Ebenfalls eine deutlich steigende Tendenz zeigen weltweit die Steuereinnahmen – mit Ausnahme von Ländern wie den USA, die Steuererleichterungen umgesetzt haben. In Deutschland beispielsweise stiegen die Staatseinnahmen aus den sogenannten Gemeinschaftssteuern (Einkommen-, Körperschafts- und Umsatzsteuer), die sich aus wirtschaftlicher Wertschöpfung ergeben, zwischen 2011 und 2018 jährlich um durchschnittlich 5,4 Prozent an – und damit jedes Jahr um durchschnittlich 2 Prozent mehr als das Wachstum des nominalen Bruttoinlandsprodukts.
Am widersprüchlichsten ist aber die Entwicklung der Unternehmensgewinne. Zum Beispiel haben sich die Gewinne der im S&P 500 enthaltenen Firmen nach Berechnungen von Aswath Damodaran, NYU Stern School of Business, von 2010 bis 2018 um zirka 77 Prozent erhöht. Dieser Gewinnboom ist mit dem Vorhandensein säkularer Stagnation unvereinbar.
Im gleichen Zeitraum haben sich die von der offiziellen Statistik ermittelten Gewinne aller US-Unternehmen jedoch nur um etwa 18 Prozent erhöht. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging sogar von 10,4 Prozent auf 9 Prozent zurück, was wiederum als starkes Indiz für säkulare Stagnation gewertet werden kann.
Die zunehmende Divergenz der Gewinntrends in den USA lässt sich erklären, wenn berücksichtigt wird, dass die US-Börse inzwischen von Technologie-Unternehmen und global tätigen Konzernen dominiert wird. Hingegen bestimmen kleine und mittlere Firmen aus traditionellen Branchen, die zudem eher binnenorientiert sind, die gesamtwirtschaftlichen Gewinne.
Steigende Erträge von börsennotierten Unternehmen, sprudelnde Steuereinnahmen durch verbesserte Wertschöpfung und steigende Beschäftigung passen nicht zum Bild einer säkularen Stagnation. Im Gegenteil: Für sich allein genommen, sprechen sie dafür, dass wir uns in einer starken Boomphase befinden, die für die entwickelten Industrieländer in den vergangenen 50 Jahren beispiellos ist.
Quelle: Federal Reserve Bank of St. Louis, Aswath Damodaran (NYU Stern School of Business)
Der Widerspruch zwischen Boom- und Krisenindikatoren lässt sich nur auflösen, wenn man berücksichtigt, dass die Niedergangs-Symptome vor allem aus traditionellen Industriebranchen resultieren. Diese sind aber nicht mehr repräsentativ für die Entwicklung der Gesamtwirtschaft.