Überreaktion am Aktienmarkt Warten auf den Stimmungsumschwung

Torsten Windels ist Chefvolkswirt der Nord/LB

Torsten Windels ist Chefvolkswirt der Nord/LB

Die auch durch schwächere Konjunkturdaten Chinas ausgelösten Sorgen um das Reich der Mitte haben jüngst nicht nur die asiatischen Aktienmärkte belastet. Auch in Europa und den USA kam es zu einem sehr nachhaltigen Druck auf die Kurse der Dividendenpapiere, welcher wohl insbesondere auf eine erhöhte Risikoaversion der Investoren zurückzuführen sein dürfte.

Der Dax ist im Rahmen dieser Bewegung unter die psychologisch sehr wichtige Marke von 10.000 Punkten gefallen. Somit entfernte sich der deutsche Leitindex von der vor allem für Charttechniker bedeutenden 200-Tage-Linie, was die ohnehin schon ausgeprägte Nervosität am deutschen Aktienmarkt für eine Weile noch weiter erhöht haben dürfte.

Die schlechte Stimmung am chinesischen Aktienmarkt konnte durch die Stützungsmaßnahmen des Staates zunächst nicht verbessert werden. Unserer Auffassung nach droht aber weiterhin kein starker Einbruch der chinesischen Konjunktur. Wir gehen lediglich davon aus, dass sich das Wirtschaftswachstum nach und nach etwas abschwächen wird, was aber unserer Einschätzung nach als völlig normale Entwicklung zu werten sein sollte.

Insofern mag die jüngst zu beobachtende Abwärtsbewegung am globalen Aktienmarkt schon eine Überreaktion darstellen. Wenn die negative Stimmung weicht – zum Beispiel nach einer Handelswoche mit einer in der Summe hinreichend positiven Performance – kann es dann sogar wieder relativ schnell aufwärts mit den Kursen der Dividendenpapiere gehen.

Entsprechend sollte es zumindest keine unrealistische Hoffnung sein, wenn man den deutschen Leitindex Dax in zwölf Monaten wieder im Bereich von 12.000 Punkten sieht.

Wirtschaftsmotor USA

Für den globalen Aktienmarkt spricht auch die Stärke der US-Wirtschaft. So wurden die Zahlen zur Entwicklung des US-Wirtschaftswachstums im zweiten Quartal 2015 von den offiziellen US-Statistikern jüngst markant nach oben revidiert. Danach hat das annualisierte Wachstum auf beachtliche 3,7 Prozent zulegen können.

Aufgrund der nun zu beobachtenden Stärke droht im dritten Quartal 2015 natürlich eine gewisse Wachstumsabschwächung. Wir gehen allerdings schon davon aus, dass sich das US-BIP im vierten Quartal dann wieder deutlich freundlicher präsentieren sollte.

In diesem positiven ökonomischen Umfeld bleibt die Federal Reserve natürlich unter Handlungsdruck. Wir gehen entsprechend davon aus, dass die US-Notenbanker noch in 2015 die Leitzinsen leicht nach oben anpassen werden wollen.

Die geringen Folgen einer Zinsanhebung

Dieses veränderte geldpolitische Umfeld in den USA mag dann zwischenzeitlich schon etwas belastend auf die durch Liquidität in der einen oder anderen Form gedopten Kurse an den Börsen wirken. Die US-Zentralbank wird aber nur vorsichtig und mit Augenmaß agieren wollen, um den momentan zu beobachtenden Aufschwung im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht abzuwürgen.

Die belastende Wirkung von Leitzinsanhebungen auf Aktienkurse sollte wohl ohnehin nicht überbewertet werden. Es ist nämlich unseren Erfahrungen nach in empirischen Analysen kaum möglich, einen statistisch signifikanten Effekt nachzuweisen. Insofern würden wir nicht davon ausgehen, dass die zu erwartende Kehrtwende bei der US-Geldpolitik einen nachhaltigeren Druck auf die internationalen Aktienmärkte auslösen kann. 


Über den Autor:
Torsten Windels ist Chefvolkswirt der Nord/LB. Der gebürtige Bremer begann seine Karriere 1990 bei der norddeutschen Bank in der Abteilung Volkswirtschaft. Nach einem Ausflug in die niedersächsische Staatskanzlei kehrte er 1996 zur Nord/LB zurück und wurde im Juli 2007 zu deren Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung.