Candriam-Analysten rechnen mit V-förmiger Erholung In Asien läuft der Motor schon wieder

Textilfabrik in Nord-China: In der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt wird wieder produziert – die Wirtschaft ist im zweiten Quartal um 3,2 Prozent gewachsen. | © imago images / Xinhua

Textilfabrik in Nord-China: In der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt wird wieder produziert – die Wirtschaft ist im zweiten Quartal um 3,2 Prozent gewachsen. Foto: imago images / Xinhua

Der globale Aktienmarkt war im Juni ein Spielball von Bulle und Bär – ohne klare Ausrichtung und ohne Gewinner. Für einen Bullenmarkt sprachen die gewaltigen Konjunkturpakete auf der ganzen Welt. Schrittweise kam auch die Weltwirtschaft wieder in Gang, insbesondere in Asien und Europa. Dagegen deuteten viele Anleger tiefrote makroökonomische Indikatoren und die rasante Ausbreitung von Covid-19 in Amerika und Indien als Zeichen für einen Bärenmarkt.

Europäische Märkte: Erholung in Sicht

Unbeeindruckt davon legten europäische Aktien im Juni zu. Die Länder der Europäischen Union trugen dazu bei, indem sie ihre fiskalischen Anreize verstärkten. Auch die Wirtschaftsindikatoren verbesserten sich: So sind die Prognosen für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach oben korrigiert worden. Die Nachfrage nach Öl stieg wieder an, was den Preis in die Höhe trieb. Damit setzte sich die im Mai beginnende Erholung fort.

Die wichtige Kennzahl der Gewinne je Aktie, englisch Earnings per share (EPS), ist wieder gestiegen, beobachten Analysten. In einigen Branchen wird in diesem Jahr sogar ein leichtes Wachstum im Vorjahresvergleich erwartet. Candriam hält daher einen V-förmigen Konjunkturverlauf für wahrscheinlich, bei dem auf den schnellen Absturz eine ebenso schnelle Erholung folgt.

Welche Branchen treiben den Markt? Überdurchschnittlich haben sich im Juni Versorger und IT-Unternehmen entwickelt. In der IT-Branche dürfte der Höhenflug auch zukünftig weitergehen, da viele Menschen in der Corona-Krise online-affiner geworden sind. Basiskonsumgüter dagegen, die sich seit Beginn der Pandemie besonders gut entwickelt hatten, schwächelten. Auch die Energiebranche blieb hinter den Erwartungen zurück. Die Furcht vor einer zweiten Corona-Welle belastete das Geschäft.

Europäische Aktien übertrafen im Juni sogar den US-Markt – erstmals seit September 2019. Die Gründe: Stark steigende Infektionszahlen in den USA sowie politische Spannungen und Proteste. Candriam setzt vor diesem Hintergrund weiterhin auf europäische Value-Werte, darunter insbesondere Finanztitel. Die Analysten rechnen damit, dass diese Aktien bei einer Stabilisierung der Wirtschaft überdurchschnittliche Renditen erzielen. Auch der Automobilsektor erscheint trotz Krise aussichtsreich. Investitionen in Luxusgüter und die Medienbranche bieten derzeit allerdings nicht gleichrangige Chancen.

US-Werte: Die Unsicherheit bleibt

Im Juni stiegen die US-Aktien des breiten Marktes nach einem starken Mai weiter, konnten aber mit anderen Märkten weltweit nicht Schritt halten. Vielerorts mussten in den USA Corona-Lockerungen bereits wieder gestoppt oder rückgängig gemacht werden. Die vier Staaten, die erneut einen Lockdown verhängt haben, machen 30 Prozent des US-amerikanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus – ein Hauptgrund, warum der US-Aktienmarkt im Juni schwächelte. Regierung und Zentralbank wollen mit bis zu 2 Billionen US-Dollar gegensteuern. Ein erstes positives Zeichen: Die Arbeitslosenquote ging im Juni leicht auf 13,3 Prozent zurück. Im April hatte sie noch bei knapp 15 Prozent gelegen.

Mit Blick auf die Branchen ist die Informationstechnologie in den USA führend. Aber auch Anbieter von Nicht-Basiskonsumgütern, zu denen etwa Amazon zählt, entwickelten sich gut. So sorgt die Corona-Krise im Online-Handel für gute Geschäft. Versorger und Energieerzeuger schnitten hingegen schlecht ab. Überdurchschnittliche Renditen erzielten Wachstumsaktien, während Value-Werte trotz der zyklischen Rally bis Mitte Juni aus Angst vor dem Virus hinter den Erwartungen zurückblieben.

Trotz relativ hoher Bewertungen hält Candriam eine Übergewichtung der Tech-Branche sowie von Kommunikationsdienstleistern weiter für sinnvoll. Der Aufwärtstrend bei Software-Konzernen stagniert, in der Halbleiterindustrie sind aber noch Firmen mit chancenreicher Bewertung zu finden. An Investitionen in Banken will Candriam festhalten. Für Anleger interessant ist zudem das von der Konjunktur unabhängige Gesundheitswesen. Aber es gibt auch Unwägbarkeiten: So werfen die US-Präsidentschaftswahlen ihren Schatten bereits voraus. Noch ist es aber zu früh, um das Portfolio anzupassen.