Jenseits von Standard-Krediten Was Capital Solutions von klassischem Direct Lending unterscheidet

Michael Searles, Managing Director und Head of North America Capital Solutions bei Barings

Michael Searles, Managing Director und Head of North America Capital Solutions bei Barings Bildquelle: Barings

Die Private Markets haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Das Segment des Direct Lending (also der direkten Kreditvergabe) ist zweifellos reifer geworden. Gleichzeitig hat diese Entwicklung den Markt stärker standardisiert. Gerade diese Standardisierung eröffnet paradoxerweise neue Nischen. In diesem Umfeld haben sich Capital Solutions als eigenständige Disziplin etabliert.

Ursprünglich aus Distressed Debt und der opportunistischen Kreditvergabe hervorgegangen, ist dieser Ansatz inzwischen als eine Form von Direct Lending plus bekannt. Er schließt die Kluft zwischen der häufig geringen Flexibilität traditioneller Kreditvergabe und der meist sehr hohen Flexibilität des Eigenkapitals, indem er Kreditbedingungen an den Bedarf des Unternehmens anpasst und Investoren eine höhere laufende Verzinsung bietet.

Die Entwicklung zu „Direct Lending plus“

Was genau ist also mit Direct Lending plus gemeint? Der Begriff beschreibt eine methodische Erweiterung klassischer Kreditvergabe. Klassisches Direct Lending folgt oft einem produktzentrierten Ansatz, bei dem der Kreditnehmer in einen vorgefertigten Rahmen passen muss. Capital Solutions verfolgen dagegen einen problemorientierten Ansatz. Entscheidend ist die Anpassungsfähigkeit. Manager starten nicht mit einem fertigen Produkt, sondern mit den konkreten Zielen des Kreditnehmers. Dabei kann es etwa um den richtigen Zeitpunkt, mehr Flexibilität bei Zahlungsströmen oder bestimmte operative Anforderungen gehen.

 

Dieser Ansatz wird sowohl bei Unternehmensfinanzierungen als auch bei spezialisierten Asset-basierten Finanzierungen (ABF) eingesetzt. Kreditgeber gestalten Besicherung, Covenants, Liquiditätsmechanismen und Laufzeiten so, dass sie die wesentlichen Risiken genau abbilden. Institutionelle Investoren erhalten so Zugang zu unterschiedlichen Risikoprofilen mit laufender Verzinsung und zusätzlichem Schutz durch die Struktur. Der Fokus liegt auf fundamental gesunden Unternehmen, die lediglich nicht in die engen Definitionen des Massenmarktes passen.

Das Ende der Standardisierung: Warum traditionelle Märkte an Grenzen stoßen

Der Direct-Lending-Markt hat sich im Laufe der Zeit immer stärker an den Märkten für syndizierte Kredite und High-Yield-Anleihen orientiert. Dadurch müssen Kreditnehmer heute häufig sehr konkrete finanzielle Voraussetzungen erfüllen. Viele Asset Manager in diesem Bereich sind zudem auf Skalierbarkeit angewiesen. Deshalb bevorzugen sie Transaktionen, die in etablierte Kennzahlen und standardisierte Prüfprozesse passen. Für Anleger ist das leicht nachvollziehbar. Gleichzeitig bleibt dadurch aber ein ganzes Universum an Unternehmen und Situationen außen vor, die außerhalb dieser Standardparameter liegen.

Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung sind auch die Rating-Agenturen. Agenturen sind profitorientierte Unternehmen. Sie bündeln ihre Ressourcen dort, wo Skaleneffekte möglich sind. Branchen, die zu klein sind, um eine dedizierte Monitoring-Methodik zu rechtfertigen, werden oft nicht abgedeckt. Dies führt dazu, dass Unternehmen in diesen Sektoren oft auf teurere Finanzierungsformen ausweichen müssen oder Schwierigkeiten haben, Kapital für Wachstum oder komplexe Sondersituationen zu finden. Genau hier setzen Capital Solutions an: Sie erlauben eine Prüfung auf Einzelfallebene, die Chancen sichtbar macht, wo Standardmodelle scheitern.

Vorteile für Family Offices und Familienvermögen

Für Family Offices und professionelle Familienvermögen bieten Capital Solutions eine besondere Relevanz, die sich aus ihrer spezifischen Stellung im Markt ergibt. Hier muss man zwischen der Rolle als Eigentümer (Sponsor) und der Rolle als Investor unterscheiden.

In der Rolle des Kreditnehmers treten Family Offices oft als Eigentümer mittelständischer Unternehmen oder gründergeführter Plattformen auf. Wenn diese Unternehmen Kapital für Transformationen oder Zukäufe benötigen, stoßen sie bei Banken oft an Grenzen. Vor allem dann, wenn die Bilanz nicht den üblichen Standards entspricht. In solchen Fällen können Capital Solutions eine sinnvolle Ergänzung sein. Die langfristige Perspektive eines Family Offices passt gut zu einem Kreditgeber, der die Finanzierung an die Wachstumspläne der Familie anpasst – und nicht starre Rückzahlungsstrukturen vorgibt.

Auf der Investorenseite ist vor allem die geringe Korrelation zum breiten Markt interessant. Die Entwicklung dieser Investments hängt weniger von allgemeinen Zinsbewegungen ab als von der Auswahl und Strukturierung einzelner, oft bilateral verhandelter Transaktionen. Dadurch kann die Strategie zur Diversifikation beitragen. Family Offices suchen häufig Anlagen, die Kapitalerhalt mit einer zusätzlichen Prämie für Komplexität verbinden. Capital Solutions bieten ihnen die Möglichkeit, als Kreditgeber von genau jenen Nischen zu profitieren, die für Großbanken oft zu klein, zu speziell oder zu komplex sind. So entsteht eine Verbindung aus unternehmerischem Verständnis und strukturierter Finanzierungsexpertise.

Risiko und Rendite: Das Profil des „Solutions Premium“

Das Renditeprofil von Capital Solutions liegt typischerweise zwischen klassischem Direct Lending und Private Equity. Die meisten Strategien zielen auf Ergebnisse im niedrigen bis mittleren zweistelligen Prozentbereich ab. Ein zentrales Konzept ist hierbei der sogenannte „Solutions Premium“. Gemeint ist damit ein zusätzlicher Renditeaufschlag, der sich aus mehreren Bestandteilen zusammensetzt: Neben einer Basisverzinsung und einem Illiquiditätsaufschlag von etwa 1 bis 3 Prozent kommt ein weiterer Aufschlag hinzu, der aus der höheren Flexibilität resultiert und sich oft auf etwa 3 bis 6 Prozent beläuft. Kreditnehmer zahlen diesen moderaten Mehrpreis für Geschwindigkeit, Verlässlichkeit in der Umsetzung und maßgeschneideter Bedingungen.

Entscheidend ist allerdings, dass die Strukturierung niemals mangelhafte Kreditqualität kompensieren darf. Sie muss vielmehr eine gute Kreditentscheidung zusätzlich untermauern. Das Risikomanagement bei Capital Solutions setzt beim Vermögendwert an. Die Kreditprüfung ähnelt eher einem Private-Equity-Prozess als einem Standardkredit: Sie erfordert eine detaillierte Analyse der Zahlungsströme, der Wettbewerbsposition und möglicher Negativszenarien.

Die Struktur bildet dann eine weitere Schutzebene. Risiken wie Liquiditätsdruck oder operative Unsicherheiten werden durch gezielte Covenants, Cash-Kontrollen oder Vorrangstellungen (Seniority) adressiert. Ziel ist es, die Bedingungen so zu kalibrieren, dass in einer Stresssituation primär das Eigenkapital des Kreditnehmers betroffen ist, bevor das investierte Kapital des Kreditgebers gefährdet wird.

 

Fallstricke vermeiden: Disziplin im ABF-Bereich

Ein wachsender Teil des Markts entfällt inzwischen auf spezialisierte Asset-basierte Finanzierungen, häufig als Specialty ABF bezeichnet. Dabei werden Kredite gegen sehr unterschiedliche Sicherheiten vergeben, etwa Versicherungsprämien, Pharma-Royalties oder Leasing-Portfolios. Dieser Bereich kann hohe, risikoadjustierte Erträge liefern, ist aber auch anspruchsvoll. Prominente Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre waren häufig darauf zurückzuführen, dass Kreditgeber zu viel Wert auf schnelle Kapitalallokation und zu wenig auf gründliche Due Diligence gelegt haben.

Erfolgreiche Capital-Solutions-Manager zeichnen sich durch die Disziplin aus, Transaktionen abzulehnen, wenn die Datenlage inkonsistent ist. In der Praxis bedeutet dies beispielsweise, nach dem Abschluss einer Exklusivitätsvereinbarung Berichte über die Ertragsqualität penibel mit geprüften Ergebnissen abzugleichen. Wenn Unstimmigkeiten nicht schlüssig aufgeklärt werden können, ist der Verzicht auf das Geschäft die einzige verantwortungsvolle Option.

Erfolgreiche Manager sichten viele mögliche Transaktionen, wählen aber nur wenige aus. Diese Disziplin ist entscheidend, um in diesem Segment eine Überrendite zu erzielen. Es geht nicht darum, jedes Geschäft zu verfolgen, sondern jene auszuwählen, bei denen Preis und Struktur präzise auf das Risiko abgestimmt sind.

Lückenschluss mit Zukunftspotenzial

Unter dem Strich verbinden Capital Solutions komplexe Unternehmenssituationen mit dem Bedarf institutioneller Anleger an stabilen, risikojustierten Erträgen. In einem Umfeld, in dem Kreditnehmer zunehmend schnelle Vertragsabschlüsse bei gleichzeitiger Individualisierung statt standardisierter Einheitslösungen erwarten, dürfte die Bedeutung von Capital-Solutions-Strategien weiter zunehmen.

Hinweis der Redaktion: Der Beitrag gibt ausschließlich die persönliche Einschätzung des Autors wieder und ist nicht als neutrale Marktanalyse zu verstehen.  


Über den Autor:

Michael Searles ist Managing Director und Head of North America Capital Solutions bei Barings. Er verantwortet in dieser Funktion das Capital-Solutions-Geschäft des Vermögensverwalters in Nordamerika und ist seit 2018 für das Unternehmen tätig.

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