Hendrik Riehmer, persönlich haftender Gesellschafter bei Berenberg, schaut gerne Liebesfilme mit Happy End. Das verriet er dem Manager Magazin 2017. Sein eigenes Leben liest sich seit Abschluss der Ausbildung zum Bankkaufmann wie eine Erfolgsgeschichte mit Höhen und Tiefen – und einer großen Liebe in der Hauptrolle. Die Auserwählte ist Deutschlands älteste Privatbank.
Im Drehbuch war eigentlich immer ein Happy End vorgesehen. Doch – Stand heute – ist Riehmer kurz vor dem „happily ever after“ gescheitert. Die Finanzaufsicht Bafin ordnete eine neue Führung an. Die Befugnisse der drei persönlich haftenden Berenberg-Gesellschafter, also auch die Riehmers, wurden mit sofortiger Wirkung zum Ruhen gebracht.
2017 unterschrieb Riehmer einen Achtjahresvertrag. Danach, so schrieb das Manager Magazin kurz nach der Unterschrift, wolle er gern noch ein paar Jährchen dranhängen – aber eigentlich nicht länger als bis zu seinem Sechzigsten. Am 20. Juli wird Riehmer 58. Das Ziel wäre im Sommer 2028 erreicht gewesen.
Nach dem Austritt aus der operativen Geschäftsleitung hätte er nur noch alle paar Jahre über neue Geschäftsleiter abstimmen müssen, welche die Geschicke von Berenberg ertragssteigernd lenken sollten. Mit vielen Wechseln wäre nicht zu rechnen gewesen: Seit der Gründung 1590 hatte die Privatbank nur 40 Geschäftsführer (persönlich haftende Gesellschafter), wie das Unternehmen 2026 schreibt. Das ist im Schnitt alle zehn Jahre einer.
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Hendrik Riehmer, persönlich haftender Gesellschafter bei Berenberg, schaut gerne Liebesfilme mit Happy End. Das verriet er dem Manager Magazin 2017. Sein eigenes Leben liest sich seit Abschluss der Ausbildung zum Bankkaufmann wie eine Erfolgsgeschichte mit Höhen und Tiefen – und einer großen Liebe in der Hauptrolle. Die Auserwählte ist Deutschlands älteste Privatbank.
Im Drehbuch war eigentlich immer ein Happy End vorgesehen. Doch – Stand heute – ist Riehmer kurz vor dem „happily ever after“ gescheitert. Die Finanzaufsicht Bafin ordnete eine neue Führung an. Die Befugnisse der drei persönlich haftenden Berenberg-Gesellschafter, also auch die Riehmers, wurden mit sofortiger Wirkung zum Ruhen gebracht.
2017 unterschrieb Riehmer einen Achtjahresvertrag. Danach, so schrieb das Manager Magazin kurz nach der Unterschrift, wolle er gern noch ein paar Jährchen dranhängen – aber eigentlich nicht länger als bis zu seinem Sechzigsten. Am 20. Juli wird Riehmer 58. Das Ziel wäre im Sommer 2028 erreicht gewesen.
Nach dem Austritt aus der operativen Geschäftsleitung hätte er nur noch alle paar Jahre über neue Geschäftsleiter abstimmen müssen, welche die Geschicke von Berenberg ertragssteigernd lenken sollten. Mit vielen Wechseln wäre nicht zu rechnen gewesen: Seit der Gründung 1590 hatte die Privatbank nur 40 Geschäftsführer (persönlich haftende Gesellschafter), wie das Unternehmen 2026 schreibt. Das ist im Schnitt alle zehn Jahre einer.
Für den Herbst seines Lebens hatte der Banker bereits einige Ideen. Beispielsweise wird ihm nachgesagt, einen grünen Daumen zu haben. Die Neugestaltung eines Parks, in den eine herrschaftliche Villa eingebettet liegt, könne er sich vorstellen, so Riehmer. Die britische Countryside nannte er dem Manager Magazin – also vielleicht in den idyllischen Cotswolds oder den South Downs in Großbritannien. Auf den begehrtesten Golfplätzen des Globus ist er ohnehin seit Jahren zu Hause, auch auf dem Trump International West Palm Beach – zu dessen Mitgliedern er weiterhin zählen soll. Wer hätte das gedacht, als der junge Riehmer in den Achtzigerjahren hinter dem Sparkassenschalter Geld auszahlte.
Ein kleiner Junge träumt von der Börse
Auf dem Tisch des Großvaters sah er als kleiner Junge die Börsenzeitschrift Effecten-Spiegel liegen – der Großvater hatte bei der Deutschen Ueberseeischen Bank gearbeitet. Riehmer hatte sein Vorbild gefunden, und es war nicht sein Vater, der als Anwalt für Seerecht tätig war. Riehmer Junior wollte auch mit Aktien handeln. Ende 1988 startete er seine Ausbildung bei der Hamburger Sparkasse. Das Angebot, im Anschluss an seine Ausbildung hinter dem Schalter der Bank zu arbeiten, lehnte er selbstbewusst ab.
Über einen Hockeykollegen bekam er die Möglichkeit, bei Berenberg einzusteigen. Riehmer nahm nicht an. Er traute sich die englischsprachige Kommunikation nicht zu. Nach Monaten der Arbeitslosigkeit bewarb er sich 1990 erneut bei der Hamburger Privatbank. Riehmer hatte die Zeit genutzt, um sein Englisch im Selbststudium zu verbessern. Laut Manager Magazin auch, indem er täglich das Wall Street Journal übersetzte.
Hockey als Karriere-Turbo
Der damalige Geschäftsführer Claus-Günther Budelmann hatte Not am Mann. Er wollte das Hockeyteam der Bank aufpolieren. Und Budelmann wusste als Schatzmeister im hanseatischen Club an der Alster aus erster Hand, dass Riehmer ein begnadeter Hockeyspieler war.
Riehmer stieg schließlich 1990 als Kundenbetreuer für Auslandskunden im institutionellen Asset Management ein. Er sprach jetzt gut genug Englisch. Doch der Anfang war steinig. Riehmer erinnerte sich gegenüber dem Manager Magazin an die Reaktion institutioneller Anleger: „Da haben dann 80 von 100 direkt gesagt: ‚I don't do fucking European stocks!' und aufgelegt.“ Doch: „Ein paar fanden mich gut und wurden meine Kunden.“
Budelmann konnte sich womöglich in Riehmer hineinversetzen – er hatte selbst nicht studiert, als Sohn eines Medizinprofessors. „Mein Vater erkannte, dass ich nicht für den theoretischen Bereich des Lebens geschaffen bin“, erzählte Budelmann 2025 im Gespräch mit dem private banking magazin. Sein Vater sei mit Baron Heinrich von Berenberg-Gossler, damals persönlich haftender Gesellschafter, eng befreundet gewesen und habe ihm 1965 eine Lehrstelle bei Berenberg verschafft.
Budelmann trieb 1988 die Gründung der Berenberg Bank Schweiz voran, um hochvermögenden Kunden die Geldanlage in Europa anzubieten. Er erinnerte sich 2025 an die Zeit davor: „Berenberg war nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge des Wiederaufbaus der Republik und des großen Exports lange zu 80 Prozent Commercial Bank und nur zu geringen Teilen eine Wertpapierbank.“ Riehmer sollte das ändern. Budelmann blieb 20 Jahre persönlich haftender Gesellschafter bei Berenberg, bis er 2008 in den Ruhestand ging und den Staffelstab an Riehmer übergab, der 2009 Gesellschafter wurde.
Verkäufer, kein Privatbankier
Menschen, die mit Riehmer zusammengearbeitet haben, schätzen ihn als brillanten Verkäufer ein, der äußerst charismatisch agiert. Riehmer habe im Einzelgespräch mit Kunden überzeugt. Er sei kein Privatbankier, sagen Menschen, die eng mit ihm zusammengearbeitet haben. Laut übereinstimmenden Aussagen sei ihm gestelztes Auftreten weniger wichtig. „Er überzeugt mit Authentizität und Leistung“, berichtet ein langjähriger Weggefährte. Riehmer kniete sich in die Mechanismen des Kapitalmarkts.
Ab 1998 arbeitete er für Trading und Sales Research. Es war die Zeit vor der Dotcom-Blase, die im März 2000 platzte. Riehmer sprach laut Manager Magazin Internet-Gründer an, die ihre Aktien trotz sechsmonatiger Lock-up-Verpflichtung loswerden wollten. Er soll demnach die Verkäufe an den Emissionsbanken vorbei vermittelt haben. Strafbar war das Berichten zufolge nicht. Riehmer kassierte Kommissionen.
Ab 2001 leitete Riehmer das Investmentbanking und das institutionelle Asset Management. Während Hans-Walter Peters, seit 2000 persönlich haftender Gesellschafter, die wohlhabenden Privatkunden und Versicherungen betreut habe, soll sich Riehmer auf das europäische Geschäft mit Neuemissionen konzentriert haben, wie in mehreren Medien zu lesen ist.
Riehmer sprühe vor Energie, soll Peters laut Unternehmenskreisen gesagt haben. Habe man einmal eine Richtung festgelegt, setze Riehmer alles daran, das Ziel schnell zu erreichen. Das habe den Ausbau der Bank und das Kundengeschäft bestärkt.
Riehmer kann wohl als Ziehsohn von Peters bezeichnet werden. Peters habe ihm schon früh gesagt, dass er in ihm den Partner sehe, mit dem er die Bank neu ausrichten wolle – so soll sich Riehmer laut Unternehmenskreisen erinnert haben.
Umsatzstarker, unverzichtbarer Outlaw
Mit dem Investmentbanker Graeme Davies entwickelte Riehmer im operativen Geschäft ein Erfolgskonzept, Stichwort Equity Capital Markets. Das Researchteam suchte nach kleinen und mittelständischen Unternehmen mit dem Potenzial, an die Börse zu gehen. Der Vertrieb soll dabei sehr hartnäckig vorgegangen sein.
Riehmer habe Kundenberichten zufolge Kapitalerhöhungen garantiert, um einen Anreiz für die Kooperation mit der recht unerfahrenen Investmentbank zu schaffen. Dabei soll er auch Berenbergs Eigenmittel aufs Spiel gesetzt haben. Oder besser gesagt: das Privatvermögen der persönlich haftenden Gesellschafter. Das waren 2007 Claus-Günther Budelmann, Hans-Walter Peters und Guido Sollors, wie dem Firmenstammbaum zu entnehmen ist. Budelmann und Sollors schieden demnach 2008 als persönlich haftende Gesellschafter aus.
Intern erwarb Riehmer sich den Ruf des „umsatzstarken, unverzichtbaren Outlaws“, wie das Manager Magazin schreibt. 2009 erklomm er den Berenberg-Olymp. Er stieg als persönlich haftender Gesellschafter auf – wohl auf Initiative von Budelmann und Peters. Für Davies gab es demnach neben Riehmer keinen Platz mehr.
Riehmer – der Mann ohne Studium – trug bedeutend dazu bei, dass aus der Privatbank Berenberg eine Investmentbank wurde. Er haftete fortan mit seinem Privatvermögen für die älteste Privatbank Deutschlands.
Riehmer perfektioniert das Aktien-Research in London und expandiert
2009 zentrierte Riehmer das Aktien-Research in London und verdoppelte die Zahl der Mitarbeiter auf 40 – Ende 2010 waren es sogar 55. „Man muss Champions League sein, um hier mitzuspielen“, sagte er damals über den Londoner Standort. Riehmer gewann Top-Analysten, da andere Banken ihr Research im Zuge der Lehman-Krise drastisch verkleinerten. 2009 erreichte Berenberg in der Thomson Reuters Extel Survey, an der über 7.000 Fondsmanager und Analysten teilnahmen, Platz eins in den Kategorien Research, Sales und Corporate Access.
Und Berenberg expandierte. 2011 eröffnete die Privatbank den ersten Standort für Investmentbanking in den USA. Berenberg Capital Markets sollte den amerikanischen Markt von Boston aus aufrollen. Das Aktien-Research in London fütterte den Vertrieb in den USA. Im selben Jahr kam das Private Banking als zusätzliche Einheit neben dem Research an den Londoner Standort. 2012 startete Berenberg einen zweiten USA-Standort in New York. Für Riehmer schloss sich damit ein Kreis. „Schon als Jugendlicher haben mich amerikanische Aktien am meisten interessiert“, sagt er anlässlich der Expansion in die USA gegenüber der Berenberg-Belegschaft.
Die Führung strich zu dieser Zeit den Zusatz „Bank“ aus dem Logo – Berenberg war inzwischen eine international anerkannte Marke. 2014 folgte ein weiterer wichtiger Schritt: In San Francisco wurde der dritte Standort eröffnet. In den USA sehe man ein enormes Potenzial und vermarkte dort das europäische Research-Produkt, soll er gegenüber der Belegschaft erklärt haben. Das verwaltete Vermögen von Berenberg setzte sich 2014 zur Hälfte aus Anlagen internationaler Kunden zusammen.
Berenberg begleitet den Börsengang der Talanx
Im Oktober 2012 begleitete Berenberg gemeinsam mit der Deutschen Bank den Börsengang der Talanx. Für die Hamburger war es ein Ritterschlag: Als gleichberechtigter Konsortialführer neben der Deutschen Bank hatte sich eine Hamburger Privatbank auf Augenhöhe mit den Großbanken des Landes positioniert.
Riehmer bewies in dieser Zeit immer wieder Gespür für den richtigen Moment. Als der schwedische Investor Kinnevik, eine börsennotierte Beteiligungsgesellschaft, 2017 seinen rund 230 Millionen Euro schweren 6,6-Prozent-Anteil an der Internet-Beteiligungsfirma Rocket Internet veräußern wollte, vermuteten Hedgefonds auf fallende Kurse. Riehmer soll anders gedacht haben: Er übernahm das Paket selbst und platzierte es kursschonend bei einer Handvoll ausgewählter Investoren. Innerhalb von sechs Tagen habe er die nötigen Zusagen gesammelt.
Die Bank als Zwangskompensation
Doch hinter der Fassade des perfekten Dealmakers verbarg sich eine tiefe Verletzung. Riehmers Ehe mit seiner Jugendfreundin soll kinderlos geblieben und zerbrochen sein. Berenberg sei zum Glück sein Baby geworden, soll Riehmer Bankenkreisen zufolge gesagt haben. Im Gespräch mit dem Manager Magazin drückte er es anders aus: „Die Bank ist wohl meine Zwangskompensation.“
Riehmer zog sich räumlich aus Hamburg zurück: In den 2010er-Jahren soll er den deutschen Standort gemieden und sich vor allem in London und den USA aufgehalten haben. Er sei „ein Phantom“ gewesen, heißt es von Menschen, die unter ihm gearbeitet haben. Riehmer habe durchs Telefon dirigiert. „Hendrik will dies, Hendrik will das“, habe es oft geheißen.
Er habe sich mit einem kleinen Kreis von etwa zehn Personen hausintern ausgetauscht. Riehmer sei kein Mensch, der die große Bühne sucht, beschreiben ihn ehemalige Weggefährten.
Das Phantom machte anderweitig auf sich aufmerksam. Beeindruckendes Wissen habe Riehmer über die zahlreichen Transaktionen und Börsengänge gesammelt, die er im Namen der Privatbank abgewickelt hat. „Riehmer hat ein ganz tiefes und hochaktuelles Kapitalmarktwissen, über das die wenigsten Kapitalmarktvorstände verfügen“, sagt ein ehemaliger Kollege.
Zu Peters hielt Riehmer in all den Jahren engen Kontakt. „Peters war der Einzige, den er respektiert hat“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter über Riehmer. „Hendrik war immer auf dem Gas und Peters immer eher auf der Bremse“, heißt es von Personen, die Berenberg gut kannten.
Das illustriert ein gemeinsames Projekt, das im Jahr 2008 begann. Zwischen beiden habe sich nach langjähriger gemeinsamer Tätigkeit eine Freundschaft entwickelt, heißt es übereinstimmend aus dem Unternehmen.
Als 2008 der damalige Vorstand der Nord LB, Hannes Rehm, versuchte, Einfluss auf Berenberg auszuüben, habe Peters gewusst, dass erst Ruhe einkehre, wenn die Nord LB aus dem Kreis der Gesellschafter ausscheide – so heißt es aus Kreisen der Bank. Gemeinsam kauften sich Peters und Riehmer 2010 mit privatem Fremdkapital im großen Stil in die Bank ein.
Der Investor Carsten Maschmeyer soll ihnen Kapital geliehen haben, um die Anteile der Norddeutschen Landesbank (Nord LB) für 70 Millionen Euro abzukaufen, wie das Manager Magazin berichtet. Die Finanzierung galt als heikel: Riehmer soll sein damaliges Vermögen auf rund acht Millionen Euro geschätzt haben.
Peters und Riehmer halten noch heute 21,4 Prozent über die Petrie Beteiligungsgesellschaft. Zum Vergleich: Die Berenberg-Familie selbst besitzt laut Geschäftsbericht 2024 insgesamt 30,88 Prozent der Anteile. Die Geschäftsführung liegt strukturbedingt bei den persönlich haftenden Gesellschaftern – die Familie ist wirtschaftlich beteiligt, führt aber nicht operativ. Riehmer gehören zusätzlich zu dem Petrie-Anteil von rund 10,7 Prozent weitere rund 2,6 Prozent als persönlich haftender Gesellschafter. Das ist im Geschäftsbericht 2024 nachzulesen.
Als die Liebe alles konnte
Riehmer und Peters führten die Bank seit 2015 als Duo – seit dem Ausscheiden von Andreas Brodtmann im selben Jahr. Auch 2015 engagierten sie Robbie Williams zum 425-jährigen Jubiläum. Williams grüßte das Publikum mit: „Happy birthday, rich people!“ Ob sich ein Feldtor beim Hockey genauso gut anfühlte, wird wohl Riehmers Geheimnis bleiben.
Ein Blick in den Offenlegungsbericht 2015 deutet an, wer intern die Zügel in der Hand hatte: Peters besaß Ende 2015 in der Berenberg-Gruppe vier Leitungsfunktionen, Riehmer eine. Riehmer hatte keine Aufsichtsfunktion, Peters eine. Das blieb so bis 2020.
Beide mussten drei Jahre später auch schwere Entscheidungen treffen: 2018 brach der Jahresüberschuss um zwei Drittel auf 23 Millionen Euro ein. 150 Menschen in Investmentbanking und IT verloren laut Handelsblatt bis Ende 2019 ihren Job bei der Privatbank. 2019 verdreifachte sich der Jahresüberschuss nahezu auf 60 Millionen Euro – Berenberg verkaufte die Mehrheit an der von Budelmann aufgebauten Schweizer Tochter.
2021 schrieb Berenberg das beste Ergebnis seiner 431-jährigen Geschichte. Der Jahresüberschuss stieg auf 170 Millionen Euro. Der Boom an den internationalen Börsen kam auch bei den Hamburgern an, wie es aus Unternehmenskreisen heißt. Nur ein Jahr später entließ Berenberg Capital Markets wegen des Abwärtstrends an den US-Aktienmärkten 50 ihrer 150 Mitarbeiter, wie das Handelsblatt berichtete. 2023 verließen laut Geschäftsbericht 43 weitere Mitarbeiter die Berenberg-Gruppe.
Riehmer übernimmt das Wealth Management
Mit David Mortlock und Christian Kühn rückten zum 1. September 2020 zwei neue persönlich haftende Gesellschafter auf – EZB und Bafin stimmten der Ernennung zu. Peters schied zum Jahresende 2020 aus Altersgründen als persönlich haftender Gesellschafter aus und wechselte an die Spitze des Verwaltungsrats. Er hatte im April 2020 seinen 65. Geburtstag gefeiert. Ab 2021 führten Riehmer, Mortlock und Kühn die Bank gleichberechtigt.
Die Konstellation, dass ein Geschäftsführer wie Peters zusätzlich eine Aufsichtsfunktion innehat, kam danach nicht mehr vor. Auch in der neuen Konstellation gewann Riehmer keine Leitungsfunktionen innerhalb Berenbergs hinzu. Zum Vergleich: Kühn hatte Ende 2024 fünf, Riehmer und Mortlock je eine.
Mortlock verantwortete laut Offenlegungsbericht 2020 das europäische Investmentbanking, Riehmer den Zentralbereich Investment und Corporate Banking sowie das Vermögensverwalter-Office. Kühn war demnach führend für das ausführende Wealth Management zuständig (Chief Operating Officer). Zudem überwachte Kühn die Compliance. In der Pressemitteilung zum Führungswechsel benannte Berenberg hingegen Riehmer als Zuständigen für die Zentralbereiche Wealth and Asset Management und Corporate Banking – nach außen galt er damit als Chef des Wealth Managements.
Im Februar 2020 stellte die Staatsanwaltschaft Hamburg ihre Ermittlungen gegen Riehmer ein. Der Verdacht der Weitergabe von Insiderinformationen, wegen dessen die Staatsanwälte seit 2019 ermittelt hatten, erhärtete sich nicht.
In Branchenkreisen nennen einige Stimmen es einen Fehler, Riehmer das Wealth Management zu überlassen. Er sei ein guter Investmentbanker und Händler, aber kein Asset Manager. Riehmer sei für den Sprint geschaffen, das Wealth Management aber ein Marathon. Ende 2025 baute Berenberg rund 70 Stellen ab – in erster Linie im Asset Management.
Kein Pardon für Underperformer
Riehmer zeige absolute Loyalität gegenüber Berenberg, wie mehrere Quellen einstimmig berichten. Im Unternehmen soll Riehmer knallhart und konzentriert aufgetreten sein: zurückgekämmte Haare, kein Pardon für Underperformer – ein Wolf auf der Jagd. Riehmer, so beschreiben ihn Menschen, die lange mit ihm zusammengearbeitet haben, hat eine hohe Auffassungsgabe, denkt schnell, entscheidet schnell. „Riehmer ist nicht ängstlich, Entscheidungen gegen den Mainstream zu treffen", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter.
Riehmer forderte viel von seinen Mitarbeitern. Gelang es dem aggressiven Vertrieb nicht, den Kunden zu binden, soll es durchaus ruppig zugegangen sein. Ein Mitarbeiter solle sich verziehen und um die Alster laufen, bis er sich beruhigt habe – so soll Riehmer es ehemaligen Mitarbeitern sinngemäß einmal formuliert haben. Dem Manager Magazin berichteten ehemalige Mitarbeiter auch von Tränen und spontanen Rausschmissen.
Riehmer sagte dazu: „Wenn du Mittelmaß um dich herum duldest, dann zieht es dich runter.“ Er kokettierte mit dieser harten Seite. Nur im ausgewählten Zirkel soll er sich humorvoll und gesellig gezeigt haben, wie mehrere mit ihm vertraute Personen berichten. Für Berenberg versteckte Riehmer seine weiche Seite. Der Kunde brauche die beste Qualität – dieses Mantra habe er bei der Privatbank vor seinen Teams vertreten.
Von außen lässt sich schwer beurteilen, ob dieser ruppige Führungsstil dem Charakter Riehmers zuzuordnen ist – oder ob es sich um einen Charakterzug der großen Liebe handelte, den er im Laufe der Zeit übernahm. Auch Peters soll, so ist es von ehemaligen Mitarbeitern der Bank zu hören, erratisch gehandelt und Mitarbeiter geschasst haben, die seine Erwartungen nicht erfüllten. Generell ist dieses Verhalten im Investmentbanking nicht unüblich.
Riehmer habe häufig mit einer steilen These provoziert, heißt es in Kreisen der Bank. Er versuche, Widerspruch zu wecken und scharfe Gegenargumente aus den Mitarbeitern herauszukitzeln. Wenn niemand seiner These widersprochen habe, habe er häufig gesagt, dann sei es wohl auch nicht so wichtig gewesen.
Ein junger Mitarbeiter, dessen Scharfsinn Riehmer besonders geschätzt habe, sei Frederik Gottlob gewesen. Gottlob begann 2016 sein Traineeprogramm bei Berenberg in London, wo Riehmer schaltete und waltete. Im Alter von nur 34 Jahren machte Riehmer ihn zu einem der mächtigsten Strippenzieher, nur eine Hierarchieebene unter sich. In Bankenkreisen fällt das Wort Ziehsohn.
Das bittere Erwachen
Am Freitag, dem 19. Juni 2026, soll Riehmer einen Bafin-Termin zwischen zwei Golfmatches in England und Spanien gequetscht haben – so ist es aus Quellen zu hören, die mit der Sache betraut sind. Die Konsequenzen sind weitreichend: Die Bafin setzt die Befugnisse aller drei persönlich haftenden Gesellschafter Riehmer, Mortlock und Kühn aus. Als Sonderbeauftragte installieren die Aufseher Peters und den externen Michael Horf. Riehmer ist weiterhin persönlich haftender Gesellschafter und nach eigenen Aussagen auch über die Petrie mit über 10 Prozent an Berenberg beteiligt.
Berenberg wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Auch Riehmer, den diese Redaktion über die Bank um Stellungnahme bat, wollte sich nicht äußern.
Der Mann, der Riehmer einst als Leiter des Investmentbankings groß werden ließ, und mit ihm gemeinsam die Bank beherrschte, soll nun aufräumen.
Am 9. Juli, knapp drei Wochen nach seinem Thronsturz, erfolgte ein Lebenszeichen von Riehmer. Er geht mit einem Anwalt gegen die Art und Weise vor, wie die Bafin gegen ihn vorgeht. Das ist aus Kreisen der Bank und der Wirtschaftswoche zu hören. Konkret kritisiere Riehmer die außergewöhnliche Anordnung der Bafin, wegen der er seine Position als Geschäftsleiter verloren hat. Er will „sich in vollem Umfang gegen die erhobenen Vorwürfe und Maßnahmen zur Wehr setzen“, sagte Riehmers Anwalt gegenüber der Wirtschaftswoche.
Nähere Details sind bislang nicht bekannt. Die Liebesgeschichte endete nicht mit einem Happy End – zumindest bislang nicht. Aber jedes gute Drama lebt vom Überraschungseffekt.