Dax-Unternehmen Deckungsgrad der Pensionsverpflichtungen steigt – Rechnungszins fällt

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Anstieg der Pensionsverpflichtungen durch niedrigen Rechnungszinssatz

Dass die Pensionsverpflichtungen von 307 auf 330 Milliarden Euro gestiegen sind, liegt am niedrigeren Rechnungszinssatz. In welchem Ausmaß der Zins in den einzelnen Unternehmen reduziert werden musste, hängt an der Mercer Yield Curve. Mit diesem Verfahren ermittelt das Beratungsunternehmen den Rechnungszinssatz nach den internationalen Rechnungslegungsvorschriften (International Financial Reporting StandardsIFRS) für eine typische Restlaufzeit von 15 beziehungsweise 20 Jahren. Dabei ist der Wert von 4,21 auf 3,57 Prozent (15 Jahre) und 4,25 auf 3,63 Prozent (20 Jahre) gesunken.

Der Rechnungszins wird im Dax im Durchschnitt aber weniger deutlich abgesenkt. Unter Berücksichtigung der verschiedenen Zinsermittlungsverfahren und der Erfahrungen aus der Vergangenheit geht Mercer-Chefaktuar Thomas Hagemann davon aus, dass der Rechnungszins im Dax zum 31. Dezember 2023 etwa einen halben Prozentpunkt unter dem Vorjahreswert lag.

Dieser Zinsrückgang ist deutlich niedriger als der Anstieg des Rechnungszinssatzes im Jahr 2022. Damals war das Zinsniveau bedingt durch den Ukrainekrieg um etwa 2,5 Prozentpunkte angestiegen. Dennoch ist der Rückgang im Jahr 2023 für die Unternehmen schmerzhaft. Vor allem die hohe Volatilität des Zinssatzes und der unerwartet schnelle und starke Rückgang des Zinsniveaus zum Jahresende waren eine Herausforderung für die Unternehmen, insbesondere für diejenigen, die sich gegen dieses Risiko in der Kapitalanlage nicht abgesichert hatten.

Hagemann schätzt, dass die hohe Inflation und die daraus resultierende Belastung möglicherweise nicht in allen Unternehmen ausreichend berücksichtigt wurde. Dies führt zu Nachreservierungen durch gestiegene Leistungen oder eine Erhöhung der Inflationsannahme, welche der Chefaktuar mit 2 Milliarden Euro berücksichtigt.

Bei den Anpassungen der laufenden Leistungen ist zu beachten, dass die erhöhten Verpflichtungswerte durch den gesunkenen Rechnungszinssatz eine rein bilanzielle Belastung darstellen. Die Volatilität von Verpflichtungs- und Vermögenswerten wird im IFRS-Abschluss erfolgsneutral dargestellt, belastet also nicht den ausgewiesenen Unternehmenserfolg.

Deckungsgrad auf Rekordhoch gestiegen

Der Deckungsgrad, also das Verhältnis von Pensionsvermögen zu Pensionsverpflichtungen, hatte Ende 2022 ein Rekordhoch von 80 Prozent erreicht. Dieser Wert wurde Ende 2023 mit 81 Prozent noch überschritten. Zum Vergleich: In den Jahren 2008 bis 2020 lag der Deckungsgrad nie über 70 Prozent, 2021 erreichte er 72 Prozent.

Die hohen Deckungsgrade spiegeln nicht nur das Verhältnis der Kursentwicklung des Planvermögens zur rechnerischen Entwicklung der Pensionsverpflichtungen wider. Sie liegen auch im allgemeinen Trend zur Ausfinanzierung.

In Deutschland gibt es anders als in den USA oder Großbritannien keine Pflicht zum Aufbau eines Pensionsvermögens, wodurch der Deckungsgrad hierzulande für gewöhnlich niedriger ist. Im Dax hält der Trend zur Nutzung von Pensionsfonds an. Sie werden für die kapitalgedeckte bAV und anderer Ausfinanzierungslösungen genutzt, um so den bilanziellen Risiken der Pensionsverpflichtungen zu begegnen.

„In den vergangenen Jahren haben viele Unternehmen Pensionsverpflichtungen auf den Pensionsfonds übertragen, um bilanziell Pensionsvermögen zu schaffen, Liquiditätsbelastungen zu verstetigen und Risiken angemessen zu steuern“, erläutert André Geilenkothen, Leiter Pensionskassenberatung bei Mercer. Hierfür haben die Unternehmen in Deutschland über die letzten Jahre kontinuierlich mittlere einstellige Milliardenbeträge bereitgestellt.

Anhaltende Unsicherheiten dürften 2024 prägen

Mit Blick auf das Jahr 2024 glaubt Geilenkothen, dass die Inflation sich als hartnäckig erweisen wird oder wieder ansteigt. Das labile Wirtschaftswachstum dürfte hier ein entscheidender Faktor sein.

Zudem halten die Kriege in der Ukraine und im Gaza-Streifen weiter an. Die Herausforderungen zum Urteil des Bundesverfassungsgerichtes über den Bundeshaushalt sind nicht vollständig gelöst. Und es stehen Wahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg im September, sowie die US-Wahl im November an, was vielfältige Herausforderungen mit sich bringt.

 

Laut Investmentleiter Jeffrey Dissmann müssen sich Pensionsinvestoren im Kontext der vergleichsweise hohen Zinsen mit der Bilanzvolatilität auseinandersetzen – ohne die Rendite-Chancen zu weit zu mindern. Auch dürften nach dem Ende des „billigen Geldes“ Zuführungen zum Planvermögen für die meisten Unternehmen schwieriger geworden sein. „Hier muss eine intelligente Kapitalanlage einen höheren Beitrag zur Schließung der Deckungslücke leisten“, betont Dissmann.

Für Geilenkothen müssen die bestehenden Ausfinanzierungslösungen an die neuen Gegebenheiten an den Kapitalmärkten optimiert werden. Unternehmen, die bislang noch nicht in die planmäßige An- und Ausfinanzierung von Pensionsverpflichtungen eingestiegen sind, sollten die damit verbundenen Möglichkeiten des De-Riskings sorgfältig analysieren. „So ist eine Ausfinanzierung auch eine Möglichkeit, den gestiegenen Zinsaufwendungen für Pensionen auf der Bilanz zu begegnen“, sagt Geilenkothen.

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