Commerzbank-Research Top-Ökonom warnt vor Immobilienblase in Europa

Jörg Krämer ist Chefvolkswirt der Commerzbank. | © Commerzbank

Jörg Krämer ist Chefvolkswirt der Commerzbank. Foto: Commerzbank

Seit einigen Jahren steigen die Häuserpreise nicht nur in Deutschland, sondern in den meisten Euro-Ländern deutlich an. Dies zeige einmal mehr, dass die expansive Geldpolitik der EZB ihren Preis hat, ist sich Jörg Krämer sicher. So erscheinen Häuser in einigen Ländern wie Belgien und Frankreich, zunehmend aber auch in Deutschland, bereits als teuer. „Sollte die EZB wie von uns erwartet noch lange Zeit an ihrer Negativzinspolitik festhalten, droht die nächste Blase bei den Immobilienpreisen“, warnt der Chefvolkswirt der Commerzbank im aktuellen Research-Bericht der Bank.

Kommenden Donnerstag werde die EZB wohl die Konditionen für die neuen Langfristtender festlegen und damit die nächste expansive Maßnahme auf die Schiene setzen. Begründet werde weitere Lockerung der Geldpolitik mit dem weiterhin sehr schwachen unterliegenden Preisauftrieb.

Allerdings sei es keinesfalls so, dass diese Politik – wie häufig in der öffentlichen Diskussion mit Verweis auf die geringe Inflation suggeriert – keine Kosten habe. Dies zeige sich etwa am Immobilienmarkt. Wegen der in vielen Regionen Deutschlands kräftig steigenden Häuserpreisen werde seit einiger Zeit immer wieder diskutiert, ob sich hier bereits eine Blase gebildet habe. Dabei werde häufig übersehen, dass Deutschland im Euroraum keinesfalls ein Einzelfall sei, sondern die Häuserpreise in vielen Euro-Ländern inzwischen deutlich stärker stiegen als in Deutschland. So lag Deutschland mit einem Plus von etwa 4,5 Prozent im Verlauf des vergangenen Jahres nur leicht über dem Durchschnitt des Euroraums und damit im Ranking der Euro-Länder in der unteren Hälfte der Tabelle, heißt es im Bericht.

Während die Preise nur in Italien gefallen seien, hätten sie in Slowenien und Lettland mit zweistelligen Raten zugelegt. In drei Ländern Portugal, Niederlande und Luxemburg lag das Plus den Angaben zufolge bei fast 10 Prozent. Und die EZB schiebt weiter an Der Grund für diese Entwicklung liege auf der Hand: „Die extrem expansive Geldpolitik der EZB macht den Erwerb eines Eigenheims für viele erschwinglich und schiebt die Nachfrage an. Gleichzeitig drückt sie die Renditen anderer Geldanlagen und macht damit Immobilien für Investoren attraktiver.“

Tatsächlich stiegen die Häuserpreise Euroraum-weit seit 2014, als sich die Leitzinsen der EZB der Nulllinie näherten und die ersten Weichen in Richtung quantitative Lockerung gestellt. Wegen der niedrigen Zinsen seien die Häuserpreise in den vergangenen Jahren deutlich stärker gestiegen als dies aus fundamentaler Sicht gerechtfertigt gewesen wäre. So ist die Relation zwischen den Häuserpreisen und den Mieten – ein häufig verwendetes Maß für die Bewertung von Immobilien – seit Anfang 2015 um mehr als 10 Prozent gestiegen. Damit liege sie weniger als 5 Prozent unter ihrem Niveau von Anfang 2008, als sich in einigen Euro-Ländern am Immobilienmarkt beträchtliche Blasen gebildet hatten.

„Von einer ausgeprägten Blase kann damit sicherlich noch nicht die Rede sein“, urteilt Kramer. „Allerdings deutet derzeit alles darauf hin, dass die EZB ihren Kurs noch für eine beträchtliche Zeit beibehalten wird. Wir gehen davon aus, dass sie ihren Einlagesatz bis Ende 2020 nicht verändern wird und auch danach den Expansionsgrad ihrer Geldpolitik allenfalls sehr langsam zurückdrehen wird.“ Das werde die Bewertung von Wohnimmobilien weiter steigen lassen. Voraussichtlich Ende 2020 dürfte sie im Durchschnitt des Euroraums das kurz vor der Finanzkrise erreichte Niveau übertreffen. Mit jedem weiteren Anstieg werde die Gefahr einer Blase weiter zunehmen.

Hier geht es zum vollständigen Research-Bericht der Commerzbank mit detaillierten Analysen zu Immobilienmärkten in den einzelnen EU-Ländern, sowie einem Ausblick auf die wichtigsten Konjunkturdaten und Anlageklassen.