Behavioral Finance Teil 4 Mentale Buchführung und ihre Folgen für die Asset Allocation

Dr. Christian Kurz verantwortet als Managing Partner und Investmentchef von Strongbox Capital die Anlagestrategie des Zürcher Unternehmens. | © Strongbox Capital

Dr. Christian Kurz verantwortet als Managing Partner und Investmentchef von Strongbox Capital die Anlagestrategie des Zürcher Unternehmens. Foto: Strongbox Capital

Die Heuristik der mentalen Buchführung, im Englischen auch Mental Accounting genannt, ist eine Form, um Komplexität während der Informationsverarbeitung zu vereinfachen. Der Begriff der mentalen Buchführung steht für das bewusste Nichtberücksichtigen und Vernachlässigen von wechselseitiger Abhängigkeit zwischen einzelnen Projekten, Kaufentscheidungen oder Ergebnissen. Menschen neigen dazu, die Gesamtheit von Projekten oder Entscheidungen nicht im Aggregat mental zu speichern. Stattdessen werden diese mental in eigenständigen und isolierten Konten abgelegt und verwaltet. Eventuelle Abhängigkeiten werden nicht betrachtet. Im Kontext von Anlageentscheidungen hat dies zur Folge, dass Anlagen häufig isoliert und nicht im Portfoliokontext betrachtet werden.

Kahneman und Tversky haben ein Experiment durchgeführt, dass den Vorgang der mentalen Buchführung sehr anschaulich verdeutlicht. Probanden wurden in zwei unterschiedliche Gruppen eingeteilt und mussten die folgenden Problemstellungen unabhängig voneinander beantworten.

Sachverhalt für die Probanden der Gruppe 1:

  • Sie planen einen Theaterbesuch, und der Eintritt kostet 100 Euro
  • An der Theaterkasse angekommen, bemerken Sie, dass Sie 100 Euro aus ihrem Geldbeutel verloren haben.
  • Fragestellung an Gruppe 1: Werden Sie dennoch die Eintrittskarte kaufen?

Sachverhalt für die Probanden der Gruppe 2:

  • Sie planen einen Theaterbesuch, und Sie haben bereits Ticket im Gegenwert von 100 Euro gekauft.
  • An der Kasse stellen Sie fest, dass Sie das Theaterticket verloren haben.
  • Fragestellung an Gruppe 2: Werden Sie ein neues Ticket für 100 Euro kaufen

In Gruppe 1 entschieden sich 88 Prozent der Probanden für den Kauf des Theatertickets, in Gruppe 2 lediglich 46 Prozent. Dieses Ergebnis ist recht verwunderlich, da beide Sachverhalte ökonomisch betrachtet komplett identisch sind und in beiden Fällen der finanzielle Schaden gleich groß ist. Sie unterscheiden sich lediglich in der Tatsache, dass Gruppe 1 einen Bargeldverlust und Gruppe 2 einen Ticketverlust verzeichnet und letztlich die Darstellung des Sachverhalts eine andere ist.

Erklären lassen sich die unterschiedlichen Präferenzen der Gruppen durch die Verfügbarkeit und die Zuordnung zu verschiedenen mentalen Konten. In Gruppe 2 werden der Verlust der Karte und der mögliche erneute Kauf ein und demselben Konto zugerechnet – möglicherweise einer Art „Ausgehkonto“. Der Theaterbesuch verursacht in der Folge Gesamtkosten von 200 Euro, womit sie wohl über dem individuellen Nutzen liegt, den der Theaterbesuch für die Probanden mit sich bringen würde.

In Gruppe 1 hingegen scheint der Verlust des Geldscheins von den Probanden isoliert vom Kauf des Theatertickets betrachtet zu werden. Der Verlust wird einem anderen mentalen Konto zugerechnet –vermutlich eher einer Art „Unglückskonto“. Beim späteren Kauf spielt der Verlust des Geldscheins keine oder nur eine untergeordnete Rolle, sodass mental lediglich Kosten von 100 Euro entstehen. Wie aus diesem Beispiel deutlich wird, kann sich die mentale Buchführung auf die Entscheidungsfindung auswirken. Zudem hat die unterschiedliche Darstellung das Bilden der mentalen Konten unterstützt.