Wie dieser Übergang gelingt, erläutert Mary Jo Palermo, Partnerin in der Private Client Practice bei Cambridge Associates. Seit 35 Jahren begleitet sie Unternehmer weltweit auf ihrem Weg vom Unternehmenslenker zum Gestalter eines langfristigen Vermächtnisses.
Frau Palermo, Sie haben zahlreiche Gründer durch bedeutende Liquiditätsereignisse begleitet – sei es bei einem Teilverkauf oder einem vollständigen Exit. Was fällt Ihnen bei diesem Übergang als Erstes auf?
Mary Jo Palermo: Zunächst einmal ist es eine außerordentliche Leistung – diese Unternehmer haben etwas aufgebaut, wovon die meisten nur träumen. Der Wechsel vom operativen Unternehmer, der täglich Entscheidungen trifft, zum Kapitaleigentümer ist befreiend, kann aber auch desorientierend sein. Die zentrale Frage lautet: „Was baue ich als Nächstes auf?“ Es ist nicht nur eine Veränderung der Bilanz, sondern eine Veränderung der eigenen Identität.
Wir versetzen uns in die Lage unserer Kunden, denn wir wissen, dass dieser Schritt eine zutiefst persönliche Veränderung bedeutet. Wir haben ihn viele Male erlebt und verstehen, wie wichtig es ist, die Leistung zu würdigen und die Menschen und ihre Familien auf die Chancen und Unsicherheiten vorzubereiten, die diese Entwicklung mit sich bringt.
Welche Fragen hören Sie von Erstgründern in dieser Phase am häufigsten?
Palermo: Der Verkauf schafft Raum für eine umfassende Neuausrichtung. Gründer fragen oft: „Welchen Zweck soll dieses Kapital für mich, meine Familie und meine Gemeinschaft erfüllen?“ Es geht nicht darum, sich zurückzuziehen, sondern die freigewordene Energie und Vision gezielt für die Gestaltung von Neuem einzusetzen. Jeder tut das in seinem eigenen Tempo und auf seine eigene Weise. Im Kern geht es darum, den eigenen Zweck und die gewünschte Wirkung zu definieren. Ich begleite meine Kunden sehr gerne bei diesem Prozess, weil er für jeden wirklich so einzigartig ist.
Wie helfen Sie Gründern bei der Entscheidung zwischen einem einfachen Portfolio und dem Aufbau eines breiteren Family-Enterprise?
Palermo: Die erste strukturelle Entscheidung lautet: Welche Art von Plattform möchten Sie aufbauen? Manche Gründer wollen nach dem Verkauf ein Portfolio verwalten, das auf Vermögenserhalt, Stabilität und Einfachheit ausgerichtet ist. Andere wollen eine Plattform gestalten – ein Familienunternehmen, das Kapital, Familienerbe und künftige Zielsetzungen miteinander verbindet. Das ist also wirklich das nächste Unternehmen des Gründers, und das Produkt ist Kapital und Wirkung. Ich rate Gründern, sich zunächst Gedanken um die weitere Entwicklung zu machen, bevor sie auch nur einen Euro investieren. Denken Sie über die Architektur, den Zweck und die richtige Governance-Struktur nach. Es geht darum, ein Ökosystem aufzubauen – nicht nur ein Portfolio.
Sie weisen dem „Edge“ beim Aufbau des nächsten Kapitels eine besondere Rolle zu. Was bedeutet das in der Praxis?
Palermo: Der „Edge“ eines Gründers ist die einzigartige Kombination aus Expertise, Netzwerk und Werten, die ihn zu einem erfolgreichen Unternehmer gemacht hat. Viele unserer Kunden nutzen ihre Branchenkenntnisse, um direkt in ihnen bekannte Unternehmen zu investieren oder ihr Netzwerk für Co-Investments mit vertrauenswürdigen Partnern einzusetzen. Andere konzentrieren sich auf Impact – Investitionen in lokale Gemeinschaften oder Anliegen, die ihnen am Herzen liegen.
Der Punkt ist: Ihr Kapital ist jetzt Ihr Produkt, und Sie haben die Möglichkeit, eine neue Zukunft zu gestalten, die genauso unternehmerisch ist wie Ihr erstes Kapitel. Das Wichtigste – und ich werde das immer wieder betonen – ist, den eigenen „Edge“ zu kennen und ihn konsequent zu nutzen. Dies ist Ihr individueller Mehrwert, der – in welcher Ausgestaltung auch immer – den Erfolg Ihrer Family-Office-Struktur maßgeblich beeinflusst. Erwägen Sie, grundlegende Funktionen auszulagern, sofern die entsprechende Infrastruktur Ihren Wettbewerbsvorteil stärkt.
Welche Fehler helfen Sie Gründern beim Aufbau ihres Family Office oder ihrer Investmentplattform zu vermeiden?
Palermo: Ein häufiger Fehler ist der Versuch, von Anfang an alles intern abzubilden – das kann überwältigend und ineffizient sein. Vielleicht gibt es dafür irgendwann den richtigen Zeitpunkt, aber ein schrittweiser Aufbau ist deutlich einfacher als der Versuch, alles auf einmal zu leisten. Sie müssen kein eigenes Investmentteam von Grund auf aufbauen. Wir agieren als vollständig integriertes Investmentteam für unsere Kunden und betrachten das gesamte Bild – operative Unternehmen, künftige Vorhaben, Liquidität, Ausgaben und mehr. Ein weiterer Fehler ist, das Thema Governance aus den Augen zu verlieren. Selbst die besten Ideen können scheitern, wenn klare Entscheidungsstrukturen fehlen. Wir helfen Kunden dabei, Governance-Modelle zu entwickeln, die ihre Vision unterstützen und die Familie einbinden.
Wie verstehen Sie Ihre Rolle als Beraterin von Gründern?
Palermo: Ich verstehe mich als Partnerin im nächsten Kapitel von Unternehmern. Meine Aufgabe ist es, zuzuhören, zu verstehen, was jeden Gründer einzigartig macht, und Lösungen zu finden – nicht Produkte zu verkaufen. Wir versetzen uns in die Lage unserer Kunden – das ist für uns nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern der Kern jeder unserer Beziehungen. Wir arbeiten seit Jahrzehnten mit Familien und Unternehmern zusammen, lernen von ihren Zielen und lösen die Herausforderungen, die sie angehen wollen. Durch die Erfahrung aus drei bis vier Jahrzehnten können wir jeder Familie, die unseren Rat sucht, noch gezielter und wirkungsvoller zur Seite stehen. Zu den wirklichen Vorteilen für unsere Kunden zählt, dass wir dank unserer Arbeit mit vielen Unternehmern und Investoren Zugang zu einem weitreichenden Netzwerk bieten – für Beratung und Möglichkeiten, die über das Portfolio hinausgehen.
Was raten Sie einem Gründer, der gerade sein Unternehmen verkauft hat und sich fragt, was als Nächstes kommt?
Palermo: Nehmen Sie sich Zeit. Der Übergang vom Macher zum Gestalter ist bedeutend – und es ist völlig in Ordnung, sich anfangs etwas orientierungslos zu fühlen. Beginnen Sie damit, den Zweck zu definieren: Was soll Ihr Kapital bewirken? Gestalten Sie dann die Struktur, die Ihnen dabei hilft, dieses Ziel zu erreichen. Scheuen Sie sich nicht, auf erfahrene Partner zu setzen, die die Denkweise von Gründern verstehen und Ihnen helfen können, etwas Bleibendes aufzubauen. Ihr nächstes Kapitel kann genauso bedeutsam – und unternehmerisch – sein wie Ihr erstes.
Sie verwenden den Begriff „Leitende Gleichung“? Was genau verstehen Sie darunter?
Palermo: Ich erinnere Gründer häufig daran, dass Edge = Expertise + Netzwerk + Werte bedeutet. Ihre Erfahrung als operativer Unternehmer ist ein zentraler Wettbewerbsvorteil beim Aufbau eines Family-Office-Unternehmens. Ihr Kapital ist der Motor, mit dem sie eine neue Zukunft gestalten und ihre Vision umsetzen können. Manche betrachten diese Phase als ihr zweites Unternehmen: Das erste diente dem Vermögensaufbau, das zweite ermöglicht es ihnen, ihr Vermächtnis zu schaffen.
Mary Jo Palermo ist Partnerin in der Private Client Practice bei Cambridge Associates.