Crash-Propheten Dr. Doom & Co. Was von Börsen-Gurus zu halten ist

Crash-Propheten Dr. Doom & Co.: Was von Börsen-Gurus zu halten ist

Kaum eine Fernsehinformationssendung, keine seriöse oder unseriöse Zeitung, und auch kein Sachbuchverlag kommen mehr ohne Warnungen eines Experten vor „den katastrophalen Folgen“ von irgendetwas aus. Ob Raketen aus Nord-Korea, EZB-Geldpolitik, Präsident Trump, Flüchtlinge, Gentechnik, Bankenpleiten, Rechtsradikale, Klimawandel, Reformstau, Mietpreisbremse, soziale Ungleichheit oder etwas anderes: Kein Thema kann mehr diskutiert werden, ohne dass uns Experten davor warnen, dass aktuelle Entwicklungen oder wichtige Entscheidungen aufgrund ihrer Prognosen unweigerlich zu irreparabel negativen Konsequenzen führen müssen. Glücklicherweise sind die Warnungen fast immer maßlos übertrieben oder komplett unberechtigt.

Musterbeispiel Brexit

Speziell die britische Abstimmung über den Brexit vor einem Jahr war ein Debakel für das Expertentum. Die meisten Ökonomie-Experten hatten eindringlich vor gravierenden negativen Folgen eines Brexit für die britische Wirtschaft gewarnt. So gut wie kein Meinungsforscher-Experte hat mit einem Erfolg der Europagegner gerechnet. Noch ärgerlicher für die Expertengemeinschaft ist aber, dass sich viele Brexit-Befürworter in ihrer Meinung von der Ablehnung durch die Experten sogar ermutigt sahen. Sie haben ganz bewusst gegen den Expertenrat gehandelt, weil sie ihm nicht glaubten. Der konservative Politiker Michael Gove brachte die Anti-Expertenstimmung vor dem Brexit auf den Punkt, indem er formulierte: „Die britische Öffentlichkeit hat genug von sogenannten Experten, die sowieso immer alles falsch prognostizieren.“

Die Brexit-Warnungen tat er als ideologisch beeinflusste Gefälligkeitsgutachten ab, und viele Wähler folgten seiner Einschätzung. Tatsächlich haben sich insbesondere die Prognosen eines sofortigen ökonomischen Desasters nach dem EU-Austrittsvotum nicht bestätigt, was die Brexit-Befürworter in ihrer Ablehnung von Experten erneut bestärkt hat. Die Wirtschaft wuchs zunächst kräftig. Zwar ist dies vor allem der Bank of England zu verdanken, die unmittelbar nach der Bekanntgabe des Referendumsergebnisses den Geldhahn aufdrehte. Dies löste eine deutliche Abwertung der Währung aus und begünstigte ein starkes Wachstum der Konsumentenkredite. Diese kurzfristige Stimulanz konnte zumindest für ein paar Monate die Belastungen kompensieren.

Die Investitionen sind tatsächlich eingebrochen, etwa in der Autoindustrie 2017 um circa Dreiviertel gegenüber 2015. Die wichtige Finanzindustrie bereitet ihren Rückzug nach Dublin, Frankfurt oder Paris vor. Die endgültige Belastung wird aber erst nach Beendigung der Austrittsverhandlungen feststehen. Großbritannien wird als Brexit-Folge leiden, allerdings deutlich geringer und viel später, als von fast allen Experten-Warnern prognostiziert. Eigentlich hätten die warnenden Ökonomen damit rechnen müssen, dass die britische Notenbank oder die Finanzpolitik in irgendeiner Form versuchen würden, die unmittelbaren Folgen des Brexit-Votums abzumildern. Doch dies haben sie lieber zugunsten von Panikmache verdrängt.

Der Grund, warum sie dies gemacht haben, ist ganz simpel: Mit moderaten und seriösen Statements wären sie kaum in die Presse gekommen, die nach aufmerksamkeitswirksamen Schlagzeilen sucht. Also meinten sie, dass ihnen gar nichts anderes übrig blieb, als maßlos zu übertreiben. Und zumindest damit hatten sie recht: Hätten sie sich differenzierter und realistischer geäußert, wären sie zwar glaubwürdig geblieben, aber kaum in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden.

Was ist die Aufgabe eines Experten?

Seit Anbeginn der Zivilisation gibt es Experten. Ebenfalls seit Urzeiten gibt es zwei Arten hiervon: solche, die etwas besonders gut machen können. Und solche, die Unbekanntes erforschen und die Welt erklären sollen. Vor mehr als zehntausend Jahren brachte die beginnende Arbeitsteilung die ersten Landwirte sowie Bergmanns- und Handwerkerberufe mit sich – Experten dafür, aufgrund spezifischer Fachkenntnisse etwas besser zu machen als andere. Und es bildete sich eine Schicht von Experten, die sich über unsere Existenz und das allgemeine Nichtwissen hierüber Gedanken machten. Hierzu gehörten Priester, Zauberer und Wahrsager, aber auch die Philosophen des alten Griechenlands, die als Erste eine wissenschaftliche Vorgehensweise bei ihren Gedanken über die Welt anwandten.