Interview „Bei der Asset Allokation wird die Schlacht gewonnen oder verloren“

Michael Viehmann (links) und Kurt von Storch

Michael Viehmann (links) und Kurt von Storch

private banking magazin: Herr von Storch, Sie sagen vermögende Familien verfolgen mit ihrem Kapital ein bestimmtes Ziel.

Kurt von Storch: Ja. In den meisten Fällen geht es darum, die Kaufkraft zu erhalten und Kosten und Inflation auszugleichen. Und das generationenübergreifend. Das ist der größte gemeinsame Nenner vermögender Familien. Wesentliche Voraussetzung, das zu erreichen, ist die Asset Allokation. Da wird die Schlacht gewonnen oder verloren: Wie viele Aktien habe ich, wie viele Renten, habe ich Dollar oder Franken, Gold – ja oder nein? Man braucht ein Weltbild zu Märkten und inzwischen auch zur Politik.

private banking magazin: Wie sieht Ihr Weltbild aus?

Michael Viehmann: Wichtig ist der rote Faden – und zwar langfristig. Wir haben unseren in einem Pentagramm dargestellt: Fünf Aspekte halten wir bei allen Anlageentscheidungen und der Strukturierung des Gesamtvermögens ein. Erstens Diversifikation. Sie ist wichtig, weil man nicht vorhersehen kann, was passiert. Übertreiben sollte man es dabei aber auch nicht. Es muss zum Kunden passen. Zweitens achten wir auf die Qualität der Produkte.

private banking magazin: Inwiefern?

Viehmann: Bei Immobilien achten wir zum Beispiel auf die Lage, bei Aktien auf die Bilanz des Unternehmens. Und zwar auch in Phasen, wo alles scheinbar gut läuft. Denken Sie an den Neuen Markt. Wir kaufen keine Aktien von Unternehmen, die keinen Businessplan haben.

von Storch: Drittens achten wir bei den Vermögensanlagen auf Fungibilität beziehungsweise Flexibilität. Es geht darum, reagieren zu können, wenn sich die Welt von heute auf morgen ändert wie es etwa nach Fukushima oder dem 11. September der Fall war. Wenn in solchen Situationen das ganze Geld in einer Immobilie steckt, bleibt einem nur noch die Hoffnung.

private banking magazin: Was kommt an vierter Stelle?

von Storch: Solvenz. Eine gesunde Mischung aus Aktiva wie Unternehmensbeteiligungen, Kasse, Renten, Gold, Häusern, Antiquitäten und Versicherungen sowie Passiva, also Fremdfinanzierungen. Wenn Sie schon Vermögen haben, ergibt es keinen Sinn, es hoch fremd zu finanzieren. Dieser Anteil sollte nicht höher als 20 Prozent sein.

Viehmann: Fünftens kommt es schließlich auf den Wert an. Darauf, Anlagen zu vernünftigen Chance-Risiko-Verhältnissen einzukaufen und nicht Trends hinterherzulaufen. Das heißt nicht, dass wir nicht auch mal Teures kaufen, aber dann besticht die Anlage auch durch eine sehr hohe Qualität.

private banking magazin: Welche Rolle spielt heutzutage die Politik?

Viehmann: Man darf sich von politischen Aussagen nicht in die Irre führen lassen. Politische Aussagen revidieren sich heute sehr, sehr schnell. Die Staatsschuldenkrise fördert politisches Handeln, das man so nicht erwartet hätte. Was heute als Regel gilt, wird morgen über Bord geschmissen. Die EZB sagt, wir kaufen keine griechischen Anleihen. Nun tut sie es doch. Sie sagt, wir kaufen nur temporär und wenig, jetzt sieht das auch wieder anders aus. Das muss man sich verinnerlichen: Auf die Regeln ist kein Verlass mehr.

von Storch: Wir sind der Meinung, dass wir aus der Staatsschuldenkrise nur herauskommen durch finanzielle Repression. Das bedeutet, dass Staaten sich nicht nur durch einen einfachen Staatsbankrott entschulden, sondern andere Wege suchen werden, um sich indirekt zu entschulden. Zum Beispiel über negative Realzinsen, höhere Inflationsraten von 6 bis 8 Prozent oder höhere Steuern. Deshalb sind wir ein Freund von Sachwerten.

private banking magazin: Von welchen konkret?

von Storch: Für Gold werben wir schon seit vielen Jahren aktiv bei unseren Kunden. Aktien mögen wir von Qualitätsunternehmen. Man muss sich auch geografisch breiter aufstellen: Vermögenswerte, Immobilien, Wertpapiere und Gold also auch an anderen Standorten halten. Jetzt, wo es noch keine gesellschaftlichen Verwerfungen gibt und keine Kapitalverkehrskontrollen. Jetzt kann man sich noch frei bewegen.

private banking magazin: Was fassen sie nicht an?

Viehmann: Im Family Office empfehlen wir seit zwei bis drei Jahren, Finanzwerte und da vor allem Banken zu meiden.

private banking magazin: Wie wählen Sie Fondsmanager aus?

von Storch: Wir gehen da systematisch vor und suchen für verschiedene Töpfe spezialisierte Manager. Wer ist überdurchschnittlich gut bei europäischen Aktien, wer bei amerikanischen Aktien und so weiter. Und er muss unabhängig in der Entscheidung sein, was er in seinem Portfolio macht – auch gedanklich. Es dürfen keine Dritten hinter ihm stehen, die sagen: Du arbeitest hier bei einer internationalen Bank und deshalb muss die Aktie auch im Portfolio sein.

Viehmann: Wichtig ist, dass sie in unser Weltbild passen. Es bringt ja nichts, wenn wir denken, Finanzwerte sind schwierig und wählen dann einen Fondsmanager aus, der zu 30 Prozent in Finanztitel investiert ist, weil er der Meinung ist, sie seien gerade attraktiv bewertet.

private banking magazin: Tauschen sie sich hierzu auch mit anderen Family Offices aus?

Viehmann: Selbstverständlich. Man hat das Netzwerk und tauscht sich mit Family Offices aus, die eine ähnliche Philosophie haben.

private banking magazin: Welche Rolle spielt das Risikomanagement?

Viehmann: Das ist immer wichtig, hat heute aber andere Facetten gewonnen als noch vor fünf, sechs Jahren. Beim üblichen Ansatz wird die Volatilität gemessen und danach das Risiko im Portfolio herausgenommen oder nicht. Dann kam die Finanzkrise 2008. Sie verdeutlichte, dass Anlagen nicht risikofrei sind, nur weil sie keine hohe Volatilität haben. Und umgekehrt. Nehmen Sie als Beispiel die Aktie der Firma Nestlé. In der Finanzkrise hat sie ein Viertel an Wert verloren. Im Nachgang hat sie aber alles wieder aufgeholt, jedes Jahr Gewinnsteigerungen verbucht und Dividendensteigerungen vermeldet. Nestlé steht heute besser da als jemals zuvor. Wir begreifen so etwas daher als risikoarme Anlage.

von Storch: Wichtig ist der Fokus auf Qualität. Auch Staatsanleihen sind nicht mehr risikofrei. Das sagen wir schon seit Jahren. Es gibt viele Risiken, die sie über ein technisches Risikomanagementsystem gar nicht mitbekommen. Wir halten nach Faktoren und Prozessen Ausschau, die Vermögen nachhaltig schaden können.

private banking magazin: Gibt es trotzdem mal nervöse Anrufe, wenn es am Kapitalmarkt bergab geht?

Viehmann: Wenige. Wir bereiten die Familien vor. Viele Probleme, die wir jetzt sehen, haben wir in der Vergangenheit schon angesprochen.

private banking magazin: Ist die zunehmende Regulierung ein Risiko?

Viehmann: Eher ein zusätzliches Stück Blei, das einem in den Rucksack gepackt wird. Regulierung hat ja oft einen guten Gedanken als Hintergrund. Aber vieles ist im Alltag einfach nicht sinnvoll anzuwenden. Nehmen Sie das Beispiel der Beratungsprotokolle. Wenn wir Kunden einen Fonds empfehlen wollten gingen wir bisher so vor, dass wir uns mit dem Kunden getroffen haben, die allgemeine Vermögensstrategie besprachen und wie der Fonds dort hereinpasst. Danach folgte die kurze Beschreibung des Fonds und des Managers. Der Kunde hat sich das angehört und war entweder einverstanden oder nicht. Wir fertigten ein kurzes Protokoll für die Dokumentation an, fertig.

private banking magazin: Und heute?

Viehmann: Müssen Sie dem Kunden erst ein standardisiertes, nach gesetzlichen Anforderungen ausgerichtetes Anlageberatungsprotokoll plus Produktinformationsblatt zukommen lassen. Wenn es das nicht gibt, können Sie das Produkt nicht empfehlen, egal ob es gut ist oder nicht. Danach müssen Sie dem Kunden Gelegenheit geben, die Informationen in Ruhe zu prüfen und seine Bestätigung abwarten. Erst dann können Sie das Produkt kaufen. Das verkompliziert alles, verzögert den Prozess, schluckt Personal und ist dadurch ein zusätzlicher Kostenfaktor.

von Storch: Der ganze Prozess ist für Leute gedacht, die zu einem Berater in der Bank gehen. Es passt nicht zum intensiveren Verhältnis, das man im Family Office hat.