Chefvolkswirt der Deutschen Bank „Lasst die Banken ihren Job machen“

David Folkerts-Landau ist Chefvolkswirt des Deutsche Bank-Konzerns und Global Head of Research

David Folkerts-Landau ist Chefvolkswirt des Deutsche Bank-Konzerns und Global Head of Research

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„Es war in unseres Lebensweges Mitte, als ich mich fand in einem dunklen Walde, denn abgeirrt war ich vom rechten Wege.“ Was für Dantes Allegorie gilt, gilt seit der Krise auch für die Bankenregulierung. Sie sollte die Banken sicherer machen, Verhaltensweisen verbessern und die Kreditvergabe anregen. Doch auch acht Jahre nach der Krise bereiten die Banken weiterhin Sorgen.

Die Verkaufswelle bei europäischen Bankaktien im Februar dieses Jahres war ein beunruhigendes Signal und erinnerte uns daran, dass die Märkte noch immer unsicher sind, ob das Bankensystem der Eurozone solide genug ist, um eine weitere Krise in der Zukunft zu überstehen.

Risiko Schattenbanken

Unterdessen ärgern sich die Kunden über reduzierte Handelsliquidität und die geringere Kreditvergabe, während sich das Risiko auf die weniger regulierten Schattenbanken verlagert hat und so eine Illusion von Sicherheit entsteht, die uns nach der nächsten Krise sicherlich idealistisch und weltfremd erscheinen wird.

Irgendwo unterwegs scheint man sich bei der Re-Regulierung der Banken verzettelt zu haben. Die Banken haben zwar ihre Kapitalbasis gestärkt und sind zweifelsohne sicherer geworden, doch unter Anlegern gelten Banken in zunehmendem Maße als „uninvestierbar“.

Gewiss ist es kein gutes Zeichen, dass beispielsweise zwischen 2009 und 2013 in den USA nur zwei Banken pro Jahr gegründet wurden, verglichen mit 100 pro Jahr zwischen 1990 und 2008. Auch in Europa ist die Zahl der Banken im Vergleich zum vorherigen Jahrzehnt um ein Fünftel zurückgegangen.

Diese Konsolidierung ist zwar in vielen Fällen wünschenswert, sie ist jedoch auch ein Beleg dafür, wie schwierig es offenbar für den Bankensektor geworden ist, neues Kapital einzuwerben. Auch die Anleger an den öffentlichen Märkten lassen lieber die Finger von den Banken, was dazu geführt hat, dass der europäische Bankenindex auf ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von 0,6 gefallen ist.

Dies dürfte kaum verwundern, wenn man auf die Eigenkapitalrenditen blickt, die in den vergangenen fünf Jahren die 5 Prozent-Marke nicht überstiegen haben, geschweige denn die Kapitalkosten der Banken von rund 9 Prozent.

Bürokratie ungeahnter Dimension

Die Bürokratie der Finanzmarktregulierung hat ungeahnte Dimensionen angenommen. Mitarbeiter im Hypothekengeschäft von J.P. Morgan verbrachten Berichten zufolge allein 2014 insgesamt 800.000 Stunden mit Compliance-Schulungen. Compliance-Abteilungen in großen internationalen Banken beschäftigen inzwischen Tausende von Mitarbeitern.

HSBC beispielsweise hat ihre Mitarbeiterzahl im Compliance-Bereich seit 2010 um das Sechsfache auf 9.000 Mitarbeiter aufgestockt. Mittlerweile arbeitet etwa ein Zehntel der 255.000 Vollzeitkräfte der HSBC in den Bereichen Risiko und Compliance. Auch J.P. Morgan hat seit der Krise 8.000 neue Mitarbeiter für den Compliance-Bereich eingestellt.

Die mit diesen personellen Aufstockungen verbundenen Kosten sind alles andere als unbedeutend. 2015 gab die HSBC fast 3 Milliarden US-Dollar für Programme zur Aufdeckung von Finanzkriminalität aus, ein Drittel mehr als im Vorjahr. Auch die UBS investierte 2014 1 Milliarde US-Dollar, ein Viertel ihres Jahresgewinns, in die Erfüllung aufsichtsrechtlicher Anforderungen.

Bei einer ganzen Reihe von Banken werden die über Sparmaßnahmen errungenen Verringerungen der Kostenbasis durch immer höhere regulatorische Ausgaben aufgezehrt. Das ist kaum verwunderlich, bedenkt man, dass allein in den USA durch die dezentrale Finanzmarktregulierung große Banken der Regulierung durch sieben verschiedene Behörden unterstehen.

Es sind die Securities and Exchanges Commission (SEC), die Commodity Futures Trading Commission (CFTC), die Federal Reserve, die Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC), die Financial Industry Regulatory Authority (FINRA), das Office of the Comptroller of the Currency (OCC) und das Consumer Financial Protection Bureau (CFPB). Darüber hinaus verfügt jeder Bundesstaat über eine eigene Bankenaufsicht.

Regulierungsnutzen unklar

Der zusätzliche Aufwand erscheint besonders sinnlos, weil nicht einmal klar ist, ob durch diese neuen Regelungen abgesehen von den grundlegendsten Verbesserungen überhaupt etwas erreicht wird. Wie britische Aufsichtsbehörden feststellten, haben die in der EU eingeführten Regelungen zur Begrenzung von Bonuszahlungen nur dazu geführt, dass sich der prozentuale Anteil der festen Vergütung an der Gesamtvergütung erhöht hat, während die Gesamtvergütung weiterhin unverändert blieb.

Die vorgeschlagene Finanztransaktionssteuer, deren Einführung von elf EU-Mitgliedstaaten vorerst verschoben wurde, würde einen Rückgang des Derivategeschäfts in Europa um 70 Prozent bis 90 Prozent zur Folge haben. Zudem würden sich europäische Unternehmen mit einer Erhöhung der Kosten für Währungsabsicherungsgeschäfte um 300 Prozent konfrontiert sehen. Diese Werte basieren auf eigenen Schätzungen der Europäischen Kommission.

Diese Aufblähung der Regelwerke ist nicht nur absolut, sondern auch historisch betrachtet unverhältnismäßig. So umfasste der US-amerikanische Glass-Steagall Act von 1933 gerade einmal 37 Seiten.

Schwindelerregendes Ausmaß

Der Dodd-Frank Act von 2010 hingegen bringt es auf schwindelerregende 2.300 Seiten und dabei sind die 22.000 Seiten starken Regelungen, die von den zuständigen Behörden zum Zweck der Umsetzung des Gesetzes herausgegeben wurden, noch gar nicht berücksichtigt.

Da der Prozess noch immer nicht abgeschlossen ist, sind die geschätzten 2.260.631 Arbeitsstunden, die jährlich für die Einhaltung dieser neuen Regelungen aufgebracht werden müssen, sicherlich zu niedrig angesetzt, ebenso wie die Zahl der mehr als 1.000 Vollzeitmitarbeiter, die mit dieser Aufgabe betraut sind. 

Das Basel I-Abkommen von 1988 umfasste gerade einmal 30 Seiten, während Basel II im Jahr 2004 bereits einen Umfang von 345 Seiten hatte und Basel III 2010 es auf 616 Seiten brachte. Und auch hier sind die Millionen von Berechnungen zur Erstellung von Bankenmodellen, die einzelnen Krediten unterschiedliche Risikogewichtungen zuweisen, noch nicht mitgezählt.