private banking magazin: Bitte erläutern Sie uns, was aus Ihrer Sicht das Besondere an der Blockchain ist?
Marion Spielmann: Die Blockchain-Technologie kann man als eine Art Weiterentwicklung des Internet sehen. Das Internet bietet die Möglichkeit, weltweit miteinander zu kommunizieren und Daten zu übertragen und genau das Gleiche geht auch mit der Blockchain. Deren Vorteil oder Besonderheit liegt aber darin, dass die Blockchain ein dezentrales, auf vielen Computern organisiertes Netzwerk mit Validierungsknoten ist. Das heißt, jede Transaktion, die auf der Blockchain stattfindet, wird über die Knoten bestätigt und nachgerechnet. Damit sind alle dort gespeicherten Daten fälschungssicher und unveränderlich, weil jeder Versuch, daran etwas zu manipulieren, sofort auffallen würde.
Und das lässt sich für den Handel mit Wertpapieren nutzen?
Spielmann: Dafür werden Wertpapiere über einen sogenannten Token dargestellt. In diesem Token ist die ganze Information zum jeweiligen Wertpapier enthalten und den kann man nun von einem Anleger zum anderen übertragen. Für die Übertragung des Eigentums gibt es zwei Adressen auf der Blockchain: Eine öffentliche, also den Token, und eine private, das ist der Schlüssel für den Token. Wer diesen Private Key hat, hat das Eigentum. Und weil das alles sicher ist, braucht man keinen Intermediär, der den Settlement-Prozess durchführt. Dieser Prozess findet automatisiert auf der Blockchain statt. So können Sie alles, was tokenisiert ist, also Wertpapiere, Fondsanteile, Kryptowährungen, Stablecoins oder Sachwerte direkt, ohne Zeitverzögerung und effizient von einem Anleger zum anderen übertragen.
Die Deka hat dafür gemeinsam mit Partnern aus der Finanzindustrie SWIAT gegründet. Was genau ist die Idee dahinter?
Spielmann: Um einen effizienten Handel zu gewährleisten, braucht es eine Plattform, ein Ökosystem. Die Deka hat ihre Aktivitäten in dem Bereich 2018 gestartet, 2022 haben wir SWIAT gegründet, eine Blockchain-basierte Plattform zur Cross-Border-Abwicklung von Wertpapieren in Echtzeit. Es ist ein privates Netzwerk, bei dem es Zugangsvoraussetzungen gibt und zu dem man vom Netzwerkverwalter zugelassen werden muss. Schließlich muss die Finanzindustrie regulatorische Anforderungen erfüllen. Bei SWIAT selbst werden einmal die Anwendungen und die Software entwickelt, die man braucht, um Transaktionen durchzuführen. Zum zweiten stellt SWIAT das Netzwerk zur Verfügung, auf dem Transaktionen durchgeführt werden. Dieses Netzwerk ist die Grundlage für Regulated Layer One, eine europäische Initiative, die die Basis für ein gemeinsames Distributed-Ledger-Netzwerk schafft und für weitere Marktteilnehmer offensteht. Ziel ist es, ein globales Betriebssystem für die Finanzindustrie zu schaffen.
Auf welcher Technologie basiert dieses Netzwerk?
Spielmann: Das ist Ethereum. Spannend daran ist, dass alle Netzwerke, die mit der Ethereum-Technologie aufgebaut sind, untereinander interoperabel sind. Das heißt, sie können miteinander kommunizieren und Token können von einem Netzwerk auf das andere übertragen werden. Ethereum wurde gezielt für Finanzdienstleistungen entwickelt und es scheint sich als die Technologie in der Finanzbranche durchzusetzen. Entscheidend sind aber die sogenannten Smart Contracts.
Was ist mit Smart Contracts alles möglich?
Spielmann: Sie können heute über einen Code in einen Token alle Informationen, die mit einem Wertpapier zusammenhängen, reinschreiben. Alles, was zum Beispiel in den Bedingungen einer Anleihe hinterlegt ist, kann man auch über einen Smart Contract im Token hinterlegen. Damit administriert sich ein Wertpapier auf der Blockchain selbst. Es weiß, wann es Zinszahlungen leisten oder die Dividende bei einer Aktie ausschütten muss und in welcher Höhe. Der Kunde bekommt das automatisch ausgezahlt und der Emittent wird automatisch belastet. Heute haben wir Abwicklungsprozesse mit einer Vielzahl unterschiedlichster Systeme, zeitlichem Verzug, Kontrollprozessen und vieles mehr. Das fällt künftig alles weg. Wir haben so also ein hohes Maß an Sicherheit und ein viel geringeres operationales Risiko für den Investor und für den Emittenten. Damit werden diese ganzen Vorgänge effizienter, schneller und kostengünstiger.
Noch aber scheint alles sehr langsam voranzugehen…
Spielmann: Ein Problem ist, dass man einen liquiden Sekundärmarkt braucht. Da gab es aber bis vor Kurzem regulatorische Hindernisse und es fehlte die Infrastruktur. Man muss bedenken, dass damit ein hoher Investitionsaufwand verbunden ist. Dazu kommt, dass die Anbieter weiter die traditionelle Systemwelt vorhalten müssen. Doch inzwischen sind wichtige regulatorische Hemmnisse abgebaut und der Infrastrukturaufbau schreitet voran. Damit nimmt die Blockchain-basierte Finanzwelt langsam Fahrt auf. Irgendwann wird ein Punkt kommen, an dem mehr Krypto- als traditionelles Geschäft stattfindet. Dann wird sich der Markt für digitale Assets sehr viel rasanter entwickeln und dann wird es kosteneffizient.
Was spricht noch für eine Beschleunigung?
Spielmann: Wir sehen im Moment, dass sich die Daueremittenten, das sind die Teilnehmer, die den Markt zu einem gewissen Grad bestimmen, zunehmend mit dem Thema auseinandersetzen. Dazu gehören eine Kreditanstalt für Wiederaufbau, die EIB oder die Weltbank. Sie schaffen derzeit die Voraussetzungen, um Kryptowertpapiere zu begeben. Das wird vermutlich dazu führen, dass auch Investoren sich intensiver damit beschäftigen werden. Und dann wird sich der Markt nach und nach anpassen und es wird zu einem exponentiellen Wachstum kommen. Wenn wir über einen Zeitrahmen sprechen, dann wird die Transformation schon noch zwanzig Jahre dauern.
Welche Rolle spielen Stablecoins?
Spielmann: Zwar können heute Wertpapiere auf der Blockchain bewegt werden, aber um die Vorteile der Blockchain optimal nutzen zu können, braucht man eine Blockchain-basierte Zahlungsabwicklung. Die EZB treibt dafür den sogenannten Wholesale CBDC – also digitales Geld für den Interbankenhandel – voran. Aber auch Stablecoins, für die es mit der EU-Verordnung Micar einen regulatorischen Rahmen gibt, können eine Alternative sein. Gerade Micar ist dabei wichtig, weil dieser regulierte Rahmen allen Beteiligten eine ausreichende Rechtssicherheit bietet. Bislang wird der Stablecoin-Markt zwar vom US-Dollar dominiert. Allerdings hat Europa mit Qivalis, an dem auch die Deka beteiligt ist, eine sehr erfolgversprechende Initiative am Start. Führende Banken aus neun Ländern haben sich zusammengeschlossen, um in diesem Jahr einen Euro-basierten Stablecoin zu begeben.
Was bedeutet diese ganze Entwicklung für die Investoren?
Spielmann: Anlegern werden damit mehr Anlageklassen leichter zugänglich. Das gilt gerade für die Tokenisierung von Sachwerten, was heute auch technisch bereits möglich ist. Dazu haben wir mit den Kryptowährungen eine neue zusätzliche Anlageklasse. Außerdem können Fonds direkt ge- und verkauft werden – also in Echtzeit ohne zeitlichen Verzug. Auch das ist ein großer Vorteil. Und möglicherweise wird es langfristig kostengünstiger, wenn – wie bereits erläutert – die Infrastruktur für die alte Systemwelt wegfällt. Wichtig aber ist, dass die Investor selbst sich keine Gedanken über die Marktinfrastruktur machen oder Investitionen befürchten müssen. Das machen alles die Marktinfrastrukturanbieter oder die Banken, die die Technologie entwickeln und bereitstellen. Tatsächlich wird sich an den Abläufen, also Orderprozess, Depotjahresauszug oder Verwahrung und so weiter, wenig ändern.
Wie weit sind wir mit der Umstellung in Europa?
Spielmann: Ohne Frage ist die Schweiz hier der Frontrunner. Sie haben sehr früh einen verlässlichen Rechtsrahmen geschaffen und Kryptowertpapiere von Beginn an zugelassen. Tatsächlich ist der Rechtsrahmen eine wichtige Voraussetzung, dazu kommt aber, dass sich ein technologischer Standard durchsetzen muss. Und hier sehen wir klare Fortschritte auf europäischer Ebene. Das ist gerade im internationalen Wettbewerb mit Asien oder den USA sehr wichtig. Denn wenn wir uns in Europa hier nicht schnell positionieren und uns auf diese Blockchain-basierte Finanzwelt vorbereiten, dann laufen wir Gefahr, künftig Marktanteile zu verlieren.
Über den Autor:
Gerd Hübner bildet zusammen mit Heino Reents und Dirk Wohleb ein Autorenteam für das private banking magazin. Hübner ist seit 1998 als freier Finanzjournalist für diverse Zeitungen, Zeitschriften sowie Online-Medien in Deutschland tätig und arbeitet zudem als Investment Writer für Banken, Vermögensverwalter und Fondsgesellschaften.
