Jim O`Neill „Chinas wirtschaftliche Probleme scheinen größer als sie sind“

Jim O'Neill ist Vorstandschef von Goldman Sachs Asset Management und hat die Abkürzung BRIC (Brasilien, Russland, Indien und China) geprägt. Er gilt als einer der besten Volkswirte, wenn es um die Schwellenländer geht.

Jim O'Neill ist Vorstandschef von Goldman Sachs Asset Management und hat die Abkürzung BRIC (Brasilien, Russland, Indien und China) geprägt. Er gilt als einer der besten Volkswirte, wenn es um die Schwellenländer geht.

private banking magazin: Ist die Gefahr einer harten Landung der chinesischen Wirtschaft gebannt?

Jim O’Neill:
Das ist mein Eindruck. Alle Indikatoren weisen darauf hin, dass eine sogenannte harte Landung nicht absehbar ist. Anscheinend steht die neue chinesische Führung vor geringeren wirtschaftlichen Problemen als viele anzunehmen scheinen.

private banking magazin: Welche Indikatoren sind besonders vielversprechend?

O’Neill:
Davon gibt es einige. Besonders hervorzuheben ist die Entwicklung der Einzelhandelsumsätze und der Industrieproduktion im Vergleich. Ein Anstieg dieses Verhältnisses zugunsten des Konsums ist ein sehr ermutigendes Signal, konjunkturzyklisch wie strukturell. Denn er zeigt, dass Chinas Wirtschaft dabei ist, ein neues Gleichgewicht zu finden.

private banking magazin: Welche Impulse erwarten Sie sich vom Fünfjahresplan und der neuen Führungsriege für den Aktienmarkt?

O’Neill:
Das ist sehr interessant. Denn die aktuelle Wirtschaftspolitik wurde größtenteils bereits vor der Machtübergabe festgelegt. Seit die neue Führungsmannschaft bekannt ist, hat sich der chinesische Aktienmarkt um mehr als 15 Prozent verbessert. Anscheinend sind chinesische Anleger hochzufrieden, nachdem der Führungswechsel jetzt über die Bühne ist.

private banking magazin: Was kommt auf China in den nächsten Jahren zu?

O’Neill:
China steht vor einer ganzen Reihe von Herausforderungen. Der Wandel zu einer konsumgetriebenen Wirtschaft, die älter werdende Bevölkerung und die in China angeblich vorhandenen uneinbringlichen Schulden. Allerdings mache ich mir darüber keine allzu großen Sorgen.

Am meisten beeindruckt mich, dass die Chinesen selbst ihre Probleme genauso kritisch sehen wie viele ausländische Beobachter. Langfristig größte Herausforderung ist die weitere Verstädterung des Landes. Es wird zunehmend schwierig, hohe Wachstumsraten zu erzielen. Dadurch wird eine deutlich höhere Produktivität notwendig sein. In den kommenden 20 Jahren ist das aber noch kein großes Problem.

private banking magazin: Woher rührt Ihre Faszination für China?

O'Neill: In mancherlei Hinsicht ist China das beeindruckendste Land, dessen Entwicklung ich bisher im Detail verfolgt habe – auch deshalb, weil sich die politisch Verantwortlichen so sehr sorgen. Ich hatte immer schon eine Präferenz für Länder, in denen die politisch Verantwortlichen es als ihre Aufgabe ansehen, sich langfristig Gedanken zu machen.

Damit steht China in starkem Kontrast zu vielen anderen Ländern, die ich bisher analysiert habe. Manchmal sage ich im Scherz, dass ich – um meinen Respekt zum Ausdruck zu bringen – das Trikot Chinas tragen würde, wenn das Land als Verein in der höchsten britischen Fußballliga spielen würde.

private banking magazin: Sie dürfen ein Vorurteil über China abschaffen. Welches wählen Sie?

O’Neill:
Die im angelsächsischen Raum verbreitete Überzeugung, dass China letztendlich scheitern wird, weil es nicht jeden Aspekt des US-Systems kopieren will.

private banking magazin: Was würden Sie Anlegern sagen, die nicht in China investieren?

O’Neill:
Dass ich mich darauf freue, dass sie unweigerlich eines Tages ihre Meinung ändern werden. Jetzt, da der Markt ein Wirtschaftswachstum von weniger als 10 Prozent verdaut hat, kann China wieder für positive Überraschungen sorgen.