Für mich ist es durchaus plausibel, dass die Messlücke viel größer ist. Wenn beispielsweise in Deutschland die Gemeinschaftssteuern seit Jahren um durchschnittlich um 2 Prozent stärker steigen als das nominale BIP, deutet dies auf eine Messlücke von mindestens einem Prozent pro Jahr hin. Leider lässt sich dies nicht genauer belegen, weil es – wie schon bemerkt – weder zur Größenordnung noch zum Wachstum der Digitalbranchen wirklich repräsentative Daten gibt.
Die eingebildete Investitionslücke
Analysiert man die Entwicklung der Investitionsquoten (Anteil der Bruttoanlageinvestitionen am BIP) in den wichtigsten Industrieländern (siehe Grafik), so stellt man fest, dass ihre Größenordnungen tatsächlich historisch relativ niedrig sind. Allerdings sind die Rückgänge bei den Investitionsquoten mit Ausnahme von Japan nicht dramatisch – zum Beispiel in den USA seit 1980 von 23,3 Prozent auf 20,1 Prozent oder in Deutschland von 26 Prozent auf 21 Prozent. Paradoxerweise wurde ausgerechnet in Japan – dem Musterland der säkularen Stagnation – besonders viel investiert, was nicht so recht mit der Annahme einer Dauerkrise aufgrund zu geringer Investitionen in diesem Land zusammenpasst.
Quelle: OECD, Deutschland in Zahlen
Weiterhin ist bemerkenswert, dass die Rückgänge in den Investitionsquoten schon größtenteils in der Zeit vor der Finanzkrise zustande gekommen sind. Seitdem erholen sie sich wieder, was der Annahme einer zunehmenden Investitionsschwäche grundsätzlich widerspricht.
Tatsächlich ist es für mich verwunderlich, dass der Rückgang bei den Anlageinvestitionen sogar nicht noch stärker ausgefallen ist. Denn mit der steigenden Bedeutung immaterieller Güter in der digitalen Wirtschaft sinkt gleichzeitig die Notwendigkeit physischen Kapitals zu ihrer Produktion. Stattdessen gewinnt Humankapital an Bedeutung: Kreative Köpfe können selbst mit relativ bescheidenen finanziellen Mitteln große Erfolge und eine sehr hohe Rentabilität erzielen.
Insofern sollte es nicht verwundern, dass mit der Digitalisierung der Wirtschaft Realkapitalinvestitionen relativ an Bedeutung verlieren. Statt in Maschinen und Fabrikhallen wird in der modernen Welt eher in Marken, Forschung und Bildung investiert, was die Statistik jedoch nicht als Investitionen erfasst.