„Die chinesische Regierung zeigt sich entschlossen, die wirtschaftliche Malaise zu bekämpfen“, schreibt Jan Viebig, Investmentchef der ODDO BHF in seinem wöchentlichen Kommentar. Sind das gute Nachrichten für Anleger? Auf den ersten Blick ja. Aber nur auf diesen.
Finanzminister Lan Fo’an kündigte Mitte Oktober sieben aufeinander aufbauende Maßnahmen an, um die Wirtschaft zu stabilisieren.
Unterstützung für lokale Regierungen:
- Angesichts der Schuldenkrise der lokalen Regierungen stellt ihnen die Regierung umgerechnet 56 Milliarden US-Dollar zur Verfügung, die aus ungenutzten Emissionsquoten der Vorjahre stammen.
- Zudem sollen sie Mittel aus einem ungenutzten Anleihekontingent von 325,3 Milliarden US-Dollar nutzen dürfen.
- Damit sie versteckte Schulden umschichten können, soll ihre Schuldenobergrenze einmalig, aber deutlich, angehoben werden.
Unterstützung für die Immobilienmärkte:
- Lokale Regierungen dürfen mithilfe von Sonderanleihen brachliegende Grundstücke von Bauträgern aufkaufen, die in Schwierigkeiten geraten sind.
- Der Finanzminister kündigte an, die Märkte für Gewerbeimmobilien und für staatlich subventionierte Wohnungen zu stützen.
- Die Mehrwertsteuer auf Wohngebäude soll abgeschafft werden.
Unterstützung für Studenten:
- Die Quote für Studienbeihilfen soll verdoppelt und die Beträge angehoben werden.
Chancen für Anleger
„Wir halten Chinas konzertierte Comeback-Bemühungen auf den globalen Märkten für ein positives Signal für das Land und die breitere Region“, so Marcus Weyerer, Senior ETF Investment Strategist bei Franklin Templeton über das chinesische Konjunkturprogramm. Er sieht Chancen für Anleger dank „langfristiger Trends wie Technologieführerschaft, attraktive Bewertungen und die Ausweitung der Produktionskapazitäten.“
Er warnt davor, asiatische Märkte bei Allokationsentscheidungen zu vernachlässigen: „Nach den neuerlichen Leitzinssenkungen Chinas sehen wir nun, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt möglicherweise einen gezielteren Weg zur wirtschaftlichen Wiederbelebung einschlagen wird.“ Die Angst der Anleger, etwas zu verpassen, dürfte die Märkte sogar noch anheizen.
Politik hat Abwärtsrisiken im Blick
Positiv äußert sich auch Peiqian Liu, Asien-Ökonomin bei Fidelity International: „Der koordinierte politische Ansatz und die proaktive politische Kommunikation mit den Märkten stärken unser Vertrauen in die Entschlossenheit der Regierung, dem Wachstum wieder Priorität einzuräumen. Es sollten weitere Maßnahmen folgen, um die Lage zu stabilisieren und die Wachstumsziele für 2024 zu erreichen.“
Sie erwartet weitere politische Lockerungen, die das Wachstum auch zukünftig stabilisieren. „Die Abwärtsrisiken werden von den politischen Entscheidungsträgern weitgehend anerkannt und angegangen.“, so Liu. Sie prognostiziert, dass sich Binnennachfrage, Konsum und Inflation „moderat erholen werden“. Der Immobiliensektor werde folgen.
Spielraum für Aufschwung auch nach der Rally
Auch Paulo Salazar, Leiter Schwellenländeraktien bei Candriam sieht Grund für Optimismus: „Die jüngsten Stimulierungsmaßnahmen haben eine rasante Rally an den chinesischen Aktienmärkten ausgelöst, die zuvor unterdurchschnittlich abgeschnitten hatten und deutlich unterbewertet waren. Trotz eines Anstiegs von 40 Prozent seit dem Tiefpunkt im September besteht noch Spielraum für weitere Kurssteigerungen, falls China seine Abwärtsspirale umkehren kann.“
Dafür sprechen laut Salazar mehrere Gründe:
- Die Unterbewertung chinesischer Aktien im Vergleich zu den US-Märkten
- die niedrigen US-Zinsen, von denen China profitiert
- Der Wiederanstieg ist nicht auf Gewinnrevisionen, sondern auf eine Neubewertung des Marktes zurückzuführen. Langfristige Anleger vertrauen zunehmend auf eine strukturelle Wende.
- tiefgreifende Reformen und Unterstützung der Regierung als Voraussetzung für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum und einen weiteren Marktaufschwung
Risikofaktor US-Wahlen
Doch selbst die Optimisten warnen vor zu viel Euphorie. Ein Risikofaktor seien die anstehenden US-Wahlen. So hätten laut Salazar Demokraten und Republikaner das Ziel, das Handelsdefizit gegenüber China und die Abhängigkeit von chinesischen Importen zu reduzieren. Salazar warnt, dass Trump die Zölle auf bis zu 60 Prozent anheben könnte.
„Trump wird gegenüber dem Land der Mitte wahrscheinlich aggressiver in Worten und Taten auftreten als in der Vergangenheit und damit signalisieren, dass der Handelskrieg noch nicht vorbei ist. Dies könnte für zusätzlichen Gegenwind für chinesische Unternehmen sorgen, da sich die Verfügbarkeit internationaler Finanzmittel in diesem Fall verschlechtern dürfte“, so Salazar.
Kamala Harris würde sich zwar nicht umfassen abkoppeln und die amerikanischen Interessen durch eine vorhersehbare schrittweise Strategie wahren, aber auch sie würde strategische Sektoren wie Chinas High-Tech-Industrie unter Druck setzen. „China hat sich jedoch aktiv auf mögliche Zölle vorbereitet, indem das Land seine Handelspartnerschaften von den USA weg diversifiziert hat“, betont Salazar. „Auch sollte die Anpassungsfähigkeit chinesischer Unternehmen nicht unterschätzt werden“, bleibt er optimistisch.
Beziehungen bleiben unabhängig vom Ausgang der US-Wahl angespannt
Javier Garcia und Jianan He, Portfoliomanager für Schwellenländer Aktien bei Berenberg kommentieren ebenso die Auswirkung der anstehenden US-Wahlen auf den chinesischen Markt: „Unabhängig vom Wahlergebnis gehen wir davon aus, dass die Beziehungen zwischen den USA und China weiterhin angespannt bleiben.“
Höhere Zölle durch einen Wahlsieg von Trump und Vance würden China noch weiter von den USA entkoppeln. „Darüber hinaus könnte eine republikanische Regierung versuchen, die IRA-Subventionen (Inflation Reduction Act) zu kürzen, auch wenn sie den IRA nicht vollständig aufheben dürfte“, so Garcia und He. Das wäre ein Risiko für die asiatischen Lieferketten. Besonders erneuerbare Technologien und Elektrofahrzeuge wären betroffen.
Maßnahmen sind Fingerzeig auf Probleme Chinas
Vorsicht ist zudem unabhängig vom Ausgang der US-Wahl geboten. „Die jüngste Welle an Konjunkturmaßnahmen in China wird vom Markt begrüßt werden, aber die Tatsache, dass die Behörden sich zu einem so drastischen Vorgehen gezwungen sahen, zeigt, mit welchen Problemen die chinesischen Märkte zu kämpfen haben.“, sagt Federico Garcia Zamora, Leiter Schwellenländer-Anleihen Macro Strategies bei Insight Investment.
Markt hat zu viele Vorschusslorbeeren verteilt
Dem stimmt auch Viebig zu: „Die chinesische Führung hat energische finanzpolitische Schritte in Aussicht gestellt. Das gefiel den Marktteilnehmern. … Unserer Meinung nach wurden allerdings etwas zu viele Vorschusslorbeeren verteilt.“ Zudem bemerkt Viebig über die Ankündigung des Finanzministeriums: „Wer auf eine Sammlung billionenschwerer Ausgabenpakete gehofft hatte, kam vermutlich nicht auf seine Kosten.“
Marktteilnehmer würden sich wünschen, dass die chinesische Regierung eine konkrete Zahl nennt, mit der sie die Wirtschaft stimulieren will. „China zeigt deflationäre Tendenzen. Die Immobilienkrise zu bekämpfen, wird nicht genügen. Der Erfolg des chinesischen Wirtschaftsmodells hängt im Wesentlichen davon ab, dass – neben der Fortsetzung staatlicher Infrastrukturprojekte – die schwache Konsumnachfrage stimuliert wird“, fasst Viebig zusammen.
Lieber auf Markt- statt auf Planwirtschaft setzen
Noch weiter geht Georg von Wallwitz, Geschäftsführender Gesellschafter und leitender Portfoliomanager von Eyb und Wallwitz. Wer nicht in chinesische Aktien investiert, tue sich damit einen Gefallen. „Angesichts politisch gewollter Überkapazitäten zum Beispiel im Bereich Elektromobilität sollten Anleger nicht naiv sein und goldene Jahre für chinesische Aktien erwarten, sondern lieber in Ländern wie beispielsweise in den USA oder der Schweiz investieren, in denen die Marktwirtschaft noch etwas gilt“, so von Wallwitz.
Der künstlich getrieben Auftrieb der chinesischen Wirtschaft schlage sich nicht in den Aktienrenditen nieder. Trotz höherer Wachstumsraten wären chinesische Aktien in den letzten 20 Jahren nicht besser als europäische Titel gelaufen. „Wie ernst ist es der Regierung wirklich mit der Unterstützung des Aktienmarktes, der ihr bisher eher egal zu sein schien?", stellt von Wallwitz zur Diskussion.
„Investoren sind ohnehin nur dann gern gesehen, wenn sie nichts zu melden haben“
Dieser Meinung pflichtet Mathias Beil, Leiter Private Banking bei der Hamburger Sutor Bank bei: „Wirtschaftlich gesehen ist China eine Konjunkturlokomotive der Weltwirtschaft. An der Börse aber macht sich das nicht bemerkbar. Wer weltweit oder auch mit einem Fokus auf Schwellenländer investiert, sollte China meiden.“
Beil hat die Performance der Schwellenländer Indizes „MSCI Emerging Markets “ (MSCI EM) und „MSCI EM ex China“ verglichen. Diesen gibt es seit November 2020. In den letzten rund vier Jahren konnte der Index ohne chinesische Aktien um 31,3 Prozent zulegen, während der Gesamtindex fünf Prozent verlor.
China leide unter einer Immobilienkrise, die Binnenkonjunktur lahme und im Export-Geschäft drohten Verwerfungen. „Für Anleger gilt es daher, chinesische Aktien eher zu meiden. Zumal ausländische Investoren ohnehin nur dann gern gesehen sind, wenn sie nichts zu melden haben“, fasst Beil zusammen.
