Börsenrutsch Das steckt hinter dem Ausverkauf der Märkte

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Insgesamt habe ich mir im August und September deutlich mehr Sorgen um die Entwicklung der Finanzmärkte gemacht als zum jetzigen Zeitpunkt. Zum einen hatten die Bewertungen im Spätsommer ein sehr hohes Niveau erreicht. Zum anderen fürchtete ich, dass der Ausverkauf vom Februar das Grundvertrauen der Anleger in den Aktienmarkt erschüttert hatte, so dass es bei den ersten Warnsignalen zu einer Flucht kommen könnte.

Mein Eindruck war, dass die Märkte die positiven Faktoren zu stark eingepreist hatten, negative Faktoren wie eine mögliche Zuspitzung im Handelsstreit dagegen gar nicht. Viele meiner Befürchtungen sind jetzt eingetreten. In der Folge ist aber auch ein Großteil der Überbewertungen inzwischen wieder abgebaut worden.

Natürlich könnten die Aktienkurse auch noch weiter nachgeben. Ich sehe aber trotzdem keinen Grund, warum langfristig agierende Investoren Risikoanlagen meiden sollten. Stattdessen sehe ich diesen Ausverkauf als Chance für Investoren, sich zu überlegen, welche Aktien auf ihrer „Wunschliste“ stehen sollten. Ein Beispiel sind Technologieaktien, die so mancher Investor nach ihrer spektakulären Rally aus Angst vor einer Blase zuletzt gemieden hatte. Mittlerweile erscheinen Tech-Werte wieder deutlich angemessener bewertet.

Vor dem Hintergrund einer möglicherweise weniger aggressiven Zinsstraffung in den USA im kommenden Jahr halte ich auch die Emerging Markets – vor allem asiatische Schwellenländer — wieder für interessant. Tatsächlich hat sich der MSCI Emerging Markets Index auch bereits wieder um rund 5 Prozent von seinem im Herbst markierten Tiefpunkt entfernt.

Mein Eindruck ist, dass die Investoren inzwischen sehr verunsichert sind und zu ängstlich auf schlechte Nachrichten reagieren. Allerdings glaube ich auch, dass es in den nächsten Wochen auch gute Neuigkeiten geben wird. Während die Pause im Handelsstreit wohl eher von kurzer Dauer sein wird, dürfte der Zinsausblick der Fed moderater ausfallen. Ich hoffe, dass die Aussicht auf eine Fed-Zinspause im nächsten Jahr den Märkten noch zu einer gewissen Jahresenderholung verhelfen wird. Unabhängig davon ist es wichtig, dass längerfristig ausgerichtete Investoren diese Marktturbulenzen nicht überbewerten – und Kurs halten.

In dieser Woche sollten Anleger vor allem folgende Ereignisse im Blick haben:

  1. Brexit-Abstimmung: Am Dienstag hätte das britische Parlament eigentlich über den Brexit-Plan von Premierministerin Theresa May abstimmen sollen. Inzwischen hat May die Abstimmung jedoch verschoben und angekündigt, ein besseres Abkommen mit der Europäischen Union (EU) auszuhandeln. Bis zum Austrittsdatum im März 2019 bleiben ihr allerdings nur noch wenige Monate. Interessanterweise hat der Europäische Gerichtshof in der vergangenen Woche auch entschieden, dass Großbritannien seine Absicht, aus der EU auszutreten, wieder einseitig zurückziehen könnte – und damit vielleicht den Weg für ein zweites Brexit-Referendum geebnet. Mittlerweile könnte das die einfachste Option sein.
  2. Wahlen in Indien: Diese Woche wird in fünf indischen Bundesstaaten gewählt. Die Wahlen werden auch als Test für die Erfolgsaussichten von Premierminister Narendra Modi bei den Parlamentswahlen im kommenden Jahr betrachtet. Bislang sind die Umfragewerte des Premierministers nicht sehr gut.
  3. Sitzung der EZB: Allen Erwartungen nach wird die EZB bei ihrer Sitzung in dieser Woche das offizielle Ende ihres umfangreichen Anleihenkaufprogramms bekanntgegeben. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass die EZB den Märkten aber zumindest deutlich zu verstehen geben wird, dass sie ihre quantitativen Lockerungsmaßnahmen bei den ersten Hinweisen auf eine stärkere Wachstumsabschwächung in der Eurozone wieder aufnehmen würde.
  4. Macron-Rede: In Frankreich ist es Präsident Emmanuel Macron bislang trotz Rücknahme der verhassten Benzinsteuer nicht gelungen, die heftigen Krawalle zu beenden. Heute wird Macron in einer Rede auf die Proteste reagieren. Einige Beobachter meinen, dass die Krawalle erst dann aufhören werden, wenn Macron zurücktritt. Aus meiner Sicht wäre das aber eine extrem schlechte Wendung für das Land, da Frankreich von Macrons Reformplänen letztlich profitieren sollte.