Rund 400 Gäste aus Private Wealth Management, unabhängiger Vermögensverwaltung, Family Offices und institutioneller Kapitalanlage kamen am 16. und 17. September ins Cruise Center Altona – zum dritten Mal tagte der Kongress in der Location direkt an der Elbe. Für die Veranstalter von rehblau events war es erneut ein Heimspiel. Gefeiert wurden gleich drei Jubiläen: die 40. Ausgabe des Kongresses, 15 Jahre private banking magazin und 50 Jahre Harris Oakmark.
Steingart: Deutschland kauft sich seine Stagnation
Die Eröffnungs-Keynote hielt Gabor Steingart. Der Journalist und Bestsellerautor sieht den Ukraine-Russland-Konflikt in einer neuen Phase, hält ihn aber weiter für eskalationsfähig. Auch beim Ölkrieg sei das letzte Wort nicht gesprochen, mit Folgen für die Kapitalmärkte. Trumps größter Fehler sei es gewesen, den Krieg ohne Szenario zu beginnen, wie er enden solle. Profiteur sei vor allem China.
Steingarts schärfste Kritik galt der deutschen Wirtschaftspolitik: Die Bundesregierung kaufe sich ihre eigene Bilanz. Das Ergebnis sei nicht Wachstum, sondern gekaufte Stagnation. Offen bleibe, welche Generation das bezahlen soll. Beim Wettlauf um künstliche Intelligenz sieht er Europa abgeschlagen – wobei deutsche Unternehmen ohne großen KI-Anteil im Vergleich zum spekulativen Umfeld rund um SpaceX und Co. auch Vorteile hätten.
Fischer: Zölle erreichen ihre Ziele so wenig wie Sanktionen
Nach dem Mittagessen ordnete Klemens Fischer die Lage ein. Der Professor für Internationale Beziehungen und Geopolitik stellte seinen Vortrag unter die Frage, ob sich Geopolitik erdulden oder mitgestalten lässt. Seine nüchterne Diagnose zur Ukraine: Es gebe nicht genug Verbündete und die zunehmende Blockbildung helfe dem Land nicht.
Aus dem Iran-Krieg zog Fischer die Lehre, dass sich mit Waffengewalt vieles exportieren lasse, Demokratie aber nicht. Am Beispiel der Huthis, des Jemen und des Ölpreises zeigte er, dass nur wenige Länder direkt betroffen sind, während der Rest die Konsequenzen trägt. In Sachen Zollkrieg gibt er zu bedenken: Zölle erreichten ihre Ziele ebenso wenig wie Sanktionen.
Fischer blieb aber nicht beim Befund. Die arktische Route könne einen blockierten Pazifik teilweise ersetzen, stabile Investitionspunkte gebe es weltweit, und Risiken ließen sich proaktiv gestalten. Investitionsbedarf sieht er vor allem bei Lieferketten und bei der Abwehr von Cyberangriffen.
Jessen: 10, 10, 80
Am späten Nachmittag kam Philipp Jessen auf die Bühne. Der Gründer der Social-Media-Agentur Storymachine sprach über sein Buch „Shitfluencer“ und erzählte, wie ihn ein Anruf aus dem Adenauerhaus erreichte – er sollte Angela Merkel soziale Medien erklären. Hochprofessionell unterwegs seien dort vor allem die politischen Ränder, links wie rechts, verglichen etwa mit der CDU. Trump habe sich ins Amt getwittert.
Jessens Faustregel für jedes Thema lautet 10, 10, 80: Zehn Prozent finden ein Thema großartig, zehn Prozent sind strikt dagegen – und 80 Prozent sind unentschlossen und übernehmen die Meinung ihrer Peer Group. Genau diese Mehrheit gelte es in den sozialen Medien abzuholen. Für den politschen Frust vieler Menschen zeigte er Verständnis, hielt das Risiko angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, aber für zu groß.
Vorndran: 300 Euro im Monat, 40 Jahre, eine Million
Den Mittwoch beschloss Philipp Vorndran mit seiner „Vorndran'schen Vorlesung“ – ein Rückblick auf 15 Jahre Kapitalmarkt und darauf, was Nichtstun gekostet hat. Als er erklärt, die Hälfte aller Containerschiffe weltweit passiere die Straße von Taiwan, schiebt sich hinter der Glasfront des Cruise Centers ein Containerschiff die Elbe hinunter. Für seinen Punkt, dass Taiwan strategisch unersetzbar ist, hat der Kapitalmarktexperte von Flossbach von Storch damit die passende Kulisse.
In Deutschland beobachtet er dagegen einen schleichenden Anpassungsprozess: Wenn auf die Bahn kein Verlass sei, plane man eben drum herum und reise am Vorabend an.
Technologische Entwicklungen würden kurzfristig überschätzt und langfristig unterschätzt. Seine Konsequenz sind Realwerte, und dazu lieferte er die Rechnung gleich mit: 300 Euro monatlich über 40 Jahre, angelegt in Aktien oder Gold statt in Anleihen oder Festgeld, ergäben rund eine Million Euro.
Simic: Aus Chatbots werden Arbeitssysteme
Den zweiten Kongresstag eröffnete Ana Simic. Die KI-Beraterin und Multiaufsichtsrätin setzte bei der Lücke zwischen Hype und Investitionen auf der einen und dem tatsächlichen wirtschaftlichen Nutzen auf der anderen Seite an. Ihre Leitfragen an Entscheider: Wo steht die Technologie wirklich, welcher Blick auf Unternehmen lohnt sich – und was bedeutet das für Finanzdienstleister?
Simic beschrieb den Wandel zum Agentischen: Intelligenz werde günstiger, aus Chatbots würden zunehmend Arbeitssysteme und Agenten. Künstliche Intelligenz sei eine Basistechnologie wie Strom, Grundlage für alle Prozesse. Produktivitätsgewinne entstünden aus dem Zusammenspiel von Push und Pull. Entscheidend sei am Ende nicht das Werkzeug, sondern der Mensch, der das Tempo bestimmt. Für Anleger bleibe die Frage nach dem Burggraben – und für alle die Aufgabe, das eigene Urteilsvermögen fit zu halten.
Talks, Round-Tables und Break-Out-Sessions
Zwischen den Keynotes standen an beiden Tagen zwei Talks des private banking magazins auf dem Programm. Am Mittwoch ging es unter dem Titel „Vom Erben zum Gestalter“ um die Rolle der Next Generation im Private Wealth. Am Donnerstag diskutierte die Runde „Private Markets für alle? Zwischen Demokratisierung und Fürstentum“.
Dazu kamen Round-Tables und Break-Out-Sessions, in denen die Teilnehmer in kleinen Gruppen mit wechselnden Referenten diskutierten – von Infrastruktur über Schwellenländer und das neue Anleiheumfeld bis zu Technologie-, Japan- und Vietnam-Strategien. Das bewährte Format setzt auf Interaktion: Die Teilnehmer wählen im Vorfeld aus, welche Tische sie besuchen. Zwischen den Programmpunkten blieb Zeit für Gespräche, am Mittwochabend feierte die Branche das Jubiläum erst im Cruise Center und anschließend in der Location „Am Kai“ an der Großen Elbstraße.
Der nächste private banking kongress findet am 12. November in Berlin statt. Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier.