Kapitalmarkt-Experte Martin Lück „Trump ist wie eine Streubombe für die Weltordnung"

Martin Lück.

Martin Lück: „Bei Blackrock und anderen großen Häusern darf man immer weniger sagen.“ Bildquelle: Patrick Kuschfeld

Private Banking Magazin: Sie waren 16 Jahre Kapitalmarktexperte bei UBS und Blackrock. Gab es einen Schlüsselmpment, in dem Sie sich für die Selbstständigkeit entschieden?

Martin Lück: Die Idee geisterte schon 15 Jahre in meinem Kopf. Als erster Jahrgang, der bis 67 arbeiten muss, wollte ich auf den letzten Metern noch etwas Eigenes machen. Hinzu kommt ein wichtiges Thema: Bei Blackrock und anderen großen Häusern darf man immer weniger sagen. Alles zu China muss durch gesonderte Compliance, US-Politik ist mega heikel. Wenn das Hauptthema an den Kapitalmärkten aber die US-Politik ist und ich es nicht beschreiben darf, habe ich ein Problem.

Worauf führen Sie diesen „Maulkorb" zurück?

Lück: Das hören Sie von vielen Häusern. Research Reports sind alle weichgespült – man will niemandem wehtun, nicht anecken. Man will den Chinesen nicht auf die Füße treten wegen Businessinteressen in China, den Amerikanern nicht vor das Bein treten aus Furcht vor Reaktionen aus Washington. Die Unternehmen schützen sich und sagen lieber weniger.

Haben wir gesellschaftlich verlernt, ordentlich zu diskutieren?

Lück: Ja, wir beharren zu stark auf Positionen, stellen Leute zu schnell in Ecken. Wir müssen wieder diskursfähiger werden. Ich teile nicht die Ansicht „Man darf nichts mehr sagen" – man muss es nur differenziert und gut erklärt sagen.

Sehen Sie die globale Grundordnung durch die aktuelle US-Administration bedroht?

Lück: Absolut. Es gab noch nie eine so große Frage, ob diese regelbasierte Pax Americana, die ganze Nachkriegsordnung mit multilateralen Abkommen, Bestand hat. Wenn Trump und MAGA sich durchsetzen, etablieren sie eine andere Ordnung – erst in den USA, dann international. Das ist völlig anders als ein Amerika, das sich an Verträge hält.

Wie erklären Sie Trumps Protektionismus?

Lück: Trump ist wie eine Streubombe – er verteilt viele kleine Explosionen statt einer großen. Die Erzählung geht so: Die USA haben der Welt gratis militärischen Schutz und die Leitwährung bereitgestellt. Der daraus resultierende starke Dollar habe zur Deindustrialisierung geführt. Stephen Miran, Trumps Chefberater, führt sogar die Opioid-Krise auf den überbewerteten Dollar zurück. Diese Erzählung ist eine Bastelanleitung für eine andere Weltordnung, die meiner Ansicht nach weder für Amerika noch für den Rest der Welt besser ist.

 

Hat Trump eine klare Agenda?

Lück: Ich glaube nicht, dass er eine komplette Agenda hat. Er wird vor den Karren gespannt von verschiedenen Lagern. Da gibt es Widersprüche: das Tech-Camp um Peter Thiel und Elon Musk, Steve Bannons „Deplorables"-Bewegung, und dann Leute wie Finanzminister Scott Bessent – ein hochintelligenter Mann, der selbst schwul ist und zusehen muss, wie LGBTQ diskriminiert wird. Es ist verrückt.

Können Sie mit Trump vernünftig reden?

Lück: Ich glaube nicht. Trump ist ein pathologischer Narzisst – der ist wirklich krank. Er hat eine extrem kurze Aufmerksamkeitsspanne, muss sich permanent selbst loben und kann alles nur auf sich beziehen. Mit dem zu reden hätte null Sinn. Interessanter wäre es, mit J.D. Vance oder Scott Bessent zu sprechen und sie zu fragen: Warum zum Henker macht ihr das? Glaubt ihr das wirklich?

Macht Ihnen das Angst?

Lück: Mir macht das ständig Angst. Ich habe einen 14-jährigen Sohn und sorge mich um die Welt, in der künftige Generationen leben müssen.

Wird es den Menschen im Rust Belt besser gehen?

Lück: Nein. Die Inflation steigt durch Zölle und Isolationismus. Das Congressional Budget Office schätzt 3,3 Billionen Dollar Mehrverschuldung. Medicaid wird brutal zusammengestrichen. Den Leuten wird es schlechter gehen, aber wenn sie aufwachen, ist es zu spät. Trump überflutet das System mit Müll nach dem Motto „Flooding the zone with shit" – eine Strategie von Steve Bannon. Dazu kommt das Prinzip aus dem Tech-Camp: „Move fast and break things" – kreative Zerstörung als Methode. Diese doppelte Zerstörungsstrategie ist die Bauanleitung für die Politik des Weißen Hauses.

Kann das System über Trump hinaus bestehen?

Lück: Das ist die große Gefahr. Trump wird versuchen, J.D. Vance als Nachfolger aufzubauen. Der ist heiß darauf und würde das System für weitere acht Jahre führen. Das MAGA-Camp könnte so dauerhaft Dinge verändern. Die beste Variante wäre, dass nach vier Jahren ein demokratischer Präsident kommt – aber die Demokraten haben niemanden. Die besten Leute wie Alexandria Ocasio-Cortez oder Elizabeth Warren sind zu links für die amerikanische Mitte. Gemäßigte Republikaner gibt es praktisch nicht mehr.

Ist die alte Weltordnung schon gekippt?

Lück: Noch nicht sicher. Trump reagiert auf Veränderungen an den Kapitalmärkten. US-Haushalte haben 29 Prozent ihrer Assets in Aktien – historischer Höchststand. Wenn die Altersvorsorge vernichtet wird, entsteht ein Korrektiv. Auch China könnte Amerika zu einem anderen Kurs zwingen, hat alle Hebel in der Hand – seltene Erden, Technologie-Komponenten, permanente Magnete für Elektroautos.

Was bedeutet das für Anleger?

Lück: Die wichtigste Frage: Kann Trump eine neue Weltordnung etablieren? Falls ja, müssen wir mit anderen Risikoprämien agieren. In einer Welt des Rechts des Stärkeren gelten andere Regeln. Aktienanteil wahrscheinlich niedriger, regionale Diversifikation wichtiger. Wir müssen sichere Teile des Portfolios neu denken – vielleicht mehr Private Assets statt Public Markets, obwohl auch die nicht immun sind. Immobilien, Gold, Commodities werden wichtiger. Auch die China-Gewichtung: 7 Prozent in globalen Indizes bei 20 Prozent Anteil am Global GDP – das müssen wir überdenken.

 

Wie beurteilen Sie Merz' Trump-Besuch?

Lück: Merz hat eine gute Figur gemacht, hatte aber auch Glück, weil Trump mit der Musk-Geschichte abgelenkt war. Einen ernsthaften Austausch gab es nicht. Als Trump den Aggressor und Angegriffenen in einem Atemzug nannte, hat Merz richtig reagiert und gesagt: „Sorry, Mr. President, wir können nicht Kriegsverbrecher und Opfer gleichsetzen." Aber weiter ging es nicht – das zeigt, wie oberflächlich solche Gespräche sind.

Ist der Goldpreis der Unsicherheit vorausgelaufen?

Lück: Ein Stück weit, ja. Dollar-Schwächung fördert den Goldpreis. Entscheidend: Die Chinesen haben massiv von Treasuries auf Gold umgeschichtet – 600 Tonnen in 2023. Die People's Bank of China ist der größte Treiber hinter dem enormen Goldpreisanstieg. Chinas Goldanteil an den Währungsreserven liegt bei etwa 7 Prozent.

Über den Interviewten:

Martin Lück war knapp neun Jahre lang Leiter Kapitalmarktstrategie für Deutschland, die Schweiz, Österreich und Osteuropa bei Blackrock. In dieser Funktion verantwortet er seit Oktober 2015 das makroökonomische Research und die Investment-Einschätzungen von Blackrock in der Region. Der promovierte Volkswirt und Bankkaufmann verfügt über mehr als zwanzig Jahre Berufserfahrung. Vor seinem Wechsel zu Blackrock hat er bei der UBS Deutschland gearbeitet. Dort analysierte er als Chefvolkswirt für Deutschland und Mitglied des European-Economics-Teams seit 2007 vor allem Deutschland, Italien und die Niederlande sowie die EZB-Politik und Investment-Themen. Zu Lücks früheren beruflichen Stationen zählen unter anderem Kepler Equities, CAI Cheuvreux und Schröder Münchmeyer Hengst Research. Im Dezember 2024 machte er sich selbstständig und gründete das Beratungsunternehmen Macro Monkey.

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