Bis 2050 steigt in allen entwickelten Volkswirtschaften die Zahl der über 65-Jährigen im Verhältnis zur erwerbsfähigen Bevölkerung deutlich an. Eine Studie des Pictet Research Institute untersucht, wie sich dieser demografische Wandel auf Automatisierung und Wirtschaftswachstum auswirkt. Die Autoren kombinieren Daten der International Federation of Robotics mit UN-Bevölkerungsprognosen für elf Industrieländer.
„Alternde Volkswirtschaften stehen vor einer klaren Wahl: Nichtstun und schrumpfen oder sich wandeln und weiter wachsen“, sagt Maria Vassalou, Leiterin des Pictet Research Institute. „Automatisierung und KI können den Rückgang der Erwerbsbevölkerung weitgehend ausgleichen – und der Zeitpunkt ihrer Entwicklung ist günstig.“
Deutschland, Japan und Südkorea führen Roboterstatistik an
Die Daten zeigen einen klaren Zusammenhang: Länder mit der stärksten Alterung setzen am meisten Roboter ein. Deutschland, Japan und Südkorea führen die Statistik an. Der Grund liegt auf der Hand: Wo Arbeitskräfte knapp und teuer werden, steigt der Druck, Prozesse zu automatisieren.
Die Studie identifiziert dabei ein zweistufiges Muster. Zunächst ersetzen Roboter fehlende Arbeitskräfte in arbeitsintensiven Bereichen – die Substitutionsphase. Später folgen Investitionen in Technologien, die die Produktivität steigern, ohne Personal abzubauen. Diese zweite Phase ergänzt die Belegschaft, statt sie zu ersetzen. Länder, die beide Phasen erfolgreich durchlaufen, können Arbeitskräftemangel durch höhere Effizienz ausgleichen.
Ältere geben mehr für Wohnen und Gesundheit aus
Die Autoren werteten Konsumausgaben in der EU, Japan und den USA seit 2004 aus. Das Muster ist über alle Regionen hinweg ähnlich: Ältere Haushalte geben deutlich mehr für Wohnen und Gesundheit aus, weniger für Transport und Kleidung.
Daraus leiten die Autoren drei Kriterien für künftige Wachstumsbranchen ab. Diese müssen die Bedürfnisse alternder Gesellschaften bedienen, für Automatisierung geeignet sein und in Ländern mit entsprechender Infrastruktur operieren. Wohnen, Gesundheit und Nahrungsmittel erfüllen diese Kriterien am besten. Kleidung und Personentransport könnten dagegen unter sinkender Nachfrage leiden.
Produktivitätsgewinne zwischen 0,3 und 1,7 Prozent jährlich
Die Studie schätzt mögliche Produktivitätsgewinne durch Automatisierung in Industrie und Landwirtschaft. Für China liegen sie bei 1,7 Prozent jährlich, für die EU bei 1,4 Prozent, für die USA bei 0,6 Prozent, für Japan bei 0,3 Prozent. Diese Werte gelten bei voller Automatisierung. Konservativere Szenarien, die geringere Automatisierung im Dienstleistungssektor annehmen, halbieren die Zahlen etwa.
Für KI erwarten die Autoren den größten Produktivitätsschub in den 2030er Jahren – rechtzeitig, um demografische Belastungen abzufedern. Die Schätzungen für die USA liegen zwischen 0,4 und 1,5 Prozent jährlich. Der Unterschied zu früheren Technologien: KI kann menschliche Expertise unterstützen, statt nur Routineaufgaben zu übernehmen.
Allerdings klafft eine Lücke zwischen Potenzial und Realität. Weniger als 7 Prozent der Nicht-IT-Unternehmen in elf untersuchten Ländern haben KI flächendeckend eingeführt. In der Fertigung liegt die Quote unter 4 Prozent. Die Autoren betonen: Nicht die Zahl der Roboter entscheidet über den Erfolg, sondern die Fähigkeit, sie produktiv einzusetzen.
China vor dramatischstem Bevölkerungsrückgang
China steht vor der größten Herausforderung. Die Bevölkerung soll sich bis 2100 halbieren. Die Altenquote – das Verhältnis der über 65-Jährigen zur erwerbsfähigen Bevölkerung – könnte bis 2080 über 100 Prozent steigen. Dann käme auf jeden Erwerbsfähigen mehr als ein Rentner.
Auch Italien, Spanien, Deutschland und Japan verzeichnen Bevölkerungsrückgänge bis 2050. Kanada, die USA und Großbritannien wachsen durch Zuwanderung, altern aber ebenfalls. Keine entwickelte Volkswirtschaft entgeht dem Trend steigender Altenquoten.
