Die Entwicklung des US-Aktienmarkts, gemessen am S&P-500-Index seit 1971, ist zweifellos eine Erfolgsgeschichte. Einzelne Zeitperioden unterscheiden sich jedoch erheblich in ihren Renditen. Seit der Finanzkrise 2008/09 beobachten wir eine Phase, in der sich eine „Buy-the-Dip“-Strategie besonders auszahlte. Wir zeigen, was Buy-the-Dip bedeutet und weshalb es aus psychologischer Sicht für erfahrene Anleger schwieriger sein kann, eine solche Strategie konsequent umzusetzen.
Entwicklung von US-Aktien im S&P-500-Index ab 1971
Der S&P-500-Index rentierte von Ende 1970 bis Mai 2026 mit rund 11,3 Prozent p.a. Das entspricht einer kumulierten Rendite von rund 35.000 Prozent. Wer Ende 1970 1.000 US-Dollar investiert hätte, hätte Ende Mai 2026 über 375.000 US-Dollar besessen. Inflationsbereinigt ergibt sich eine reale Rendite von über 7,0 Prozent p.a.
Grafik: Kumulierte Wertentwicklung des S&P 500 (Januar 1971 bis Mai 2026, logarithmische Skala, Entwicklung von 1 US-Dollar)
Ein Blick auf die langfristige Entwicklung vermittelt den Eindruck, dass Rückschläge meist gute Kaufgelegenheiten waren. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass es auch Phasen mit erheblichen Verlusten gab, deren Erholung jahrelange Geduld erforderte. Besonders deutlich wird dies im „verlorenen Jahrzehnt“ zwischen 2000 und 2010, das von der geplatzten Technologieblase und der Finanzkrise geprägt war.
Eine regelbasierte Buy-the-Dip-Strategie hat sich in den vergangenen gut 16 Jahren jedoch zweifellos gelohnt. Wer die Korrekturen während der Technologiekrise und der Finanzkrise selbst erlebt hatte, dürfte allerdings weniger bereit gewesen sein, bei den späteren Rückschlägen konsequent nachzukaufen.
Seit März 2009 fielen die Verluste meist deutlich geringer aus und wurden häufig innerhalb weniger Monate wieder aufgeholt. Selbst die rund 20-prozentigen Rückgänge während der Corona-Krise und im Zuge der Zinsanstiege 2022 waren innerhalb des folgenden Jahres wieder wettgemacht. Buy-the-Dip hat am US-Aktienmarkt damit über mehr als 16 Jahre hervorragend funktioniert.
Buy-The-Dip – eine Spielart des Rebalancings
Die Idee hinter Buy-the-Dip ist simpel: Nach regeldefinierten Rückschlägen werden Aktien zugekauft. Im Prinzip handelt es sich um eine Form des Rebalancings, die nicht periodisch, sondern abhängig von der Marktentwicklung erfolgt. Entscheidend ist: Es finden keine regelbasierten Gewinnmitnahmen statt.
Solange die Rückschläge gering bleiben, ist nur ein Zukauf nötig. Bei größeren Verlusten müsste hingegen mehrfach nachgekauft werden. Genau darin liegt aus unserer Sicht das Problem der drei größten Aktienmarktkrisen der vergangenen Jahrzehnte: Bei einem ersten Kursrückgang von 5 Prozent würde ein regelbasierter Zukauf ausgelöst. Fällt der Markt danach weiter, kämen bei jedem weiteren Rückgang um 5 Prozent zusätzliche Zukäufe hinzu. In den drei großen Krisen hätte man auf diese Weise jeweils acht bis zehn Mal nachkaufen müssen. Bei den ersten Zukäufen wären die Verluste zunächst weiter gestiegen.
Eine solche Strategie erhöht bewusst das Aktienrisiko im Gesamtportfolio und reduziert damit die Gewichtung anderer, meist diversifizierender Anlageklassen. Werden die Nachkäufe durch den Verkauf stabilisierender Anlagen finanziert, kann das Risiko bei anhaltenden Krisen zusätzlich steigen. Im Extremfall kann dies zu einer erzwungenen Verlustrealisierung im ungünstigsten Moment führen.
Der Erfolg von Buy-the-Dip hängt daher nicht nur von einer späteren Erholung der Aktienmärkte ab, sondern auch davon, ob Anleger den Weg dorthin aushalten können. Wer die Krisen von 2000–2002 und 2008/09 selbst erlebt hat, weiß, dass dies keineswegs selbstverständlich ist.
Nicht nur institutionelle Investoren, sondern auch Privatanleger bräuchten erhebliche Risikotoleranz und ein großes Vertrauen in Aktien, um eine solche Strategie konsequent durchzuziehen. Auch für Fondsmanager wäre dies schwierig gewesen: Sie hätten möglicherweise nicht über ausreichende Mittel für Nachkäufe verfügt und gleichzeitig mit Kunden zu kämpfen gehabt, die weitere Verluste kaum akzeptiert hätten.
Wer Krisen selbst erlebt, vielleicht sogar Totalverluste einzelner Titel erfahren oder die Sorgen von Kunden miterlebt hat, wird vermutlich auch später vorsichtiger agieren. Jüngere Anleger ohne diese Erfahrungen können dagegen unbeschwerter investieren – gerade in einem Umfeld, in dem die Bewertungen insbesondere im Technologie- und KI-Bereich optimistisch wirken.
Im Folgenden werden einige wissenschaftliche Thesen vorgestellt, die dieses unterschiedliche Verhalten nicht bewerten, sondern erklären und nachvollziehbar machen.
Erfahrungen prägen Emotionen
Dass Anleger ihre Entscheidungen nicht immer rein rational treffen, ist seit Jahrzehnten bekannt. Die Behavioral Finance beschreibt zahlreiche Faktoren, die das Verhalten privater und institutioneller Investoren beeinflussen. Wir konzentrieren uns auf die Frage, wie persönliche Erfahrungen Emotionen prägen und welche Folgen dies für Anleger haben kann.
Die Psychologie-Professorin Lisa Feldman Barrett argumentiert in ihrem Buch „How Emotions Are Made“, dass Emotionen stark von persönlichen Erfahrungen, Beziehungen und dem kulturellen Umfeld geprägt werden. Emotionale Reaktionen sind demnach nicht unveränderlich, sondern entstehen auch auf Basis individueller Erlebnisse.
Wer als Anleger das Platzen der Technologieblase oder die Finanzkrise selbst erlebt hat, dürfte dabei schmerzhafte Erfahrungen gesammelt haben, die die eigene Wahrnehmung von Chancen und Risiken an den Aktienmärkten nachhaltig beeinflussen. Jüngere Anleger haben diese Erfahrungen nicht gemacht und damit auch keine entsprechenden emotionalen Erinnerungen entwickelt.
Diese These passt zu einem bekannten Paper von Simon Gervais und Terrance Odean aus dem Jahr 2001, „Learning to be Overconfident“. Die Autoren zeigen, wie unerfahrene Anleger nach ersten Erfolgen übermütiger werden können. Sie unterschätzen möglicherweise Anlagerisiken, die Bedeutung von Diversifikation oder die Wettbewerbsintensität an den Märkten. Gerade in guten Marktphasen kann diese fehlende Krisenerfahrung jedoch auch vorteilhaft sein: Anleger gehen weniger zögerlich höhere Risiken ein. Erfolgreiche Investments verstärken wiederum das Vertrauen in die eigene Strategie.
Die genannten Thesen liefern damit einen plausiblen Erklärungsansatz dafür, weshalb Bewertungen von Aktien und ganzen Märkten zeitweise scheinbar keine Grenzen kennen und anschließend stark korrigieren. Aus unserer Sicht ist es nicht irrational, wenn jüngere Anleger aufgrund ihrer persönlichen Emotionen und positiven Anlageerfahrungen an konzentrierten Portfolios und einzelnen Titeln mit überzeugenden Narrativen festhalten.
Auch der Nobelpreisträger Robert Shiller beschäftigt sich in „Narrative Economics“ mit der Wirkung von Geschichten auf Anleger. Überzeugende Narrative können viele Investoren in ihren Bann ziehen und dadurch auch Aktienbewertungen beeinflussen.
Die Erkenntnisse der Behavioral Finance helfen uns somit, vermeintlich irrationales Verhalten besser zu verstehen. Umgekehrt können jüngere Anleger nachvollziehen, weshalb erfahrene Kollegen manchmal zögerlicher agieren und stärker vor Risiken warnen.
Leser, die weiterhin auf eine klare Prognose für die Aktienmärkte der kommenden Wochen hoffen, müssen wir leider enttäuschen. Die genannten Papers und Gedanken helfen uns aber besser zu verstehen, was die Entwicklung der Aktienmärkte beeinflussen dürfte und weshalb Anleger den Markt aus unterschiedlichen Perspektiven wahrnehmen und interpretieren.