Debatte unter Ökonomen Langfristig droht Stagnation

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Wie misst man Wirtschaftswachstum und Produktivität? Teilweise überhaupt nicht!

Die wirtschaftliche Leistungskraft eines Landes wird heutzutage üblicherweise mit dem Bruttoinlandsprodukt gemessen, der Summe aller mit Marktpreisen bewerteten Güter und Dienstleistungen, die in einem Land in einem Jahr erstellt werden. Wirtschaftlicher Fortschritt wird an der Wachstumsrate des BIP festgemacht, da hiermit die Wohlstandsverbesserung der Bevölkerung ermittelt wird. 

Das Bruttoinlandsprodukt ist allerdings schon seit Langem umstritten. So werden keine sozialen Kosten wie zum Beispiel Umweltverschmutzung einbezogen. Schwarzarbeit ist nicht zu erfassen und muss geschätzt werden. Öffentliche Dienstleistungen lassen sich zwar erfassen, werden aber in der Regel nicht mit Marktpreisen bewertet – die Preise sind durch Subventionen verzerrt. Ihr ökonomischer Gegenwert muss deshalb ebenfalls geschätzt werden. Auch gibt die Kennzahl nur über die Quantität, jedoch nicht über die Qualität der Wirtschaftsentwicklung Aufschluss.

Dennoch findet das BIP nach wie vor weithin Verwendung. Denn einerseits ist die Entwicklung alter-nativer Maßgrößen bisher gescheitert, andererseits erfolgt die Erfassung international nach ähnlichen Regeln und erlaubt somit Vergleiche zwischen Nationen.

Speziell mit der korrekten Erfassung von Dienstleistungen haben die Statistiker seit jeher Probleme, da die Standardfragebögen zur Datenerfassung vor allem vom produzierenden Gewerbe ausgefüllt werden. Zudem werden Dienstleistungen manchmal umsonst beziehungsweise in Koppelung mit anderen Produkten erbracht. Das erschwert ihre Erfassung sehr.

Dieses Problem hat sich mit der Digitalisierung der Wirtschaft dramatisch erhöht. Viele neue digitale Dienstleister sind den Datensammlern nicht bekannt und werden dementsprechend überhaupt nicht befragt. Zudem ist die Bedeutung von Gratisdienstleistungen massiv gewachsen. Dies kann die paradoxe Konsequenz haben, dass das BIP zurückgeht, wenn eine vorher kostenpflichtige Dienstleistung umsonst wird, obwohl sich der Wohlstand der Nutzer hierdurch erhöht. Weiterhin werden viele Datengeschäfte grenzüberschreitend abgewickelt, weshalb die damit verbundene Wertschöpfung aus der Statistik herausfallen kann.

Nicht wenige Statistikexperten sind deshalb der Ansicht, dass durch Fehlmessung digitaler Dienstleistungen das reale BIP-Wachstum massiv negativ verzerrt wird: Zum einen wird ihre Produktion systematisch unterschätzt. Zum andern wird aber auch ihr deflationärer Effekt unterschätzt, weil die Qualitätssteigerungen digitaler Produkte mit jeder neuen Generation von Preisindizes nur ungenügend abgebildet werden.

Dies wirkt sich insbesondere auf die gemessene Produktivität aus, da Effizienzgewinne durch die zunehmende Digitalisierung teilweise nicht sichtbar sind. Gerade in den vergangenen Jahren haben mit dem Smartphone und dem Cloud-Computing neue Technologien stark an Bedeutung gewonnen, deren Produktivitätseffekte statistisch ungenügend erfasst werden. Insofern erscheint es durchaus plausibel anzunehmen, dass der festgestellte Rückgang im Produktivitätswachstum seit 2011 zumindest teilweise darauf beruht, dass bestimmte Fortschritte gar nicht mehr erfasst werden.

Allerdings lässt sich das Ausmaß der Fehlmessung nur schwer bestimmen. Der Ökonom Michael Mandel hat für 2012 berechnet, dass das reale BIP-Wachstum in den USA unter Berücksichtigung der Effekte der Digitalisierung um zirka 0,6 Prozent höher hätte ausgewiesen werden müssen als die offizielle Zahl von 2,2 Prozent. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzte in einer Studie von 2018 den Messfehler für die USA mit nur 0,3 Prozent pro Jahr, berücksichtigte hierbei allerdings nicht die Verzerrung durch Technologie-Deflation.