Gold und das Szenario der Deutschen Bank polarisieren – die Einschätzungen der befragten Experten gehen auseinander:
Ulrich Stephan, Deutsche Bank
1. Grundsätzliche Einschätzung Die beiden Autoren der Studie halten diese Preisentwicklung für möglich, da sie argumentieren, dass der Anteil von Gold an den Währungsreserven der Notenbanken primär von dem geopolitischen Umfeld abhängt. Zuletzt war der Anteil des US-Dollars an den globalen Währungsreserven rückläufig. Er ist von über 60 Prozent auf rund 40 Prozent gefallen, während sich der Goldanteil von seinen Tiefständen aus auf derzeit etwa 30 Prozent verdreifacht hat – was aber auch wesentlich auf den starken Kursanstieg der Goldpreise in den vergangenen drei Jahren zurückzuführen ist.
Auch gehen die Autoren davon aus, dass Schwellenländer in den kommenden fünf Jahren den Goldanteil ihrer Reserven weiter erhöhen werden, und zwar auf mindestens 40 Prozent. Unter diesen Voraussetzungen wäre ein Anstieg der Goldpreise auf 8.000 US-Dollar je Unze denkbar. Dabei handelt es sich um ein Szenario unter spezifischen Annahmen, aus dem keine konkrete Prognose abgeleitet werden sollte. Ohne mich auf eine konkrete Kursprognose festlegen zu wollen, dürfte der Goldpreis in diesem Szenario tatsächlich kräftig zulegen, schließlich rechnen die Autoren mit Devisenreserven der Schwellenländer in Höhe von mindestens 5 Billionen US-Dollar in fünf Jahren.
2. Zentralbanknachfrage Das vergangene Jahr hat gezeigt, dass auch bei einer im Vergleich zu den beiden Vorjahren geringeren Nachfrage der Notenbanken der Goldpreis dennoch kräftig zulegen kann. Dies ist in erster Linie auf massive Käufe chinesischer Privatanleger in physischem Gold und in ETFs sowie eine Diversifizierung großer Kapitalsammelstellen wie Pensionsfonds und Versicherungen in Asien sowie auch in Nordamerika und Europa zurückzuführen. Während die physische Nachfrage unter dem hohen Preisniveau leidet, verzeichnen börsengehandelte, mit physischem Gold hinterlegte Produkte eine wachsende Nachfrage.
3. De-Dollarisierung In Anbetracht der geopolitischen Entwicklungen ist zu vermuten, dass der Trend zur Diversifizierung der Währungsreserven weiter anhalten wird. Zuletzt ist unter Marktakteuren verstärkt die Diskussion aufgekommen, ob eine Verringerung der Nachfrage nach „Petrodollar" – Staaten im Nahen Osten verkaufen Erdöl gegen US-Dollar und legen die Erträge zinsbringend in US-Staatsanleihen an – zu erwarten ist. Dies dürfte keine abrupte Abkehr aus US-Staatsanleihen auslösen, aber möglicherweise auf lange Sicht ein schleichender Prozess werden, der für eine verstärkte Nachfrage nach Gold sorgen sollte. Entscheidend ist hierbei, dass Gold nicht negativ von der Problematik stark steigender Verschuldung vieler Staaten beziehungsweise Diskussionen um deren Schuldentragfähigkeit betroffen sein dürfte, sondern davon profitieren sollte.
„Ein Niveau von 8.000 US-Dollar je Unze erscheint etwas sportlich“
4. Geopolitik vs. Fundamentaldaten Dies dürfte auf kurzfristige Positionierungen der Marktteilnehmer zurückzuführen sein, denn:
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Gold und das Szenario der Deutschen Bank polarisieren – die Einschätzungen der befragten Experten gehen auseinander:
Ulrich Stephan, Deutsche Bank
1. Grundsätzliche Einschätzung Die beiden Autoren der Studie halten diese Preisentwicklung für möglich, da sie argumentieren, dass der Anteil von Gold an den Währungsreserven der Notenbanken primär von dem geopolitischen Umfeld abhängt. Zuletzt war der Anteil des US-Dollars an den globalen Währungsreserven rückläufig. Er ist von über 60 Prozent auf rund 40 Prozent gefallen, während sich der Goldanteil von seinen Tiefständen aus auf derzeit etwa 30 Prozent verdreifacht hat – was aber auch wesentlich auf den starken Kursanstieg der Goldpreise in den vergangenen drei Jahren zurückzuführen ist.
Auch gehen die Autoren davon aus, dass Schwellenländer in den kommenden fünf Jahren den Goldanteil ihrer Reserven weiter erhöhen werden, und zwar auf mindestens 40 Prozent. Unter diesen Voraussetzungen wäre ein Anstieg der Goldpreise auf 8.000 US-Dollar je Unze denkbar. Dabei handelt es sich um ein Szenario unter spezifischen Annahmen, aus dem keine konkrete Prognose abgeleitet werden sollte. Ohne mich auf eine konkrete Kursprognose festlegen zu wollen, dürfte der Goldpreis in diesem Szenario tatsächlich kräftig zulegen, schließlich rechnen die Autoren mit Devisenreserven der Schwellenländer in Höhe von mindestens 5 Billionen US-Dollar in fünf Jahren.
2. Zentralbanknachfrage Das vergangene Jahr hat gezeigt, dass auch bei einer im Vergleich zu den beiden Vorjahren geringeren Nachfrage der Notenbanken der Goldpreis dennoch kräftig zulegen kann. Dies ist in erster Linie auf massive Käufe chinesischer Privatanleger in physischem Gold und in ETFs sowie eine Diversifizierung großer Kapitalsammelstellen wie Pensionsfonds und Versicherungen in Asien sowie auch in Nordamerika und Europa zurückzuführen. Während die physische Nachfrage unter dem hohen Preisniveau leidet, verzeichnen börsengehandelte, mit physischem Gold hinterlegte Produkte eine wachsende Nachfrage.
3. De-Dollarisierung In Anbetracht der geopolitischen Entwicklungen ist zu vermuten, dass der Trend zur Diversifizierung der Währungsreserven weiter anhalten wird. Zuletzt ist unter Marktakteuren verstärkt die Diskussion aufgekommen, ob eine Verringerung der Nachfrage nach „Petrodollar" – Staaten im Nahen Osten verkaufen Erdöl gegen US-Dollar und legen die Erträge zinsbringend in US-Staatsanleihen an – zu erwarten ist. Dies dürfte keine abrupte Abkehr aus US-Staatsanleihen auslösen, aber möglicherweise auf lange Sicht ein schleichender Prozess werden, der für eine verstärkte Nachfrage nach Gold sorgen sollte. Entscheidend ist hierbei, dass Gold nicht negativ von der Problematik stark steigender Verschuldung vieler Staaten beziehungsweise Diskussionen um deren Schuldentragfähigkeit betroffen sein dürfte, sondern davon profitieren sollte.
„Ein Niveau von 8.000 US-Dollar je Unze erscheint etwas sportlich“
4. Geopolitik vs. Fundamentaldaten Dies dürfte auf kurzfristige Positionierungen der Marktteilnehmer zurückzuführen sein, denn:
- Erstens mussten viele Anleger Gold zum Zwecke der Liquiditätsgewinnung verkaufen, um damit Verlustpositionen an anderen Marktsegmenten auszugleichen.
- Zweitens hatte der Goldpreis 2025 um 65 Prozent zugelegt und startete auch 2026 mit kräftigen Kursanstiegen ins neue Jahr, sodass viele Anleger mit hohen Gewinnen Kasse machen konnten.
- Drittens leidet der Goldpreis unter der Neubepreisung der Geldpolitik der Notenbanken rund um den Globus. Waren vor der Eskalation im Nahen Osten noch Zinssenkungen vieler Notenbanken erwartet worden, sind es mittlerweile oft kräftige Zinserhöhungen.
Dies und der darauffolgende robuste Anstieg der Renditen von Anleihen bremsen das weder Zins noch Dividende zahlende Gold momentan aus. Mittelfristig sollten jedoch die weiterhin positiven Fundamentaldaten den Goldpreisen wieder Rückenwind verleihen.
5. Eigene Fünfjahresprognose Der Goldpreis sollte aufgrund der oben genannten Annahmen – wie weiter stark ansteigende Nachfrage von Notenbanken und Kapitalsammelstellen zum Zwecke der Diversifizierung, anhaltend hohe Nachfrage in Ländern mit einer weiter wachsenden Mittelschicht (China, Indien, Teile Afrikas und Südamerikas) sowie ein möglicherweise etwas schwächerer Kurs des US-Dollars – weiteres Aufwärtspotenzial besitzen.
Zudem ist Gold auch in einigen industriellen Anwendungen gefragt. Wenngleich ein Niveau von 8.000 US-Dollar je Unze vielleicht etwas sportlich erscheint, könnte sich der Goldpreis zumindest deutlich in diese Richtung bewegen.
6. Risikoszenario Die stärksten Kursauswirkungen hätte vermutlich ein Kurswechsel der Notenbanken. 2023 und 2024 hat der Goldpreis demonstriert, dass er in einem ansonsten passenden Umfeld auch in Zeiten einer Aufwertung des US-Dollars und eines steilen Zinsanstiegs zulegen kann. Ein merklich festerer Kurs des US-Dollars könnte aber ebenfalls die Goldpreise in ihrem Vorwärtsdrang moderat bremsen.
7. Anlegerempfehlung Etwa fünf bis zehn Prozent als Absicherung eines Portfolios erscheinen sinnvoll. Die Rallye beeinflusste die Empfehlung eher gering, da Studien bereits zuvor für einen langen Zeitraum nachgewiesen haben, dass Gold zum einen die Volatilität eines Portfolios spürbar reduziert und zum anderen der Goldpreis gerade in Zeiten von Konjunkturdellen und Rückschlägen an Aktienmärkten zulegte – was die Performance des Portfolios stabilisierte.
Ulrich Stephan ist seit März 2010 Chief Investment Officer der Deutschen Bank und damit verantwortlich für die Markteinschätzungen und Anlagestrategien für Privat- und Firmenkunden in Deutschland. Zuvor war er Head of Private Banking Germany sowie in verschiedenen leitenden Funktionen im Wealth Management tätig. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Finanzbranche.
Thomas Strobel, Hypovereinsbank
1. Grundsätzliche Einschätzung In unseren Modellen gehen wir aus heutiger Sicht nicht von einem Anstieg auf 8.000 US-Dollar innerhalb von fünf Jahren aus. Der Markt zeigt zwar strukturelle Unterstützung durch geopolitische Unsicherheit und Zentralbanknachfrage, gleichzeitig wirken aber gegenläufige Kräfte wie steigende beziehungsweise strukturell höhere Renditen und ein stärkerer beziehungsweise nicht deutlich schwächerer US-Dollar belastend. Für ein solches Szenario müssten mehrere Faktoren gleichzeitig eintreten: eine deutlichere Beschleunigung der De-Dollarisierung, eine anhaltend hohe Inflation bei gleichzeitig niedrigen Realzinsen sowie eine signifikante Ausweitung der Goldkäufe durch Zentralbanken.
„Gold profitiert grundsätzlich von Tendenzen zur De-Dollarisierung “
2. Zentralbanknachfrage Zentralbanken bleiben ein zentraler Stützpfeiler des Goldmarkts. Wir gehen von einer strukturell robusten Goldnachfrage der Notenbanken aus, die den Preis selbst in Phasen kurzfristigen Gegenwinds stabilisiert. Gleichzeitig zeigt die jüngste Entwicklung, dass makroökonomische Faktoren wie das Zinsniveau, die Stärke des US-Dollars und die Entwicklung der Energiepreise ebenfalls einen erheblichen Einfluss auf die Preisbildung haben.
3. De-Dollarisierung Gold profitiert grundsätzlich von Tendenzen zur De-Dollarisierung, da es als neutrale Reservealternative fungiert. Wir gehen davon aus, dass sich dieser strukturelle Trend fortsetzt und einen nachhaltigen positiven Einfluss auf den Goldpreis ausüben wird. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Marktentwicklung, dass eine Reihe von makroökonomischen Faktoren kurzfristig einen erheblichen Einfluss haben und den Goldpreis temporär belasten können. Insgesamt erwarten wir, dass die De-Dollarisierung eher graduell verläuft und daher kein kurzfristig dominanter, wohl aber ein langfristig unterstützender Treiber für Gold bleibt.
4. Geopolitik vs. Fundamentaldaten Die jüngste Preisentwicklung unterstreicht den hohen Einfluss kurzfristiger makroökonomischer Faktoren. Obwohl geopolitische Unsicherheiten grundsätzlich unterstützend wirken, haben steigende Energiepreise, wieder zunehmende Inflationssorgen und die damit verbundenen Erwartungen an spätere Zinssenkungen den Goldpreis belastet. Höhere Renditen sowie ein stärkerer US-Dollar mindern zusätzlich die Attraktivität von Gold. Insgesamt zeigt sich, dass kurzfristig vor allem makroökonomische Erwartungen und Marktsentiment dominieren, während geopolitische Risiken eher als unterstützender Hintergrundfaktor wirken.
5. Eigene Fünfjahresprognose Auf Sicht von fünf Jahren erscheint ein moderater Preisanstieg wahrscheinlicher als extreme Szenarien. Kurz- bis mittelfristig, also auf Sicht von etwa zwei Jahren, sehen wir einen oberen Korridor von rund 5.000 bis 5.300 US-Dollar als realistisch an. Die Entwicklung dürfte von anhaltender Volatilität geprägt sein, wobei geopolitische Unsicherheiten und Zentralbankkäufe unterstützend wirken, während das Zinsumfeld und Währungsbewegungen begrenzend bleiben.
6. Risikoszenario Das größte Risiko für den Goldpreis sehen wir derzeit in einer Kombination aus einem starken US-Dollar und höher als erwarteten Zinsen. Steigende Energiepreise sowie Preisanstiege bei weiteren Rohstoffen infolge struktureller Engpässe können Inflationssorgen verstärken und dazu führen, dass Zentralbanken Zinssenkungen weiter nach hinten verschieben, den geldpolitischen Kurs erneut straffen oder über einen längeren Zeitraum an einer restriktiven Ausrichtung festhalten. Höhere Renditen mindern die Attraktivität von Gold zusätzlich, da das Edelmetall keine laufenden Erträge bietet. Diese Faktoren haben zuletzt bereits spürbaren Abwärtsdruck auf die Preise ausgeübt.
7. Anlegerempfehlung Für uns bleibt Gold ein wichtiger Baustein in der strategischen Asset-Allokation, insbesondere als Absicherung gegen geopolitische Risiken und systemische Unsicherheiten. Trotz der jüngsten Preisbewegungen und der erhöhten Volatilität rechtfertigt die anhaltende Resilienz des Goldpreises weiterhin eine Beimischung in breit diversifizierte Multi-Asset-Portfolios. Die aktuelle Gemengelage spricht jedoch für eine ausgewogene Positionierung, da kurzfristige Rückschläge – insbesondere im Umfeld anhaltend hoher Zinsen – nicht auszuschließen sind.
Thomas Strobel ist Senior Investment Strategist bei Unicredit Wealth Management und verantwortet dort die Cross-Assets-Investmentstrategie sowie das globale Makro- und Rohstoffresearch für Deutschland und Österreich. Zuvor war er als Senior Economist im Corporate & Investment Banking der UniCredit tätig. Vor seiner Zeit bei UniCredit arbeitete er unter anderem als wissenschaftlicher Mitarbeiter am ifo Institut sowie als externer Berater für die Europäische Kommission und den Deutschen Bundestag
Edgar Walk, Metzler Asset Management
1. Grundsätzliche Einschätzung Das Szenario der Deutschen Bank, dass der Goldanteil von 30 Prozent auf 40 Prozent der globalen Zentralbankreserven steigt, erscheint nicht extrem und durchaus realistisch. Zumal die alte regelbasierte Weltordnung nicht mehr existiert und der US-Dollar als Weltreservewährung langsam an Dominanz zu verlieren scheint. Auch sorgen die weltweiten rekordhohen Staatsschulden dafür, dass die globalen Zentralbanken ihre Reserven lieber in Gold anlegen als in anderen Währungen.
2. Zentralbanknachfrage Laut den Daten des World Gold Council haben die globalen Zentralbanken von 2011 bis 2021 in etwa 500 Tonnen Gold pro Jahr gekauft – nach der russischen Invasion in die Ukraine und dem Einfrieren der russischen Devisenreserven haben die globalen Zentralbanken ihre Goldkäufe auf etwa 1.000 Tonnen pro Jahr verdoppelt. Sie sind seitdem relativ stabil.
Der Goldpreisschub 2025 wurde überwiegend von privaten Investoren ausgelöst, die ihre Goldnachfrage von 2011 bis 2024 von etwa durchschnittlich 1.000 Tonnen pro Jahr auf etwa 2.000 verdoppelten. Die Angst der privaten Anleger – darunter fallen auch Institutionelle – vor hohen Staatsschulden und Geldentwertung scheint zuletzt eher der Preistreiber gewesen zu sein.
„Grundsätzlich sehen wir einen steigenden Goldpreis “
3. De-Dollarisierung Ja, Gold ist ein Nutznießer – aber „De-Dollarisierung" ist oft zu groß formuliert. Viele Länder ersetzen den Dollar nicht vollständig, sondern reduzieren Konzentrations-, Sanktions- und Verwahrrisiken. Solange die Staatsschulden in den USA und in anderen entwickelten Volkswirtschaften steigen, sehen wir den Trend als intakt an, da auch private Investoren weiter Gold kaufen werden.
4. Geopolitik vs. Fundamentaldaten Kurzfristige Rücksetzer ändern den säkularen Trend nicht. In einem großen Schuldenzyklus ist Gold volatil, aber strategisch wertvoll. Wenn der Markt glaubt, ein Konflikt erhöhe die Wahrscheinlichkeit höherer Zinsen, fällt Gold zunächst. Auch verkauften Zentralbanken aus Schwellenländern mit einem hohen Energieimportanteil wie die Türkei im März in einem erheblichen Umfang Gold, um ihre eigenen Währungen zu stabilisieren. Wenn daraus später Währungsentwertung oder fiskalische Belastung entsteht, steigt Gold wieder.
5. Eigene Fünfjahresprognose Eine Punktprognose ist nicht möglich. Grundsätzlich sehen wir aber einen steigenden Goldpreis, da die Fragmentierung der Welt zunimmt, der US-Dollar als Weltreservewährung langsam an Einfluss verlieren wird und die Staatsschulden weiter steigen werden.
6. Risikoszenario Nominal höhere Zinsen allein wären nicht automatisch negativ für Gold. Wenn höhere Zinsen aus Schuldenstress entstehen, kann das Gold sogar stützen. Wirklich negativ wäre eine glaubwürdige Wiederherstellung der US-Fiskaldisziplin. Wenn US-Staatsanleihen wieder eindeutig als sicherster globaler Hafen wahrgenommen werden, verliert Gold einen Teil seiner strukturellen Prämie. Dazu bräuchte es ein höheres Produktivitätswachstum, sinkende Staatsdefizite, eine stabile Währung und positive reale Anleiherenditen ohne Systemstress.
7. Anlegerempfehlung Welche Goldquote strategisch sinnvoll ist, hängt von der Struktur des jeweiligen Kundenportfolios ab – das lässt sich nicht pauschal sagen. In den institutionellen Multi-Asset-Portfolios von Metzler Asset Management liegt die Quote zwischen 5 Prozent und 10 Prozent – je nach Kundenpräferenzen. Gold ist strukturell sehr volatil, daher empfiehlt sich aus unserer Sicht grundsätzlich keine zu hohe Quote. Die vergangene Entwicklung des Goldpreises hat dabei keinen Einfluss auf die strategische Quote, da es sich um eine langfristige Positionierung handelt. Taktisch kann jedoch eine Über- oder Untergewichtung der strategischen Quote je nach Marktlage erfolgreich sein.
Edgar Walk ist seit Juli 2000 Chefvolkswirt bei Metzler Asset Management und blickt damit auf mehr als 25 Jahre Erfahrung im Haus zurück. Als Chief Economist verantwortet er die volkswirtschaftlichen Analysen und Kapitalmarktprognosen des Frankfurter Bankhauses.
Ulrich Urbahn, Berenberg
1. Grundsätzliche Einschätzung Ein wesentlicher Treiber der Gold-Rallye der vergangenen Jahre waren in der Tat die Zentralbanken, die mit Beginn des Russland-Ukraine-Kriegs ihre Goldbestände enorm nach oben geschraubt haben. Daran dürfte sich auch mittelfristig nichts ändern. Auch wir gehen davon aus, dass Zentralbanken ihre Bestände weiter erhöhen dürften. Insbesondere Zentralbanken aus den Schwellenländern, welche bislang nur rund 15 Prozent ihrer Reserven in Gold allokiert haben, dürften in den nächsten Jahren für eine anhaltend hohe Nachfrage sorgen. So erhöhte allein die Chinesische Volksbank zuletzt ihre Goldreserven um fast 260.000 Feinunzen – der höchste monatliche Anstieg seit 2024.
Die geopolitische Multipolarität, eine erhöhte Inflationsvolatilität sowie unaufhaltsame Staatsverschuldungen dürften aber auch das Interesse von Privatanlegern sowie institutionellen Anlegern weiter steigern. Dafür spricht auch, dass nun gerade in Krisenzeiten Aktien und Anleihen tendenziell im Gleichklang fallen, sodass Anleger noch breiter diversifizieren. Ähnlich wie die Kollegen der Deutschen Bank sehen wir daher keinen Anlass, unser Goldübergewicht, von dem Berenbergs Kunden schon seit 2018 profitieren, aufzulösen.
2. Zentralbanknachfrage Zentralbanken waren seit Beginn des Russland-Ukraine-Kriegs ohne Zweifel die stärksten Käufer am Goldmarkt, getrieben durch China, Polen und andere Schwellenländer. Seit dem Jahr 2022 weitete sich der Anteil von Zentralbanken allein aus den Schwellenländern an der Investment-Nachfrage auf zuletzt 40 Prozent aus. Nichtsdestotrotz wächst die Goldnachfrage auch in der Privatwirtschaft. Ein Indiz dafür sind starke Zuflüsse in Gold-ETFs, die 2022 und 2023 noch überwiegend Abflüsse verzeichneten.
Als die Privatwirtschaft ihre Goldallokationen im Januar oder zuletzt im März reduzierte, sahen die Goldmärkte starke Abverkäufe – obwohl die Zentralbanken im ersten Quartal dieses Jahres ihre Goldbestände weiter erhöhten. Dies zeigt: Auch wenn Zentralbanken zuletzt die Haupttreiber der Gold-Rallye waren, ist die Rolle von Asset Managern, Hedge-Fonds oder gar Privatanlegern an den Edelmetallmärkten nicht zu vernachlässigen.
„Fundamentale Treiber des Gold-Bullenmarktes bleiben intakt“
3. De-Dollarisierung Gold wird, wie viele andere Rohstoffe auch, in Dollar gehandelt. Entsprechend stark ist auch der Zusammenhang zwischen dem Edelmetall und dem US-Dollar selbst. Die globale De-Dollarisierung kommt dem Goldpreis daher grundsätzlich aufgrund mehrerer Faktoren zugute. Zum einen steigt dadurch das Interesse von einigen Anlegergruppen wie beispielsweise Zentralbanken weiter an. Dies liegt unter anderem an der Tatsache, dass das Edelmetall im Gegensatz zu Währungsreserven kaum durch politische Entscheidungen oder Sanktionen beeinflusst wird. Zum anderen gilt Gold, das man nicht einfach beliebig vermehren kann, auch als Absicherung gegen Inflation und die Abwertung von Währungen.
Dennoch sollte man sich bewusst machen, dass eine potenzielle De-Dollarisierung ein tendenziell schleichender Prozess ist. Wenngleich der US-Dollar in der jüngeren Vergangenheit etwas an Beliebtheit verloren hat, gilt er nach wie vor als globale Leitwährung und dominiert damit unverändert den globalen Handel sowie die Finanzmärkte aufgrund seiner tiefen, liquiden Märkte und einer fehlenden gleichwertigen Alternative. Insgesamt lässt sich sagen, dass Gold klar von einer etwaigen De-Dollarisierung profitieren würde. Eine vollständige Verdrängung des Dollars ist kurz- bis mittelfristig jedoch nicht zu erwarten.
4. Geopolitik vs. Fundamentaldaten Initial dürften einige Investoren gezwungen worden sein, Goldpositionen zu verkaufen, um die Verluste aus anderen Anlageklassen wie Aktien oder Anleihen zu kompensieren und das Portfolio-Risiko insgesamt zu reduzieren. So sahen wir im März enorme Abflüsse aus Gold-ETFs, was diese These unterstützt. Jüngst dürften auch die höheren Realzinsen auf Gold gelastet haben.
Trotzdem bleiben die fundamentalen Treiber des Gold-Bullenmarktes auch weiterhin intakt. Verschuldung, Inflation und Zentralbankkäufe dürften sich auch durch den Iran-Krieg eher verstärken und damit die Fallhöhe des Metalls mittelfristig begrenzen. Daher sehen wir den gegenwärtigen, eher Sentiment-getriebenen Abverkauf als Chance für Nachkäufe – vor allem da sich die Gold-Positionierung am Markt über die letzten Wochen noch einmal deutlich bereinigt hat.
6. Risikoszenario Die steigenden Renditen lasteten zuletzt auf dem Goldpreis. Dennoch dürfen hierbei auch nicht die unterliegenden Faktoren vernachlässigt werden, welche den jüngsten Zinsanstieg bedingen: eine mittelfristig erhöhte Inflation kombiniert mit den gegenwärtigen Sorgen vor der Tragfähigkeit der enormen Staatsverschuldungen. Beide Faktoren sind eher eine Stütze für Gold und andere reale Anlagen. Daher glauben wir, dass sich Gold trotz des gegenwärtigen Zinsanstiegs nicht signifikant weiter abwerten wird.
Ein Kurswechsel der Zentralbanken, also ein Umfeld, in welchem diese ihre Goldbestände wieder verkaufen, ist in der mittleren Frist das größte Risiko für den Goldpreis – jedoch schätzen wir die Wahrscheinlichkeit hierfür als äußerst gering ein. Im gegenwärtigen geopolitischen Umfeld bleibt der Anreiz für eine strukturelle Unabhängigkeit von Währungsreserven weiterhin hoch. Dies zeigt sich auch in den starken Zentralbankkäufen über die letzten Wochen.
Ulrich Urbahn ist Head of Multi Asset Strategy & Research sowie Head of Portfolio Management Alternatives bei Berenberg Wealth and Asset Management. Er ist seit Oktober 2017 für das Haus tätig und verwaltet unter anderem die Multi-Asset-Strategien Berenberg Variato und Berenberg Guardian. Zuvor war er mehr als neun Jahre bei der Commerzbank als Senior Cross Asset Strategist tätig.
Thu Lan Nguyen, Commerzbank
1. Grundsätzliche Einschätzung Wir sehen einen wichtigen Treiber des bisherigen Goldpreisanstiegs im Angriff Russlands auf die Ukraine. Nachdem lange Zeit ein Krieg in Europa für die meisten undenkbar war, sehen viele nun die realistische Gefahr eines großen Krieges. Verstärkt wurde diese Angst durch die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten sowie die Drohungen Chinas gegenüber Taiwan.
Zudem wurden als Reaktion auf den Angriff Russlands dessen Devisenreserven durch westliche Sanktionen eingefroren, was bei anderen Zentralbanken die Sorgen geschürt haben dürfte, dass bei ihren eigenen Währungsreserven etwas Ähnliches passieren könnte.
Mit der unberechenbaren Politik der US-Administration unter Präsident Trump haben zudem die Sorgen hinsichtlich der Stabilität der weltpolitischen wie auch finanzpolitischen Ordnung zugenommen. So fürchtet mancher angesichts von Trumps anhaltenden Angriffen auf die Fed um deren Unabhängigkeit, was zusammen mit der aggressiven Zollpolitik der US-Regierung den Status des US-Dollars als sichere Anlage untergraben könnte. Hinzu kommen fiskalische Risiken im Zuge steigender Staatsschulden in vielen Industrienationen, deren Anleihen und Währungen bislang als sichere Anlagen galten.
Dass sich Gold als ultimative sichere Anlage in diesem Umfeld durchsetzen konnte, dürfte daran liegen, dass Gold zum einen institutionell unabhängig ist, also von keinem Staat beziehungsweise keiner staatlichen Institution kontrolliert wird und somit keinem Ausfallrisiko ausgesetzt ist. Zum anderen verfügt das Edelmetall über eine beispiellos lange Historie der Wertstabilität. Schon im alten Ägypten galt Gold als Symbol der Unvergänglichkeit. Kurz gesagt: Gold wird als Anlage gesehen, die in jeglicher Krise – sei es einer Finanzkrise oder einer politischen Krise – stabil bleibt.
Dabei reicht es, wenn Investoren die Wahrscheinlichkeit für eine derartige Krise als nur marginal höher einschätzen und einen kleineren Teil ihres Portfolios in Gold umschichten. Denn die hieraus resultierende zusätzliche Nachfrage trifft auf einen relativ kleinen Markt. So schätzt der World Gold Council die Menge des jemals geförderten Goldes auf 220.000 Tonnen, was zu aktuellen Marktpreisen etwa 35 Billionen US-Dollar entsprechen würde. Dagegen ist die geschätzte Marktkapitalisierung des globalen Anleihe- und des globalen Aktienmarktes mehr als viermal so hoch. Zudem dürfte bei Gold noch ein wesentlich größerer Anteil nicht zum Verkauf stehen als bei Anleihen und Aktien, da ein beträchtlicher Teil des Goldes beispielsweise in Schmuck verarbeitet ist oder von Zentralbanken als Reserve gehalten wird.
Ein Preisniveau von 8.000 US-Dollar je Feinunze wäre als realistisch zu erachten, wenn sich die oben genannten Unsicherheitsfaktoren verschärfen – fiskalische Risiken steigen, neue geopolitische Konflikte ziehen Sanktionen nach sich, der Status des Dollars als sichere Anlage wird weiter angezweifelt.
2. Zentralbanknachfrage Ich denke, man kann nicht einen zentralen Käufer ausmachen. So haben wir zuletzt gesehen, dass auch ETF-Zuflüsse deutlich zugenommen haben. Vielmehr reden wir hier von einer allgemein zunehmenden Nachfrage nach Gold.
Der Grund für diesen starken Anstieg dürfte in den vielen Unsicherheitsfaktoren liegen, die in den vergangenen Jahren aufgekommen sind und die Nachfrage nach Gold als ultimativem sicheren Hafen erhöht haben. Und das gilt nicht nur für Zentralbanken, sondern für alle Arten von Investoren.
„Zentralbanken sind Grenzen gesetzt “
Weiterhin ist zu bedenken, dass dem Anteil, den Zentralbanken an Gold halten können, eine Grenze gesetzt ist. Der Zweck der Reserven ist es, im Krisenfall hinreichend Devisen zu haben, um Importe bezahlen zu können. Diese Importe können nicht in Gold bezahlt werden; es macht immer Sinn, den Großteil in den Währungen zu halten, in denen der Außenhandel abgewickelt wird.
3. De-Dollarisierung Die De-Dollarisierung reicht als Erklärung nicht. Denn es gibt genügend alternative Fiat-Währungen, auf die Investoren ausweichen könnten – den Euro beispielsweise. Die Frage ist eher, warum dies nicht geschieht.
4. Geopolitik vs. Fundamentaldaten Wir müssen in der Art der Krise differenzieren. Der Goldpreis steigt in Krisen, in welchen vor allem Konjunkturrisiken im Fokus stehen – wie etwa in der Großen Finanzkrise oder der Corona-Pandemie. In diesem Fall wird in der Regel erwartet, dass die Notenbanken mit einer expansiven Geldpolitik, also Zinssenkungen, reagieren. In der aktuellen Krise fokussiert sich die Mehrheit jedoch auf den Inflationsschock und rechnet daher mit Zinserhöhungen.
Dies erklärt auch, weshalb der Schweizer Franken, der normalerweise ebenfalls ein sicherer Hafen ist, zuletzt eher zu den Verlierern im G10-Währungsuniversum zählte. Die Schweizerische Nationalbank hat in der Vergangenheit, auch aufgrund eines insgesamt niedrigeren Inflationsniveaus, weitaus weniger stark mit Zinserhöhungen auf Inflationsschocks reagiert als andere Notenbanken.
Nichtsdestoweniger ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, dass Gold derzeitige Verluste insbesondere am Aktienmarkt nicht kompensiert, was üblicherweise eine wesentliche Eigenschaft eines sicheren Hafens ist. Dies liegt aber vor allem an der Natur der Krise und ist nicht goldspezifisch, sondern gilt auch für andere typische sichere Häfen.
5. Eigene Fünfjahresprognose Unser Prognosehorizont reicht nicht so weit. Unsere Prognose für Ende 2027 liegt bei 5.200 US-Dollar je Feinunze. Diese Prognose basiert auf einem Szenario, in dem der Konflikt in Nahost in den kommenden Monaten endet. In diesem Fall sehen wir eine realistische Chance dafür, dass die US-Notenbank gegen Ende des Jahres ihre Zinssenkungen wieder aufnimmt. Dies dürfte Gold Auftrieb verleihen.
6. Risikoszenario Auslöser für eine Korrektur des Goldpreises wären: eine De-Eskalation von Konflikten wie ein Ende des Ukraine-Krieges und hierdurch eine Rücknahme westlicher Sanktionen gegen Russland; eine Rückkehr zum Multilateralismus, etwa durch eine Rücknahme der US-Zölle und ein Bekenntnis zu internationalen Abkommen; Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung, die die Schuldenquoten stabilisieren oder gar fallen lassen; sowie ein offener Widerstand der US-Notenbank gegen Trumps Forderungen nach deutlich niedrigeren Zinsen.
Thu Lan Nguyen ist Head of FX and Commodity Research bei der Commerzbank. Sie ist seit 2010 für das Institut tätig und übernahm im Februar 2023 die Leitung des Commodity Research sowie im April 2025 die erweiterte Verantwortung für FX and Commodity Research. Zuvor war sie mehr als zwölf Jahre als FX-Analystin bei der Commerzbank tätig.
Reinhard Pfingsten, Apobank
1. Grundsätzliche Einschätzung Gold besitzt anders als Aktien keinen inneren Wert und damit auch keinen fairen Wert. Insofern bin ich kein Freund von Prognosen beim Goldpreis. Dieser wird bestimmt durch Angebot und Nachfrage – und da nur ein bis zwei Prozent des bereits geförderten Goldes jedes Jahr dazu kommt, ist es vor allem die Nachfrage, die den Preis bestimmt.
2. Zentralbanknachfrage In der Tat sind Zentralbanken – nicht nur die chinesische – die entscheidenden Einheiten, die die Nachfrage verändern. Industrie, Schmuckindustrie und institutionelle Investoren veränderten ihr Nachfrageverhalten nicht materiell. Privatinvestoren kamen zur Jahreswende ebenfalls mit neuer Nachfrage an den Markt.
3. De-Dollarisierung Man muss unterscheiden zwischen der durchaus auch von den USA gewollten Abwertung des Dollars und der Abkehr von der Dollarwelt. Beides führt aber dazu, dass sich die Zentralbanken überlegen, wie sie ihre Währungsreserven diversifizieren – und die Antwort ist in der Tat unter anderem Gold.
„Kurswechsel der Notenbanken sicher das größte Risiko “
4. Geopolitik vs. Fundamentaldaten Letztendlich zählt die Änderung in der Nachfrage. Wenn einzelne Länder Gold verkaufen, um Öl kaufen zu können, verändert dies Nachfrage und Preis. Aber der Trend zur Diversifikation der Währungsreserven wird bleiben – und damit ein positiver Nachfrageschub für Gold.
5. Eigene Fünfjahresprognose Wir gehen von einer weiter positiven Entwicklung aus. Einen fairen Wert können wir, wie oben beschrieben, nicht nennen, da es diesen nicht gibt.
6. Risikoszenario In der Tat wäre ein Kurswechsel der Notenbanken sicher das größte Risiko, da dann der derzeit wichtigste Käufer wegfällt. Dieses Szenario würde dann eintreten, wenn die USA mit der erreichten Abwertung des Dollars zufrieden sind und dann Druck auf einzelne Länder ausüben, weitere Käufe zu unterlassen.
7. Anlegerempfehlung Bis zu fünf Prozent Allokation erachten wir für durchaus angemessen. Wir hatten zwischenzeitlich auch mehr allokiert, aber nach dem starken Anstieg teilweise Gewinne realisiert.
Reinhard Pfingsten ist seit September 2023 Chief Investment Officer der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (Apobank) sowie Bereichsleiter Institutionelle Kunden und Asset Management. Zugleich ist er seit Dezember 2023 Aufsichtsratsmitglied der Apo Asset Management. Zuvor war er als Global Head of Asset Allocation bei ABN Amro Private Banking sowie als Chief Investment Officer der Bethmann Bank tätig.
Gabriele Widmann, Dekabank
1. Grundsätzliche Einschätzung Wir halten einen Goldpreis von 8.000 US-Dollar in fünf Jahren für nicht wahrscheinlich. Er wäre möglicherweise in einem Szenario vorstellbar, in dem Realzinsen stark fielen, Zentralbanken ihre Nettokäufe als Reserve-Diversifikation zulasten des US-Dollars massiv ausweiteten und geopolitische Spannungen stark zunähmen. Das ist nicht unser Prognosebild. Auf 12-Monats-Sicht erwarten wir einen Goldpreis bei rund 5.150 US-Dollar je Feinunze, getragen von erwarteten Fed-Zinssenkungen, einem tendenziell etwas schwächeren US-Dollar und stabiler Zentralbanknachfrage.
2. Zentralbanknachfrage Zentralbanken sind und bleiben wohl auch in Zukunft ein zentraler Stützpfeiler der Goldnachfrage mit ihren Nettokäufen. Ihr Anteil an der physischen Nachfrage liegt aktuell bei rund 20 Prozent. Die Schmucknachfrage ist seit Jahren leicht rückläufig, weil sie preisempfindlich ist und die Menschen weltweit mit einer gewissen Kaufzurückhaltung bei Goldschmuck auf gestiegene Goldpreise reagieren. Die Barren- und Münznachfrage ist weniger preiselastisch und daher recht robust, während Zu- und Abflüsse in Gold-ETFs kurzfristige Bewegungen verstärken können.
3. De-Dollarisierung Gold profitiert strukturell von der Diversifikation der Währungsreserven und dem Wunsch nach geringerer US-Dollar-Abhängigkeit. Das Ausmaß der Diversifikationsmöglichkeiten für die Notenbanken bleibt aber begrenzt. Der US-Dollar könnte zwar als alleinige Weltleitwährung in Frage gestellt, aber in absehbarer Zukunft nicht abgelöst werden.
4. Geopolitik vs. Fundamentaldaten Vor allem steigende US-Renditen belasteten den Goldpreis zuletzt deutlich, nachdem er zu Beginn des Jahres noch deutlich oberhalb von 5.000 US-Dollar je Feinunze geklettert war. Langfristig wirken Fundamentalfaktoren wie ein begrenztes Angebot, strukturelle Zentralbankkäufe und die Diversifikation und lassen einen volatilen Aufwärtstrend der Goldnotierung erwarten.
„Steigende Realzinsen wirken besonders preisdämpfend “
5. Eigene Fünfjahresprognose Einen Anhaltspunkt für die langfristige Betrachtung liefert die dem Gold zugeschriebene Eigenschaft des Inflationsschutzes. Daher bietet die globale Inflationsrate eine gute Orientierung und Basis für eine volkswirtschaftlich fundierte langfristige Renditeerwartung für Gold.
6. Risikoszenario Das größte Abwärtsrisiko für Gold sehen wir in länger erhöhten Realzinsen bei gleichzeitig starkem US-Dollar – beides setzt die Notierung unter Druck und kann durch ETF-Abflüsse in Korrekturphasen verstärkt werden. Da Gold keine laufenden Erträge generiert, wirken steigende Realzinsen besonders preisdämpfend.
7. Anlegerempfehlung Wir halten eine strategische Goldbeimischung von etwa fünf bis zehn Prozent – abhängig von der Risikotragfähigkeit – für angemessen.
Gabriele Widmann arbeitet seit Oktober 2001 als Volkswirtin im Makro Research der Dekabank, dem Wertpapierhaus der Sparkassen. Seit Juni 2023 leitet sie die Gruppe „Immobilien und Makro Trends". Ihre Schwerpunkte liegen neben Konjunktur und Märkten auf der Analyse der Rohstoff- und Immobilienmärkte sowie übergreifenden Themen wie Wertpapieranlage und Demografie. Vielen ist sie bekannt durch „Money on Her Mind", den zweiwöchentlichen Podcast der Deka zu Themen rund um Geldanlage und Wirtschaft.
Christian Subbe, HQ Trust
1. Grundsätzliche Einschätzung Das entspräche in etwa der Entwicklung der vergangenen fünf Jahre. Dieses Szenario ist also nicht ganz unrealistisch – sofern die nächsten fünf Jahre die gleiche Entwicklung abbilden. Wie der aktuelle Rückgang zeigt, sollte man aber nie von einer linearen Entwicklung ausgehen. Korrekturen, auch signifikante, sind immer möglich und ebenso realistisch.
2. Zentralbanknachfrage Wir gehen auch davon aus, dass die strukturelle Nachfrage bestehen bleibt und viele Zentralbanken sich aus Dollar-Reserven herausdiversifizieren. Eine wesentliche weitere Komponente ist das Schmuckgold, das 2025 rund 30 Prozent der Nachfrage ausgemacht hat. Insbesondere bei weiter steigendem Wohlstand in den Schwellenländern, wo Gold eines der ersten Mittel zur Vermögensbildung ist, wird die Nachfrage hoch bleiben.
„Dollarreserven werden auch als Druckmittel eingesetzt“
Zudem nahm das spekulative Interesse in letzter Zeit deutlich zu. Das kann man an den Zuflüssen in ETFs und der stark angestiegenen Google-Suche nach dem Begriff Gold sehen. 2025 hat die Investment-Nachfrage nach Münzen, Barren und ETFs mit physischer Hinterlegung gut 40 Prozent ausgemacht, die Nachfrage der Notenbanken belief sich auf rund 17 Prozent. Übrigens: Im Jahr 2024 waren die Top 3 bei der Notenbanknachfrage Polen, Kasachstan und Brasilien – und nicht China. Zu 2025 liegen uns dazu noch keine Zahlen vor.
3. De-Dollarisierung Das ist genau der Effekt der Zentralbanknachfrage. Man hat gesehen, dass Dollarreserven auch als Druckmittel eingesetzt werden. Hinzu kommen die massiv angestiegenen Staatsschulden. Die Umschichtung ist eher nachhaltig, also struktureller Natur und nicht nur temporär.
4. Geopolitik vs. Fundamentaldaten Kurzfristig dominiert die Stimmung. Zu viel Euphorie ist meist eher ein gegenläufiges Signal. Hinzu kommen markttechnische Faktoren: Margin Calls in anderen Investments können zu Gewinnrealisierungen führen. Gold hat ja eine außerordentlich positive Entwicklung hinter sich. Langfristig setzt sich der strukturelle Aufwärtstrend fort.
5. Eigene Fünfjahresprognose Für unsere langfristigen Annahmen setzen wir sehr konservativ die Entwicklung des Goldpreises in etwa mit der Inflationsentwicklung gleich. Dann landen wir eher bei 5 500 Dollar – und freuen uns, wenn es mehr wird.
6. Risikoszenario Das Angebot an Gold ist relativ starr – also die Menge, die jährlich produziert wird. Neue Minen lassen sich nicht schnell bauen. Ein wirkliches Risiko kommt eher daher, dass wir wie jüngst nach einer spekulativen Nachfrage und zu viel Euphorie in eine Phase des Abverkaufs kommen. Solche Gegenbewegungen gab es in der Vergangenheit immer wieder, auch über längere Zeiträume.
7. Anlegerempfehlung Für uns ist Gold eine wichtige strategische Komponente bei der langfristigen Allokation verschiedener Assetklassen. Das Edelmetall bewies in der Vergangenheit immer wieder, dass es zum einen einen gewissen Hedge gegen Inflation darstellt, aber auch bei Krisen ein entsprechendes Profil aufweist, um ein Portfolio zu stabilisieren. Eine Goldallokation hängt stark von den individuellen Investorenanforderungen ab. Bei den von uns betreuten Portfolios liegt das in der Regel zwischen 3 Prozent und 10 Prozent.
Christian Subbe ist seit Juni 2024 Geschäftsführer und Chief Investment Officer von HQ Trust, dem Multi-Family-Office der Harald Quandt Gruppe mit Sitz in Bad Homburg. Zuvor war er sechs Jahre als Vorstand Kapitalanlagen der Frankfurter Leben-Gruppe tätig. Davor arbeitete er mehr als neun Jahre bei Allianz Global Investors, zuletzt als Head Multi Asset Active Allocation. Weitere Stationen seiner Karriere waren Deka Investment und Deka Kapitalanlage.
Nitesh Shah, Wisdomtree
1. Grundsätzliche Einschätzung Wenn sich der Goldpreis innerhalb von zwei Jahren verdoppeln konnte – wie dies zwischen Januar 2004 und Januar 2006 der Fall war – dann ist ein Anstieg auf 8.000 US-Dollar über einen Zeitraum von fünf Jahren durchaus denkbar.
Ein anhaltender Anstieg der Nachfrage seitens der Zentralbanken könnte in Verbindung mit allgemeinen Befürchtungen hinsichtlich einer fiskalischen Dominanz, der Staatsverschuldung und einer Währungsabwertung eine starke strukturelle Stütze für die Goldpreise darstellen. Eine weitere Diversifizierung weg von US-Dollar-Reserven und eine anhaltende geopolitische Fragmentierung würden diesen Trend ebenfalls verstärken.
2. Zentralbanknachfrage Ich bin der Ansicht, dass es mehrere wichtige Faktoren gibt, die den Goldpreis stützen, nicht nur die Nachfrage der Zentralbanken. Weltweit beobachten wir eine wachsende Zahl an Goldkäufern, darunter Pensionsfonds und Versicherungsgesellschaften in Regionen, in denen Gold in institutionellen Portfolios bisher – sei es aufgrund von Vorschriften oder Anlagegewohnheiten – nur eine untergeordnete Rolle spielte.
„Krieg zwischen Russland und der Ukraine war ein Wendepunkt “
Die Käufe der Zentralbanken wirken sich zweifellos stützend aus, sind aber nur ein Teil des Gesamtbildes. Wachsende Bedenken hinsichtlich der fiskalischen Dominanz und des mit Fiat-Währungen verbundenen langfristigen Entwertungsrisikos erhöhen ebenfalls die Attraktivität von Gold, insbesondere angesichts des relativ begrenzten Goldangebots.
3. De-Dollarisierung Ja, ich teile diese Ansicht im Großen und Ganzen. Zunehmend nutzen Zentralbanken die Erlöse aus fälligen US-Dollar-Anlagen, um Gold zu kaufen, anstatt sie in zusätzliche Dollarreserven zu reinvestieren.
Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine im Jahr 2022 war ein Wendepunkt, der deutlich machte, dass G7-Reservewährungen durch Sanktionen und das Einfrieren von Vermögenswerten effektiv als Waffe eingesetzt werden können. Infolgedessen haben viele Zentralbanken versucht, ihr geopolitisches Risiko zu verringern, indem sie ihre Währungsreserven durch Gold diversifizierten.
Das Halten von Reservewährungen wie dem US-Dollar kann Länder zudem den Auswirkungen der Geldpolitik anderer Länder aussetzen. Gold hingegen ist politisch neutral und birgt nicht die gleichen Risiken hinsichtlich geldpolitischer Auswirkungen.
4. Geopolitik vs. Fundamentaldaten Gold hatte bereits im Januar 2026 ein überhöhtes und auf Dauer kaum tragfähiges Niveau erreicht und befand sich bereits vor Ausbruch des Konflikts in einer Korrekturphase. Diese Abwärtsdynamik war also bereits vorhanden.
In den frühen Phasen geopolitischer Schocks kann Gold zunächst unter Druck geraten, da die Nachfrage nach Liquidität stark ansteigt. Gold gilt als hochliquider, bargeldähnlicher Vermögenswert und wird daher manchmal verkauft, um Notfallausgaben, sogenannte Margin Calls oder Währungsstützungsmaßnahmen zu decken. So veräußerte beispielsweise die türkische Zentralbank Goldreserven, um US-Dollar-Liquidität zur Stabilisierung der Lira zu beschaffen.
Derzeit wirken sich steigende Anleiherenditen und die Erwartung, dass die Zinsen aufgrund anhaltender Inflationsdrücke länger auf einem höheren Niveau bleiben könnten, ebenfalls als kurzfristige Gegenwinde für Gold aus.
Langfristig dürfte sich Gold jedoch weiterhin von Fiat-Währungen abheben, bei denen zunehmend Entwertungsrisiken befürchtet werden. Die steigende globale Verschuldung, Bedenken hinsichtlich der fiskalischen Tragfähigkeit vieler Staaten sowie mögliche konjunkturelle Abschwächungen oder rezessive Tendenzen dürften Gold auch auf längere Sicht unterstützen.
5. Eigene Fünfjahresprognose Ich bin der Ansicht, dass der langfristige Trend für Gold weiterhin nach oben zeigt, gestützt durch eine strukturell starke Nachfrage seitens der Zentralbanken, eine anhaltende Diversifizierung weg von US-Dollar-Reserven, hohe Haushaltsdefizite und anhaltende Sorgen um die Staatsverschuldung.
Zwar ist es schwierig, ein genaues Kursziel vorherzusagen, dennoch glaube ich, dass das fundamentale Umfeld für die Goldpreise in den nächsten fünf Jahren weiterhin günstig bleibt. Die wichtigsten Annahmen, auf denen diese Einschätzung beruht, sind eine anhaltende geopolitische Fragmentierung, die fortgesetzte Diversifizierung der Währungsreserven durch die Zentralbanken sowie ein Umfeld, in dem die Inflation strukturell höher bleibt als in der Zeit vor der Pandemie.
6. Risikoszenario Kurzfristig dürften steigende reale Anleiherenditen, ein stärkerer US-Dollar oder ein deutlicher Rückgang der Inflation sich negativ auf die Goldpreise auswirken.
Langfristig besteht das Risiko, dass neue Marktteilnehmer auf dem Goldmarkt eher taktisch als strategisch vorgehen und in Schwächephasen eher bereit sind zu verkaufen, was Preisrückgänge und Volatilität möglicherweise noch verstärken könnte.
7. Anlegerempfehlung In unserer quantitativen Analyse, in der wir risikoadjustierte Renditen von Portfolios optimieren, die Gold, Anleihen und Aktien enthalten, zeigt sich, dass eine Goldallokation von 15 bis 20 Prozent in der Vergangenheit zu einer starken Diversifizierung und einer hohen Portfolioeffizienz geführt hat.
Diese Einschätzung änderte sich in den vergangenen zwölf Monaten trotz der starken Erholung der Goldpreise nicht wesentlich. Was sich jedoch geändert hat, ist, dass offenbar immer mehr Anleger diese Sichtweise teilen und zunehmend die strategische Rolle von Gold in diversifizierten Portfolios anerkennen.
Nitesh Shah ist Head of Commodity & Macro Research Europe bei Wisdomtree und verantwortet dort die Rohstoff- und Makroanalyse für den europäischen Markt. Er verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung in der Edelmetall- und Rohstoffforschung.
Fazit
Die Antworten der neun Experten zeichnen ein vielschichtiges Bild – und eines, das die Branche in zwei Lager teilt. Auf der einen Seite stehen jene, die das 8.000-Dollar-Szenario der Deutschen Bank zumindest für denkbar halten: Nitesh Shah von Wisdomtree verweist darauf, dass sich der Goldpreis historisch bereits innerhalb von zwei Jahren verdoppelt habe – ein Anstieg auf 8.000 Dollar binnen fünf Jahren sei also nicht ohne Präzedenz. Thu Lan Nguyen von der Commerzbank sieht das Niveau als realistisch, sofern sich fiskalische und geopolitische Risiken weiter verschärfen. Ulrich Urbahn von Berenberg hält den jüngsten Abverkauf gar für eine Kaufgelegenheit und sieht keinen Anlass, das seit 2018 bestehende Goldübergewicht aufzulösen.
Auf der anderen Seite steht die Skepsis: Ulrich Stephan, CIO der Deutschen Bank, nennt das Niveau aus dem eigenen Haus „vielleicht etwas sportlich". Thomas Strobel von der Unicredit sieht in den Modellen zu viele gegenläufige Kräfte, die Dekabank stuft das Szenario klar als unwahrscheinlich ein. Reinhard Pfingsten von der Apobank enthält sich einer Preisprognose grundsätzlich – Gold habe schlicht keinen fairen Wert. Edgar Walk von Metzler Asset Management und Christian Subbe von HQ Trust sehen den strukturellen Aufwärtstrend zwar als intakt, Subbe nennt als konkretes Kursziel aber "nur“ 5.500 US-Dollar. Was alle eint: Die strukturellen Treiber – Zentralbanknachfrage, De-Dollarisierung, steigende Staatsschulden – gelten als robust.
Bei der Frage der richtigen Allokation gehen die Meinungen weit auseinander: von bis zu fünf Prozent bei der Apobank bis zu 15 bis 20 Prozent bei Wisdomtree – ein Beleg dafür, dass Gold in institutionellen Portfolios längst keine Randposition mehr ist, über seine optimale Gewichtung aber weiter diskutiert wird.