Der demografische Wandel muss nicht zur Stagnation führen – und wenn, dann erst in zehn Jahren
Die Idee eines ökonomischen Niedergangs aufgrund demografischer Faktoren gründet sich vor allem auf zwei Beobachtungen: 1.) ein zurückgehender Anteil junger Menschen aufgrund sinkender Geburtenraten sowie 2.) die steigende Langlebigkeit von älteren Menschen.
Schaut man auf die Geburtenentwicklung vieler Industrieländer, dann erscheint diese in der Tat meist bedenklich. In modernen Gesellschaften mit geringer Kindersterblichkeit müssen rechnerisch etwa 2,1 Kinder pro Frau geboren werden, um die Bevölkerung langfristig auf einem konstanten Niveau zu halten. Diese Quote wird zwar weltweit mit durchschnittlich 2,56 Neugeborenen pro Frau (2017) deutlich überschritten. Das Wachstum findet aber vorwiegend in armen Ländern statt. Die entwickelten Industrieländer bleiben zumeist deutlich darunter. Deutschland lag 2018 bei einer Geburtenrate von 1,46 – und damit nur knapp über Japan mit 1,42.
Allerdings stehen nicht alle entwickelten Länder ähnlich schlecht da. Frankreich hat eine Geburtenrate von 2,06 und erreicht damit fast die zur Reproduktion notwendige Quote. Schweden und Großbritannien erreichten 2018 immerhin 1,87 beziehungsweise 1,88 sowie die USA 1,87 (US-Daten von 2017).
Insbesondere in Frankreich und Schweden haben die höheren Geburtenzahlen stark damit zu tun, dass es ein breites Angebot an staatlichen Kinderbetreuungsangeboten gibt. Beide Länder geben mit 3,7 Prozent beziehungsweise 3,5 Prozent des BIP (2015) auch etwas mehr für Familienpolitik aus als Deutschland (3,1 Prozent des BIP). Allerdings ist der Rückstand Deutschlands weniger in den niedrigeren Ausgaben begründet als in dem Umstand, dass man hier vor allem auf Sozialtransfers setzt, die oft wirkungslos verpuffen.
Unterschiedliche Geburtenraten in Industrieländern hängen vor allem davon ab, ob es Frauen durch staatliche Fördermaßnahmen ermöglicht wird, gleichzeitig viele Kinder zu haben und am Arbeitsmarkt teilzunehmen. Ausnahme sind lediglich die USA, wo die Geburtenraten trotz niedriger Förderung hoch sind. Zurückgefallene Nationen wie Deutschland, Japan oder Italien haben starke Defizite in der Familienförderung. In Deutschland ist Familienpolitik auf eine fast schon grotesk anmutende Weise ausgesprochen ineffizient: Sie kostet einerseits den Steuerzahler viel Geld, andererseits bringt sie fast nichts. Dies hat jedoch nichts mit globalen säkularen Stagnationstendenzen, sondern mit jahrzehntelangen Fehlsteuerungen in der Politik zu tun.
Aber auch wenn niedrige Geburtenraten sich möglicherweise langfristig nachteilig für Deutschland und andere kinderarme Länder auswirken, haben sie keinerlei Erklärungswert für eine heutige Wirtschaftsschwäche. Denn Deutschland ist in den vergangenen Jahren zwar weniger gewachsen als Schweden, war jedoch deutlich besser als Frankreich. Andere Faktoren müssen deshalb wichtiger sein. Insofern kann die Geburtenrate aktuell nicht zur Rechtfertigung für die Entstehung einer säkularen Stagnation herangezogen werden.