der Kauf eines Weingutes ist für viele die Erfüllung ihres Traums. Aber nur mit guter Beratung, Vorbereitung und Umsetzung wird der Traum zur schönen Realität statt zum Albtraum. Neben dem klassischen Kauf eines Weingutes haben Investoren eher selten den Kauf eines Unternehmens der Weinbranche im Fokus. Doch Weingüter und Kellereien haben jährlich wiederkehrenden Bedarf, beispielsweise an Flaschen, Etiketten, Kartonagen, Verschlüssen, Hefen und vielem mehr. Auch wird regelmäßig in Tanks, Maschinen, die Neuanlage von Weinbergen und weiteres investiert.

Der Markt ist deutlich größer, als viele denken. Käufer sind oftmals Mitbewerber oder strategische Investoren. Natürlich gibt es auch dort sehr interessante Investitions-Opportunitäten. Die Bilanzen der zum Verkauf stehenden Unternehmen haben mich schon oft positiv überrascht. Ähnlich wie bei Weingütern sind die Unternehmen in aller Regel off-market. Wenige Berater verfügen über das erforderliche Branchen-Know-how und das Netzwerk, welches erforderlich ist, um Ziel-Unternehmen zu identifizieren.


Über den Autor:
Sven Wagner ist Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Die Weinberater mit Sitz in Windesheim. Wagner hat in ein klassisches Familien-Weingut eingeheiratet und war für ein in der Schweiz ansässiges Family Office tätig.