Bewerber in der Warteschleife Wie Banken angehende Führungskräfte durchleuchten

Vor dem Hintergrund von Skandalen, die durch das Fehlverhalten einzelner Beschäftigter ausgelöst wurden, gehen Banken dazu über, Stellenangebote zurückzuziehen und den Beschäftigungsbeginn neu eingestellter Mitarbeiter hinauszuzögern. Abklärungen zur Vorgeschichte von Stellenbewerbern gewinnen an Bedeutung, berichten Branchenkenner. Selbst bestehende Arbeitsverhältnisse sind mittlerweile betroffen.

“Einstellungen in den Investmentbank-Sparten können erheblich länger dauern, vor allem bei Führungspositionen, wo sehr genau geprüft wird”, sagt Simon Morris, Anwalt im Fachgebiet Finanzdienstleistungen in der Kanzlei CMS Cameron McKenna in London. Die Zeitspanne, die Banken für die Zulassung frisch eingestellter Mitarbeiter durch die Behörden einplanen, wird deutlich länger. Drei bis fünf Mal so lange dauere das mittlerweile, führt Morris aus. Früher genügte ein Tag.

Die Entwicklung belegt, dass Banken wie die UBS und Barclays vor dem Hintergrund wachsender Kosten für Rechtsfälle ihre Mitarbeiter schärfer kontrollieren. Und sie schauen sich Stellenbewerber genauer an, bevor diese ihre Tätigkeit aufnehmen, um sich keine Probleme einzuhandeln.

So zog die UBS nach Angaben einer informierten Person in diesem Jahr ein Stellenangebot für eine leitende Position in London zurück, nachdem sie Nachforschungen angestellt hatte über ein Fehlverhalten, das der Kandidat im Lauf der Abklärungen über seine Vorgeschichte offenlegte. Über die Art des Fehlverhaltens liegen keine Informationen vor. Der Bewerber sei zuvor bei den britischen Niederlassungen zweier anderer Banken beschäftigt gewesen, sagte die informierte Person, die sich Anonymität ausbat.

Barclays verschob die Einstellung eines leitenden Mitarbeiters im Bereich Festverzinsliche in London, als bei der Abklärung seiner Vorgeschichte im Vorfeld des Antrags auf seine Zulassung bei der britischen Finanzaufsicht FCA Fragen auftauchten. Der Betroffene war zuvor mehrere Jahre lang für das New Yorker Büro seines britischen Arbeitgebers tätig, sagten zwei mit dem Vorgang vertraute Personen. Welcher Art die zu klärenden Umstände waren, sagten sie nicht.

Vertreter von UBS, Barclays und FCA wollten die Fälle nicht kommentieren.

Daten von Bloomberg News belegen, dass zwischen 2008 und dem zweiten Quartal 2014 24 Banken aus Europa mit den größten Risiken mindestens 119 Milliarden Dollar (92 Milliarden Euro) an Bußen, Vergleichen oder Zahlungen für Kundenbeschwerden entweder aufwendeten oder dafür Rückstellungen bildeten.

Auch bei bestehenden Beschäftigungsverhältnissen zeichnen sich in einigen Ländern aufgrund der zunehmenden Regulierung Veränderungen ab. Wollen Banken beispielsweise ihre Mitarbeiter an einem anderen Standort einsetzen, sind in den USA sechsstündige Prüfungen erforderlich, die von der Financial Industry Regulatory Authority organisiert werden. Auf leitende Mitarbeiter warten zusätzliche Examen. Die FCA führt in Großbritannien vergleichbare Tests durch. Zusätzlich nimmt sie eigene Abklärungen zum Hintergrund der Personen vor, was die Einstellung von Mitarbeitern für Banken in London weiter erschwert.

Die FCA und die für die Bankenaufsicht zuständige Prudential Regulation Authority wollen ihre Prüfungen weiter verschärfen. Im Juli, so geht aus einem Beratungsdossier hervor, unterbreiteten sie einen Vorschlag, der zusätzliche Prozesse der Zertifizierung vorsieht.

“Die Leute sind keine Gauner”, sagt Anwalt Morris. Bei Einstellungen in der britischen Bankenbranche herrsche mittlerweile “eine ultrakonservative Stimmung, es ist unsere Variante von Puritanismus und Risikoaversion”.

“Wie immer bei gut gemeinter Regulierung gilt auch hier das Gesetz der nicht beabsichtigten Folgen”, sagt John Purcell, Chef einer Personalvermittlung für Führungskräfte in London. “Man muss Mitarbeiter in puncto Berufserfahrung und Qualifikationen auf den Zahl fühlen, aber wenn die Regeln dermaßen überzogen sind, dass sie die Einstellung geeigneter Bewerber verhindert beziehungsweise ungebührlich in die Länge zieht, dann ist das eindeutig kontraproduktiv.”

Aus Sicht der FCA zahlt sich die Vorsicht der Banken aus. In ihrem alle zwei Jahre vorgelegten Bericht schreibt die Behörde, dass im Zeitraum von April 2013 bis März 2014 keine einzige der Bewerbungen von Kandidaten mit dem sogenannten ’bereits genehmigten’ Status abgelehnt worden sei. Gleichwohl seien 264 Kandidaten von den Banken selbst zurückgezogen worden, “nach gründlicher Prüfung” durch die FCA, heißt es in dem Bericht.