private banking magazin: Frau Entholt-Laudien, was ist die wichtigste Aufgabe einer Bürgerstiftung in Hamburg?
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private banking magazin: Frau Entholt-Laudien, was ist die wichtigste Aufgabe einer Bürgerstiftung in Hamburg?
Dagmar Entholt-Laudien: Im Großen und Ganzen geht es darum, das Leben der Menschen in dieser Stadt zu verbessern. Das gelingt durch Teilhabe, durch das Zusammenbringen von Menschen – insbesondere Kindern und Jugendlichen, die ihre Stärken erkennen, sich selbst finden und Mut entwickeln sollen. Das übergeordnete Ziel aber ist, das Leben in der gesamten Stadt zu verbessern und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern. Man muss mittlerweile sagen: zu erhalten. Am Ende ist es ein wirklich riesiges Demokratieprojekt.
Frau Collewuie, Sie und die Warburg Bank verbindet mit der Bürgerstiftung auch mehr als eine reine Geschäftsbeziehung?
Claudia Collewuie: Wir haben eine geschäftliche Verbindung, die aber weit über das Maß einer reinen Kapitalanlagebeziehung hinausgeht. Die Warburg Bank verwaltet das Stiftungskapital verschiedener Treuhandstiftungen, die unter dem Dach der Bürgerstiftung Hamburg existieren.
Ich selbst bin Stiftungsberaterin und -managerin, habe persönlich Stiftungsvorstandsmandate übernommen und berate unsere Privat-Banking-Kunden in ihrem philanthropischen Engagement. Das heißt, ich werde regelmäßig gefragt: Was kann ich in Hamburg Gutes tun? So entstehen Kontaktpunkte zur Bürgerstiftung – auf Spendenebene, bei Zustiftungen und im Rahmen von Nachlassthemen. Ich verstehe mich dabei stark als Netzwerkerin.
Entholt-Laudien: Frau Collewuie ist die Netzwerkerin für Warburg in Stiftungsangelegenheiten, und wir sind die Netzwerkerin für die Stiftungsszene. Das ist ein natürlicher Fit. Viele Treuhandstifter möchten das Vermögen ihrer Stiftung bei der Bank belassen, zu der sie über Jahre Vertrauen aufgebaut haben.
Blicken wir auf die Kapitalanlage. Stiftungen gelten eigentlich als konservative Anleger. Ist das noch zeitgemäß?
Collewuie: Das Bild hat sich grundlegend gewandelt. Vor mehr als 20 Jahren, als die Bürgerstiftung gegründet wurde, gab es auskömmliche Kapitalmarktzinsen von fünf bis acht Prozent. Eine konservativ ausgerichtete Stiftung kam damit wunderbar klar. Das hat sich dann ins krasse Gegenteil umgewandelt – mit Nullzinsen oder sogar Negativzinsen.
Das führte dazu, dass die meisten Stiftungen stark umdenken mussten und zum Beispiel Aktienanteile in der Vermögensstruktur zum ersten Mal aufgenommen oder erhöht haben. Trotz der aktuellen Entspannung des Zinsumfelds haben die meisten Stiftungen ihren Aktienanteil beibehalten und profitieren von höheren Dividendenrenditen.
Entholt-Laudien: Das Stichwort mündelsichere Anlage, das es in meiner Jugend noch gab, passt schon lange nicht mehr. In Aktien zu investieren, war für Stiftungen früher per se ausgeschlossen. Aber das ist lange vorbei. Inzwischen ist es sogar ein Verstoß gegen Stiftungsrecht, wenn man keine Erträge erwirtschaftet. Wenn das Geld nur auf einem Sparbuch liegt, kann die Stiftungsaufsicht sagen: So geht es nicht weiter.
Das grundlegende Spannungsfeld für Stiftungen bei der Kapitalanlage besteht also zwischen dem Erhalt des Kapitals und dem Erfüllen des Stiftungszwecks?
Entholt-Laudien: Ja, einerseits ist eine Stiftung von der Anlage her auf Ewigkeit ausgelegt. Das Kapital muss erhalten bleiben, es darf nicht verloren gehen. Auf der anderen Seite hat eine gemeinnützige Stiftung Aufgaben – sie muss ihren Stiftungszweck erfüllen und laufend Erträge erwirtschaften. Das ist das Spannungsfeld: einerseits sicher zu investieren, andererseits aber zugleich ertragsstark.
Collewuie: Wir beraten Stiftungen im Hinblick auf ihre Vermögensstruktur dahingehend, dass das Stiftungskapital langfristig erhalten bleibt und die ausschüttungsfähigen Mittel zur Erfüllung des Stiftungszwecks in der gewünschten Größenordnung zuverlässig zur Verfügung stehen.
Spielt dabei auch die Frage eine Rolle, ob das Kapital real oder nur nominell erhalten werden soll?
Entholt-Laudien: Ja, und interessanterweise gibt es dafür keine gesetzliche Vorgabe. In manchen Satzungen steht, das Kapital müsse real erhalten werden – dann bleibt bei hoher Inflation ziemlich wenig für den Stiftungszweck übrig. Nur nominell zu erhalten ist bei laufender Inflation fast fahrlässig. Im Grunde müssen Stiftungen einen Mittelweg finden.
Welche Rolle spielen alternative Investments bei Stiftungen?
Collewuie: Bei kleinen und mittleren Stiftungen spielen sie kaum eine Rolle. Dafür gibt es folgende Gründe: weniger zuverlässige ausschüttungsfähige Erträge, längere Kapitalbindung und mangelnde Fungibilität. Wenn sich das Kapitalmarktumfeld ändert, müssen Stiftungen beispielsweise anders allokieren, dann können Risiken entstehen, die eine Stiftung nicht eingehen sollte.
Wie gehen Stiftungen mit ESG-Kriterien und der veränderten Debatte um Rüstungsinvestitionen um?
Entholt-Laudien: Spätestens seit dem Ukraine-Krieg haben sich die Maßstäbe verändert. Rüstungskonzerne waren früher per se ausgeschlossen – das kann man so einfach nicht mehr sagen. Die Frage der nachhaltigen Anlage ist für uns als Bürgerstiftung sehr wichtig. Wir haben unser eigenes Stiftungsvermögen bei unterschiedlichen Vermögensverwaltern nach ESG-Kriterien investiert und haben die ESG-Kriterien im Blick, aber man muss hinsichtlich der Bewertungsmaßstäbe und der Transparenzanforderungen auch ein bisschen pragmatisch sein.
Collewuie: Wir bieten spezielle Stiftungsstrategien in der Vermögensverwaltung an, die nach ESG-Kriterien investieren. Wenn der Stifter aber in den Anlagerichtlinien individuelle ESG-Kriterien als Messlatte wünscht, muss ihm klar sein, dass das Anlageuniversum kleiner wird. Das können Stifter bewusst entscheiden – wir unterstützen das –, aber man sollte sich immer vor Augen führen, was dies für die Möglichkeiten auf der Zins- und Dividendenseite bedeutet.
Müssen sich Stiftungen auch mit der geopolitischen Lage befassen?
Collewuie: Das ist die originäre Aufgabe der Bank als Vermögensverwalter – auf das Stiftungsvermögen im Rahmen eines schwierigen geopolitischen Umfelds besonders zu achten. Wir überprüfen unsere Prognosen und überlegen, was schlimmstenfalls passieren kann: Welche Auswirkungen haben Lieferkettenunterbrechungen, Rohstoffentwicklung oder der Klimawandel auf die Kapitalmärkte? Wir raten Stiftungen auch, jährlich die Anlagerichtlinien zu überprüfen und zu überlegen, ob dort Anpassungsbedarf besteht.
Wie hat sich die Gesprächskultur zwischen Stiftern und Kapitalverantwortlichen verändert?
Collewuie: Der Gesprächsbedarf hat sich deutlich intensiviert. Das liegt hauptsächlich an den komplexen Themen des Kapitalmarktumfelds, die den strategischen Austauschbedarf erhöhen. Uns erreicht aber auch ein erhöhter Beratungsbedarf zu vielen Themen der Philanthropie.
Hamburg gilt als Deutschlands Stiftungshochburg. Woran liegt das?
Entholt-Laudien: Das hat zwei Wurzeln. Erstens prägt Hamburg eine lange kaufmännische Tradition, in der die eigenverantwortliche Förderung gesellschaftlicher Anliegen eine wichtige Rolle spielte. Zweitens ist Hamburg eine reiche Stadt mit reichen Bürgern – und reiche Bürger können mehr geben als arme.
In den neuen Bundesländern beispielsweise ist die Entwicklung von Bürgerstiftungen schwieriger, da weniger privates Kapital zur Verfügung steht. Unser Stiftungskapital dagegen ist in mehreren Sprüngen, jeweils in zweistelliger Millionenhöhe, angestiegen – weil wir gewaltige Erbschaften und Großzustiftungen erhalten haben.
Warum ist eine Treuhandstiftung für viele Interessierte eine Alternative?
Collewuie: Ich schildere ein Beispiel: Ich sitze mit einer Person zusammen, die sich Gedanken macht, welche philanthropischen Bausteine sie in ihrem Nachlass berücksichtigen möchte. Sie kennt die Bürgerstiftung, kann sich vorstellen, ihr Engagement auf Hamburg zu beziehen. Sie entscheidet, zu Lebzeiten eine Treuhandstiftung zu gründen – mit eigenem Namen und eigenem Zweck, aber unter dem Dach der Bürgerstiftung. Das System der Treuhandstiftung ist sehr viel einfacher zu handhaben, leichter zu errichten und zu führen. Aber nach außen ist sie Stifterin mit eigenem Namen und selbstbestimmten Zwecken.
Entholt-Laudien: Und sie kann sogar sagen: Ich bin Stifterin oder Stifter und ich habe eine Stiftung. Da steht dann nicht Treuhandstiftung drauf – die hat einen Namen, zum Beispiel Hans-Georg-Müller-Stiftung, und unterstützt selbstgewählte Projekte.
Vor welchen strukturellen Herausforderungen stehen kleine und mittlere Stiftungen?
Entholt-Laudien: Von den über 1.500 Hamburger Stiftungen sind viele wirtschaftlich kaum lebensfähig. Es gibt Stiftungen mit 100.000 oder 200.000 Euro Stiftungskapital, die keine Spenden sammeln.
Da können Sie sich ausrechnen, was an Erträgen zur Verfügung steht. Trotzdem brauchen sie einen voll besetzten Vorstand, einen Stiftungsrat, einen Jahresabschluss und eine Steuererklärung. Das beißt sich.
Collewuie: Hinzu kommt das Nachfolgethema. Die meisten Stifter und Stiftungsbeteiligten arbeiten ehrenamtlich. Viele stehen vor dem Problem, die Nachfolge in ihrer Stiftung sicher zu stellen. Hierzu habe ich regelmäßig Kontaktaufnahmen und versuche bei diesem Thema zu unterstützen.
Hat die Stiftungsrechtsreform 2025 hier Abhilfe geschaffen?
Entholt-Laudien: Leider nicht. Wir hatten große Hoffnungen darauf gesetzt, dass die Reform es erleichtern würde, wirtschaftlich nicht lebensfähige Stiftungen zusammenzulegen oder auf eine größere zu übertragen. Das ist nicht geschehen. Es hat sich da praktisch nichts geändert.
Collewuie: Der Weg ist daher Kooperation und Zusammenrücken – gemeinsame Projekte begleiten, Kräfte bündeln, Netzwerke stärken. Das Thema Zusammenlegung ist zunächst vom Tisch, also geht es jetzt darum, sich schlanker aufzustellen und gemeinsam voranzukommen. Genau dafür sind auch Veranstaltungen wie zum Beispiel die Hamburger Stiftungstage so wichtig.
Welche Rolle spielen Spenden für Stiftungen?
Entholt-Laudien: Das ist eine ganz wichtige Ertragsquelle, insbesondere für Bürgerstiftungen. Bei uns macht sie etwa ein Viertel der Einnahmen aus. Ein Problem bei kleinen Stiftungen ist, dass die Spendeneinnahmen oft stark vom Stifter persönlich abhängen – wenn der Stifter stirbt, fallen sie weg.
Collewuie: Die meisten Menschen, die Gutes tun wollen, kommen über das Spenden-Thema zur Gemeinnützigkeit – und nähern sich dann erst Schritt für Schritt dem Thema Stiftung. Möglicherweise gründen sie dann eine Treuhandstiftung oder stiften zu. Das ist meistens die Reihenfolge.
Wie hat die Bürgerstiftung in Krisenzeiten reagiert?
Entholt-Laudien: Bei der Flüchtlingskrise 2015 haben wir erstmals einen sogenannten Gemeinschaftsfonds aufgebaut, der einerseits Geld sammelt und andererseits schnell ausgibt – mit niedrigschwelliger Prüfung der Anträge. Das haben wir bei Corona und der Ukraine-Hilfe wieder angewendet. Es gab zu Corona auch gesetzliche Ausnahmeregelungen, die es Stiftungen erlaubten, vorübergehend etwas außerhalb ihres Satzungszwecks zu arbeiten.
Zu den Interviewten:
Dagmar Entholt-Laudien ist ehrenamtlich tätige Vorstandsvorsitzende der BürgerStiftung Hamburg, Kuratoriumsmitglied und Beirätin in der Haspa Hamburg Stiftung und Mitglied in einem der Hamburger Zonta-Clubs. Die promovierte Juristin, die bis zu ihrem Ruhestand als Rechtsanwältin tätig war, kann sich nach eigenem Bekunden ein Leben ohne ehrenamtliches Engagement nicht vorstellen..
Claudia Collewuie ist Associate Director Private Banking und zertifizierte Stiftungsspezialistin bei der Privatbank M.M. Warburg & CO in Hamburg. Sie begleitet gemeinnützige Institutionen, Stifter und Familienunternehmer ganzheitlich bei der Strukturierung und nachhaltigen Ausrichtung von Stiftungsvermögen.