Herr Tra, wie verändern geopolitische Spannungen wie der Ukraine-Krieg oder Konflikte im Nahen Osten die Prioritäten von Politik und Investoren im Energiesektor?
Tra: Geopolitische Spannungen wirken sich direkt auf die Energiepreise aus und verdeutlichen, wie wichtig Investitionen in erneuerbare Energien und stabile Netze sind. Das Narrativ verschiebt sich derzeit nicht nur bei Investoren, sondern auch auf politischer Ebene: Klimaziele treten jetzt teilweise in den Hintergrund, während Energiesicherheit, Unabhängigkeit und stabile Preise stärker in den Vordergrund rücken. Diese Verschiebung könnte dem Thema nachhaltige Infrastruktur zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffen.
Welche Rolle spielen neben dem Ausbau erneuerbarer Energien Investitionen in Netzinfrastruktur, Speichertechnologien und Elektrifizierung, um die Net-Zero-Ziele zu erreichen? Wo sehen Sie die größten Engpässe?
Tra: Infrastrukturinvestitionen sind entscheidend, um die Net-Zero-Ziele zu erreichen. Häufig liegt der Fokus zunächst auf der Erzeugung erneuerbarer Energien wie Solar- oder Windparks. Gleich wichtig sind jedoch Verteilnetze, Energiespeicher und Maßnahmen zur Netzstabilisierung, um Schwankungen in der Energieproduktion auszugleichen. Hinzu kommt: Mehr erneuerbarer Strom allein reicht nicht, solange auf der Verbrauchsseite fossile Energieträger dominieren. Deshalb muss auch in die Elektrifizierung investiert werden, beispielsweise bei Heizung und Transport.
Sind Infrastrukturanlagen Impact Investing?
Tra: Ob nachhaltige Infrastrukturanlagen als Impact Investing gelten, hängt stark von der konkreten Anlagestrategie ab. Allein in erneuerbare Energien zu investieren, reicht nicht aus. Impact Investing erfordert eine klare Absicht, ein ökologisches oder soziales Problem zu lösen. Zudem müssen die positiven Wirkungen messbar sein. Entscheidend ist auch die Frage der sogenannten Additionalität: Trägt das Kapital tatsächlich zu einer zusätzlichen Wirkung bei, oder wäre das Projekt auch ohne diese Investition realisiert worden?
Wo verläuft in der Praxis die Grenze zwischen klassischen Infrastrukturinvestitionen und echtem Impact Investing?
Tra: Impact Investing zeigt sich vor allem daran, ob eine Investition echten Mehrwert schafft – also messbare positive Effekte, die ohne das eingesetzte Kapital nicht zustande gekommen wären. Daraus ergibt sich die Diskussion, ob nur Greenfield-Projekte als Impact Investing gelten können. Bei Greenfield-Projekten wird zwar per Definition Neues geschaffen, doch auch hier muss die Additionalität geprüft werden, besonders wenn Investoren ohnehin großes Interesse zeigen.
Bei Brownfield-Anlagen, die bereits bestehen, ist die Abgrenzung differenzierter: Kauft ein Manager bestehende Anlagen nur zur Renditeerzielung, spricht wenig für Impact Investing. Wird jedoch ein spezialisiertes Management hinzugezogen, um die Anlagen weiterzuentwickeln oder in Plattformen zu integrieren und so die Wirkung zu steigern, kann auch dies als Impact Investing gelten.
Wie sehen Sie die Balance zwischen dem wachsenden Bedarf an energieintensiven Rechenzentren für künstliche Intelligenz und den Klimazielen?
Tra: Die Digitalisierung treibt den Bau energieintensiver Rechenzentren voran, die die für KI benötigte Rechenleistung bereitstellen. Idealerweise werden sie mit erneuerbarem Strom versorgt. Andernfalls bezahlen wir die höhere Effizienz der KI mit steigenden Emissionen.
Wie können Investitionen in Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz dazu beitragen, die Klimaziele zu erreichen?
Tra: Mit der Energiewende allein lassen sich die Klimaziele nicht erreichen. Fast die Hälfte der jährlichen CO₂-Emissionen stammt aus der Produktion von Konsumgütern, einschließlich Lebensmitteln. Ohne Kreislaufwirtschaft – also Wiederverwendung von Materialien, Abfallvermeidung und Ressourceneffizienz – sind die Ziele kaum zu erreichen.
Welche Chancen ergeben sich daraus für den Infrastrukturbereich sowie für Venture-Capital- und Private-Equity-Investitionen?
Tra: Das Narrativ zugunsten der Kreislaufwirtschaft hat sich im Zuge geopolitischer Spannungen und der Deglobalisierung verändert. Ressourceneffizienz und Ressourcenunabhängigkeit werden zunehmend als strategische und politische Ziele hervorgehoben, auch in der EU. Für Investoren eröffnen sich dadurch Chancen in Infrastrukturprojekten für Abfallverwertung und Recycling sowie im Venture-Capital- und Private-Equity-Bereich für innovative Technologien, Materialien oder zirkuläre Geschäftsmodelle.
Welche besonderen Herausforderungen und Chancen sehen Sie bei Investitionen in soziale Infrastruktur, wie bezahlbaren Wohnraum oder Pflegeeinrichtungen, im Vergleich zu Energieinfrastruktur? Wie wichtig ist dabei der lokale Impact?
Tra: Investitionen in soziale Infrastruktur – etwa in Wohnungsbau, Alters- und Gemeinschaftseinrichtungen oder Krankenhäuser – sind ebenfalls notwendig, bleiben aber oft im Schatten des Energiesektors. Bezahlbarer Wohnraum ist hier am etabliertesten, und es gibt spezialisierte, meist regional fokussierte Anbieter. Für Investoren ist der lokale Impact häufig ein zentrales Kriterium. Im Vergleich zur Energieinfrastruktur sind soziale Infrastrukturanlagen weniger skalierbar, und die Zielrenditen liegen oft unter denen im Energiesektor.
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