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Stockpicking im MSCI Emerging Markets „Wer in den Schwellenländern nur auf Sektoren schaut, verpasst die Gewinner“

Nick Payne, Portfoliomanager Emerging Markets bei Comgest.

Nick Payne, Portfoliomanager Emerging Markets bei Comgest. Bildquelle: Comgest

private banking magazin: Die Emerging Markets haben in den vergangenen Jahren stark von einzelnen Wachstumssegmenten profitiert. Was hat sich an den Märkten strukturell verändert? 

Nick Payne: Die wichtigste Veränderung ist aus unserer Sicht die zunehmende Konzentration. Immer weniger Unternehmen tragen einen immer größeren Teil der Indexrendite. Das lässt sich sehr deutlich an der Marktbreite ablesen: Anfang 2024 übertrafen noch mehr als 50 Prozent der Aktien den MSCI Emerging Markets über einen Zeitraum von drei Jahren. Im Juni 2026 waren es nur noch rund 18 Prozent. 

Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung. Sie zeigt, dass die Renditeentwicklung der Schwellenländer zunehmend von einer relativ kleinen Gruppe von Unternehmen getragen wird. Für Anleger bedeutet das: Es reicht immer weniger, einfach „Emerging Markets“ als Anlageklasse zu kaufen. Die Frage, welche Unternehmen man tatsächlich im Portfolio hält, gewinnt an Bedeutung. 

Woher kommt diese Konzentration? 

Payne: Ein wesentlicher Treiber ist die enorme Dynamik im Technologiesektor. Informationstechnologie hat den MSCI Emerging Markets über die vergangenen drei Jahre um 208 Prozent übertroffen. Gleichzeitig lagen andere Sektoren deutlich zurück: Industriewerte, Finanzwerte und zyklischer Konsum. 

Damit stammt ein großer Teil der Marktdynamik im Wesentlichen aus einem einzigen Sektor. Das ist zunächst eine wichtige Beobachtung. Aber für uns ist sie noch keine Investmententscheidung. Denn „Technologie“ ist kein homogenes Investment. Innerhalb eines starken Sektors gibt es große Unterschiede zwischen Marktführern, Unternehmen mit nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen und Nachzüglern. 

Sie argumentieren gegen eine reine Sektorbetrachtung. 

Payne: Genau. Sektoren sind für uns ein Ausgangspunkt der Analyse, aber niemals der Maßstab für die Titelauswahl. Die entscheidende Frage lautet: Welches Unternehmen kann innerhalb eines strukturell wachsenden Marktes tatsächlich Mehrwert schaffen und diesen Wettbewerbsvorteil langfristig verteidigen? 

Das gilt in beide Richtungen. Ein Unternehmen kann in einem starken Sektor schwach sein – und ein herausragendes Unternehmen kann in einem schwachen Sektor erfolgreich sein. Genau deshalb ist die Einzeltitelselektion gerade in einem konzentrierten Markt so wichtig. 

Könnten Sie das an einem konkreten Beispiel erläutern? 

Payne: SK Hynix zeigt sehr gut, wie ein Unternehmen einen Sektor nicht einfach nur abbildet, sondern selbst zu dessen Entwicklung beiträgt. Das südkoreanische Unternehmen ist ein führender Anbieter von High-Bandwidth-Memory, kurz HBM. Diese Speichertechnologie ist für KI-Beschleuniger von zentraler Bedeutung, weil sie die benötigten Daten mit hoher Geschwindigkeit bereitstellt. 

Nach unseren Marktdaten hält SK Hynix rund 56 bis 58 Prozent des globalen HBM-Marktes und liegt damit deutlich vor seinen Wettbewerbern. Getrieben durch die starke Nachfrage nach KI-Speicherbedarf stieg im ersten Halbjahr 2026 der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 257 Prozent, der operative Gewinn lag für denselben Zeitraum bei +550 Prozent. 

Für uns sind solche Zahlen mehr als ein reiner Ausdruck des allgemeinen Technologiebooms. Sie spiegeln eine über Jahre aufgebaute technologische Führungsposition und enge Partnerschaften mit wichtigen Abnehmern von KI-Speicherlösungen wider. 

Sie haben mit Capitec aber auch ein Beispiel aus einem völlig anderen Bereich im Portfolio. 

Payne: Ja, und gerade deshalb ist es interessant. Der Finanzsektor gehört zu den schwächeren Bereichen des MSCI Emerging Markets. Über drei Jahre lag er 31 Prozent hinter dem Index. Trotzdem kann ein einzelnes Finanzunternehmen wie Capitec aus Südafrika erfolgreich sein. Im Geschäftsjahr bis Februar 2026 steigerte die Bank ihren Jahresüberschuss um 23 Prozent auf rund 16,8 Milliarden südafrikanische Rand (880 Millionen Euro). Die Eigenkapitalrendite lag bei 31 Prozent, die aktive Kundenbasis bei 26 Millionen. 

Was macht Capitec anders als viele klassische Banken in den Emerging Markets? 

Payne: Das Geschäftsmodell ist breit aufgestellt und stark digital geprägt. Neben dem Privatkundengeschäft gehören Versicherung, Fintech und Geschäftskunden-Banking dazu. Dadurch entsteht ein diversifizierteres Ergebnisprofil. 

Auch dieses Beispiel zeigt vor allem eines: Ein schwacher Sektor ist keine homogene Gruppe. Traditionelle Banken können beispielsweise mit Kreditrisiken, Zinsdruck oder Defiziten bei der Digitalisierung kämpfen. Ein fokussiertes und digital getriebenes Geschäftsmodell kann sich dagegen besser entwickeln. 

Für uns ist deshalb nicht entscheidend, ob „Financials“ gerade beliebt sind. Entscheidend ist, ob ein einzelnes Unternehmen über die notwendigen strukturellen Voraussetzungen verfügt, um nachhaltig Wert zu schaffen. 

SK Hynix in einem starken Sektor, Capitec in einem schwachen – was nehmen Anleger hierbei mit? 

Payne: Dass Sektorrenditen nur einen Teil der Geschichte erzählen. Beide Unternehmen zeigen auf unterschiedliche Weise, warum wir uns nicht auf Sektorprognosen verlassen wollen. 

Bei SK Hynix geht es darum, innerhalb eines starken strukturellen Trends einen technologischen Marktführer zu identifizieren. Bei Capitec geht es darum, ein Unternehmen zu erkennen, das sich aufgrund seines Geschäftsmodells von einer schwachen Branchenentwicklung abkoppeln kann. 

Warum ist diese Unterscheidung gerade jetzt so wichtig? 

Payne: Weil die Marktbreite so gering geworden ist. Wenn nur rund 18 Prozent der Aktien über drei Jahre besser als der MSCI Emerging Markets abgeschnitten haben, bedeutet das im Umkehrschluss, dass rund 82 Prozent darunterliegen. 

Das macht die Aufgabe für aktive Manager anspruchsvoller, eröffnet aber gleichzeitig Chancen. Wenn sich die Rendite auf wenige Gewinner konzentriert, kann eine gezielte Auswahl dieser Unternehmen einen großen Unterschied machen. 

Ist das nicht gerade ein Argument für passive Anleger? Schließlich finden sich die großen Gewinner auch im Index. 

Payne: Natürlich profitieren passive Anleger automatisch von den Indexschwergewichten. Aber ein Index bildet eben nicht nur die Gewinner ab. Er enthält per Definition auch Unternehmen, deren Geschäftsmodelle strukturell unter Druck stehen, deren Wachstum schwächer ausfällt oder deren Bewertung aus unserer Sicht weniger attraktiv ist. Es stellt sich daher die Frage, ob man tatsächlich den gesamten Markt abdecken möchte – oder gezielt diejenigen Unternehmen auswählt, die aus fundamentaler Sicht die besten langfristigen Perspektiven haben. 

Was bedeutet aktives Management für Sie konkret? 

Payne: Für uns bedeutet es vor allem Research und langfristiges Denken. Wir wollen Unternehmen nicht anhand kurzfristiger Kursbewegungen beurteilen, sondern ihre Geschäftsmodelle verstehen: Wie groß ist der adressierbare Markt? Welche Wettbewerbsvorteile gibt es? Wie nachhaltig sind diese Vorteile? Wie hoch ist die Preissetzungsmacht? Und wie wird der freie Cashflow eingesetzt? 

Wir investieren konzentriert in Qualität statt in Indexgewichte. Das ist gerade in einem Markt wichtig, in dem sich die Rendite auf wenige Unternehmen konzentriert. 

Wie sieht das aktuell in der Comgest Emerging Markets-Strategie aus? 

Payne: Wir sind dort präsent, wo wir langfristiges strukturelles Wachstum sehen. Digitalisierung ist mit 42 Prozent das größte Thema. Dahinter folgen finanzielle Inklusion, der Aufstieg der Mittelschicht sowie Energiewende und Industrialisierung sowie nichtzyklische Sektoren. 

Ist der starke Fokus auf Digitalisierung angesichts der aktuellen KI-Euphorie nicht auch ein Risiko? 

Payne: Natürlich muss man Bewertungen und Erwartungen kritisch hinterfragen. Ein struktureller Wachstumstrend bedeutet nicht automatisch, dass jede Aktie in diesem Bereich attraktiv ist. 

Genau deshalb unterscheiden wir zwischen einem Trend und einem Investment. Die Digitalisierung und insbesondere die KI-Infrastruktur können langfristige Wachstumschancen bieten. Wir setzen auf Unternehmen, deren Wettbewerbsvorteile und Cashflows diese Erwartungen auch fundamental rechtfertigen können. 

Was ist Ihr wichtigstes Argument für Anleger, die derzeit über Schwellenländer-Investitionen nachdenken? 

Payne: Emerging Markets bieten weiterhin eine Vielzahl struktureller Wachstumsmöglichkeiten. Aber die entscheidende Frage ist nicht mehr nur, ob man in Schwellenländer investieren sollte. Sie lautet: Welche Unternehmen innerhalb dieser Märkte können nachhaltig wachsen und ihre Wettbewerbsvorteile verteidigen? 

Die zunehmende Konzentration des Marktes macht diese Frage noch relevanter. Wenn immer weniger Titel die Indexentwicklung bestimmen, wird die Fähigkeit zur Titelselektion zu einem entscheidenden Faktor. 

Folglich lautet Ihre Botschaft: Weniger auf den Index, mehr auf einzelne Unternehmen setzen? 

Payne: Absolut. Der Index zeigt uns, wo die Renditen zuletzt entstanden sind. Er sagt uns aber nicht automatisch, wo die langfristig attraktivsten Unternehmen zu finden sind. 

Für uns beginnt die Analyse deshalb beim Unternehmen: beim Geschäftsmodell, beim Wettbewerbsvorteil, bei der Qualität des Managements, bei der Kapitalallokation und beim langfristigen Wachstumspotenzial. 

Erfahren Sie mehr über die Schwellenländer-Strategie von Comgest. 

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