Niedrige Arbeitslosenraten, hohe Steuereinnahmen und Firmengewinne deuten eher darauf hin, dass für die neuen und wachsenden Branchen genau das Gegenteil von Stagnation richtig ist: Sie befinden sich in einem Boom. Insofern haben wir – sofern man bei Albert Edwards Bild der ökonomischen Eiszeit bleibt – die heißeste Eiszeit aller Zeiten: Frostschäden kommen zusammen mit Hitzewallungen.
Die Diagnose der säkularen Stagnation trifft daher nicht auf die heutige ökonomische Situation zu. Wenn sie die Basis bildet für Wirtschaftspolitik – wie die Minuszinspolitik der Notenbanken – oder für Politikempfehlungen – wie die Forderung nach schuldenfinanzierten Staatsausgabenprogrammen oder Subventionen für die Industrie –, ist dies sehr kritisch zu sehen.
Nichtsdestotrotz sollte nicht übersehen werden, dass die säkulare Stagnation langfristig eine reale Gefahr bleibt. Die aktuelle Innovationswelle wird sich irgendwann in der Wirtschaft niedergeschlagen haben. Was danach kommt, ist derzeit noch nicht einmal ansatzweise prognostizierbar, weil Innovationen ihrer Natur nach überraschend sind. Auf Überraschungen kann man sich jedoch nicht verlassen. Und genauso wenig, wie man die momentane Innovationswelle unterschätzen sollte, darf man sich darauf verlassen, dass sie immer so dynamisch weitergeht, wie aktuell.
Gut prognostizierbar hingegen ist die demografische Entwicklung. Und hier ist klar erkennbar, dass sinkende Geburtenraten und steigende Lebenserwartungen ab zirka 2030 für die meisten Industrieländer die Stagnationsgefahr deutlich verstärken. Die Entwicklung in wichtigen Schwellenländern ist kaum besser: China beispielsweise, dessen ökonomische Aufholjagd für die momentane Entwicklung der Weltwirtschaft zentral ist, liegt mit einer Geburtenrate von 1,6 (2018) weit unter dem für den langfristigen Erhalt notwendigen Niveau.
China, Japan und Deutschland sind derzeit in Hinblick auf das BIP die zweit- bis viertgrößten Volks-wirtschaften der Welt – und hieran würde sich auch durch eine verbesserte Einrechnung digitaler Dienstleistungen nichts ändern. Ausgerechnet diese ökonomisch äußerst wichtigen Nationen haben aufgrund der niedrigen Geburtenraten ein eklatantes demografisches Problem. Bis 2030 müssen sie eine Antwort hierfür gefunden haben, sonst wird zumindest ihnen die säkulare Stagnation tatsächlich drohen.
Eine Stimulierung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage – wie sie Vitor Constancio, Lawrence Summers und andere Ökonomen für notwendig halten – ist das falsche Mittel, um die säkularen Stagnation noch zu verhindern. Denn sie ändert nichts an den Ursachen. Effektive Unterstützung für Familien mit Kindern, eine für die Gesellschaft finanzierbare Alterssicherung sowie die Förderung von Innovationen wären hingegen Maßnahmen, die langfristig die Stagnationsgefahr vermindern. Allerdings gehören sie nicht zum konventionellen makroökonomischen Instrumentarium, weshalb Ökonomen und Wirtschaftspolitiker offensichtlich nicht hieran denken.
Über den Autor:
Karl-Heinz Thielmann ist seit 2010 Vorstand von Long-Term Investing Research. Er berät langfristige Anleger. Zwischen 1994 und dem Jahr 2000 arbeitete Thielmann als Fondsmanager beim Deutschen Investment Trust DIT (heute: Allianz Global Investors).
