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Hamburg gilt als Deutschlands Stiftungshochburg. Woran liegt das?
Entholt-Laudien: Das hat zwei Wurzeln. Erstens prägt Hamburg eine lange kaufmännische Tradition, in der die eigenverantwortliche Förderung gesellschaftlicher Anliegen eine wichtige Rolle spielte. Zweitens ist Hamburg eine reiche Stadt mit reichen Bürgern – und reiche Bürger können mehr geben als arme.
In den neuen Bundesländern beispielsweise ist die Entwicklung von Bürgerstiftungen schwieriger, da weniger privates Kapital zur Verfügung steht. Unser Stiftungskapital dagegen ist in mehreren Sprüngen, jeweils in zweistelliger Millionenhöhe, angestiegen – weil wir gewaltige Erbschaften und Großzustiftungen erhalten haben.
Warum ist eine Treuhandstiftung für viele Interessierte eine Alternative?
Collewuie: Ich schildere ein Beispiel: Ich sitze mit einer Person zusammen, die sich Gedanken macht, welche philanthropischen Bausteine sie in ihrem Nachlass berücksichtigen möchte. Sie kennt die Bürgerstiftung, kann sich vorstellen, ihr Engagement auf Hamburg zu beziehen. Sie entscheidet, zu Lebzeiten eine Treuhandstiftung zu gründen – mit eigenem Namen und eigenem Zweck, aber unter dem Dach der Bürgerstiftung. Das System der Treuhandstiftung ist sehr viel einfacher zu handhaben, leichter zu errichten und zu führen. Aber nach außen ist sie Stifterin mit eigenem Namen und selbstbestimmten Zwecken.
Entholt-Laudien: Und sie kann sogar sagen: Ich bin Stifterin oder Stifter und ich habe eine Stiftung. Da steht dann nicht Treuhandstiftung drauf – die hat einen Namen, zum Beispiel Hans-Georg-Müller-Stiftung, und unterstützt selbstgewählte Projekte.
Vor welchen strukturellen Herausforderungen stehen kleine und mittlere Stiftungen?
Entholt-Laudien: Von den über 1.500 Hamburger Stiftungen sind viele wirtschaftlich kaum lebensfähig. Es gibt Stiftungen mit 100.000 oder 200.000 Euro Stiftungskapital, die keine Spenden sammeln.
Da können Sie sich ausrechnen, was an Erträgen zur Verfügung steht. Trotzdem brauchen sie einen voll besetzten Vorstand, einen Stiftungsrat, einen Jahresabschluss und eine Steuererklärung. Das beißt sich.
Collewuie: Hinzu kommt das Nachfolgethema. Die meisten Stifter und Stiftungsbeteiligten arbeiten ehrenamtlich. Viele stehen vor dem Problem, die Nachfolge in ihrer Stiftung sicher zu stellen. Hierzu habe ich regelmäßig Kontaktaufnahmen und versuche bei diesem Thema zu unterstützen.
Hat die Stiftungsrechtsreform 2025 hier Abhilfe geschaffen?
Entholt-Laudien: Leider nicht. Wir hatten große Hoffnungen darauf gesetzt, dass die Reform es erleichtern würde, wirtschaftlich nicht lebensfähige Stiftungen zusammenzulegen oder auf eine größere zu übertragen. Das ist nicht geschehen. Es hat sich da praktisch nichts geändert.
Collewuie: Der Weg ist daher Kooperation und Zusammenrücken – gemeinsame Projekte begleiten, Kräfte bündeln, Netzwerke stärken. Das Thema Zusammenlegung ist zunächst vom Tisch, also geht es jetzt darum, sich schlanker aufzustellen und gemeinsam voranzukommen. Genau dafür sind auch Veranstaltungen wie zum Beispiel die Hamburger Stiftungstage so wichtig.
Welche Rolle spielen Spenden für Stiftungen?
Entholt-Laudien: Das ist eine ganz wichtige Ertragsquelle, insbesondere für Bürgerstiftungen. Bei uns macht sie etwa ein Viertel der Einnahmen aus. Ein Problem bei kleinen Stiftungen ist, dass die Spendeneinnahmen oft stark vom Stifter persönlich abhängen – wenn der Stifter stirbt, fallen sie weg.
Collewuie: Die meisten Menschen, die Gutes tun wollen, kommen über das Spenden-Thema zur Gemeinnützigkeit – und nähern sich dann erst Schritt für Schritt dem Thema Stiftung. Möglicherweise gründen sie dann eine Treuhandstiftung oder stiften zu. Das ist meistens die Reihenfolge.
Wie hat die Bürgerstiftung in Krisenzeiten reagiert?
Entholt-Laudien: Bei der Flüchtlingskrise 2015 haben wir erstmals einen sogenannten Gemeinschaftsfonds aufgebaut, der einerseits Geld sammelt und andererseits schnell ausgibt – mit niedrigschwelliger Prüfung der Anträge. Das haben wir bei Corona und der Ukraine-Hilfe wieder angewendet. Es gab zu Corona auch gesetzliche Ausnahmeregelungen, die es Stiftungen erlaubten, vorübergehend etwas außerhalb ihres Satzungszwecks zu arbeiten.
Zu den Interviewten:
Dagmar Entholt-Laudien ist ehrenamtlich tätige Vorstandsvorsitzende der BürgerStiftung Hamburg, Kuratoriumsmitglied und Beirätin in der Haspa Hamburg Stiftung und Mitglied in einem der Hamburger Zonta-Clubs. Die promovierte Juristin, die bis zu ihrem Ruhestand als Rechtsanwältin tätig war, kann sich nach eigenem Bekunden ein Leben ohne ehrenamtliches Engagement nicht vorstellen..
Claudia Collewuie ist Associate Director Private Banking und zertifizierte Stiftungsspezialistin bei der Privatbank M.M. Warburg & CO in Hamburg. Sie begleitet gemeinnützige Institutionen, Stifter und Familienunternehmer ganzheitlich bei der Strukturierung und nachhaltigen Ausrichtung von Stiftungsvermögen.