Systemische Krise? „China droht der Exodus des Kapitals“

Entsetzen bei einem Anleger in Schanghai: Massive Kapitalabflüsse überfordern die chinesische Regierung.   | © Getty Images

Entsetzen bei einem Anleger in Schanghai: Massive Kapitalabflüsse überfordern die chinesische Regierung. Foto: Getty Images

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Die Konjunktur in China flaut bereits seit fünf Jahren ab. Nach den umfangreichen Konjunkturmaßnahmen, mit denen China sicher durch die US-Kreditkrise von 2008 steuerte – und damit nicht nur die eigene, sondern auch die Weltwirtschaft stützte – musste es zwangsläufig zu einem Nachlassen des Wachstums kommen.

Geldpolitiker und Volkswirtschaftler waren sich einig: China muss seine Wirtschaft neu gewichten. Genauer: Der Schwerpunkt muss sich verlagern – weg von Investitions- und Exportwachstum, hin zur Steigerung des heimischen Konsums. Im Zuge dieses Wandels sind nachlassende Wachstumsraten insgesamt unvermeidlich. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, solange das Wachstum ausgeglichener und nachhaltig verläuft.

Gefahr einer Kreditklemme

Es stellte sich hingegen rasch heraus, dass Chinas Geldpolitiker nur wenig Interesse an einer schnellen Umgewichtung der chinesischen Volkswirtschaft hatten. So veränderte sich beispielsweise nichts an dem kreditgetriebenen Investmentmodell, bei dem die wichtigsten Wirtschaftsentscheidungen weiterhin der Regierung vorbehalten sind. Auch die Sektoren mit den größten Überkapazitäten ließen die Verantwortlichen weitgehend unangetastet, denn hier geht es um die Wirtschaftsinteressen der Regionalregierungen.

Gerade in Branchen wie der Stahl- und Aluminiumindustrie und Teilen des Wohnimmobilienmarktes machten sich die Überkapazitäten nur allzu deutlich bemerkbar. Die zunehmende Abhängigkeit der Wirtschaft von Krediten war nicht zu übersehen.

Entsprechend verlief die dringlichste Maßnahme – die Reduzierung des Schuldenstands in der Wirtschaft – im Sande. Der Verschuldungsgrad ist seit dem Konjunkturprogramm des Jahres 2008 um 85 Prozentpunkte gestiegen. Das ist weltweit beispiellos und erhöht die Gefahr einer Kreditklemme ganz erheblich.

Massive Kapitalabflüsse überfordern Regierung

Durch den jüngsten Kurseinbruch an der Börse von Schanghai und die Mini-Abwertung des Renminbi ist das Vertrauen in die chinesische Regierung schwer angeschlagen. Deshalb ziehen Anleger zunehmend Kapital aus dem Land ab und verschärfen so zusätzlich die wirtschaftlichen Probleme.

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten wird klar, dass die Regierung in Peking die absolute Kontrolle über die Volkswirtschaft eingebüßt hat. Die Kapitalflucht ist nur schwer zu stoppen.

Während der vergangenen 16 Monate haben Investoren Kapital in Höhe von rund 700 Milliarden Euro aus dem Land abgezogen. Die geldpolitischen Instanzen sind von dieser Entwicklung offensichtlich überfordert. Ihre monetären Stimulierungsmaßnahmen haben bisher nicht gereicht, um die Kapitalabflüsse auszugleichen. Damit wird eine wirtschaftliche Erholung immer unwahrscheinlicher.

In der Folge verschärft sich der Exodus des Kapitals und macht weitere Zinssenkungen erforderlich. Im Zuge dieses Prozesses muss auch der Renminbi weiter fallen. Doch das hätte unerwünschte Folgen für das Finanzsystem. Man denke nur daran, dass Unternehmen während des jahrelangen Höhenflugs des Renminbi Auslandsschulden von rund drei Billionen US-Dollar angehäuft haben.

Lange Zeit hielten Anleger einen Wachstumseinbruch für das größte Risiko in China. In den letzten Monaten hat sich der Fokus allmählich hin zu einer systemischen Krise verlagert. Das führt zu großer Unruhe an den Finanzmärkten. Und das betrifft nicht nur die aufstrebenden Volkswirtschaften – allmählich dämmert es den Märkten, dass eine Kreditkrise in China eine reale Gefahr darstellt.