Nikolas Speer präsentiert nach seinen ersten 100 Tagen als Bafin-Exekutivdirektor für Bankenaufsicht seine Vision einer veränderten deutschen Finanzaufsicht. Drei zentrale Erkenntnisse sollen seine Amtsführung bestimmen.
Systemdenken statt Einzelfallbetrachtung
„Bankenaufsicht ist Risikomanagement. Nur eben nicht für ein Institut, sondern für das ganze System.“
Mit dieser Formel fasst Speer das Selbstverständnis der Bankenaufsicht zusammen. Der Satz zeigt einen Perspektivwechsel: Während einzelne Banken ihre individuellen Risiken managen, betrachtet die Bafin das gesamte Finanzsystem als Ganzes.
Diese Sichtweise gewinnt in einer Zeit an Bedeutung, in der sich die Vernetzung der Finanzinstitute verstärkt. Ein Problem bei einer Bank greift auf andere über – wie die Finanzkrise 2008 zeigte. Speers Ansatz zielt darauf ab, solche Dominoeffekte zu erkennen und zu verhindern. Dabei nutzt er seine Erfahrung im Risikomanagement, die ihm hilft, Muster und Zusammenhänge zu identifizieren, die über einzelne Institute hinausgehen.
Cyberrisiken als Systembedrohung
„Was wir seit einigen Jahren zunehmend im Blick haben, sind die Nicht-finanziellen Risiken – allen voran die Cyberrisiken. Eine Materialisierung dieser Gefahren kann dem Finanzsystem erheblichen Schaden zufügen.“
Während traditionell Kreditausfälle und Marktrisiken im Fokus standen, rücken nun digitale Bedrohungen ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
Die Herausforderung liegt in der Natur dieser Risiken: Sie lassen sich schwer quantifizieren, entwickeln sich schnell und können binnen Stunden ganze Systeme lahmlegen. Ein Cyberangriff auf eine große Bank könnte nicht nur das betroffene Institut, sondern das gesamte Zahlungssystem gefährden. Speer macht deutlich, dass herkömmliche Kapitalregeln hier nicht greifen – stattdessen braucht es präventive Maßnahmen und die Fähigkeit, neue Bedrohungslagen zu antizipieren.
Weniger Komplexität, mehr Wirkung
„Ich glaube, dass eine möglichst einfache, klare Regulierung letztlich wirksamer ist.“
Mit dieser Aussage stellt sich Speer gegen den Trend zu komplexerer Bankenregulierung. Nach der Finanzkrise entstanden viele neue Vorschriften, die Sicherheit schaffen sollten, aber auch Innovation hemmten und kleinere Institute belasteten.
Speers Ansatz der Komplexitätsreduktion trifft für Deutschland zu: Mit rund 1.300 Instituten unterschiedlicher Größe und Ausrichtung braucht das System proportionale Regeln. Eine kleine Genossenschaftsbank benötigt andere Vorschriften als eine international tätige Großbank. Die geplante Überarbeitung der Mindestanforderungen an das Risikomanagement (Marisk) soll hier ansetzen: kürzer, prinzipienorientierter und verständlicher für alle Beteiligten.
Nikolas Speer kennt die Anforderungen deutscher Banken schon aus vorherigen beruflichen Stationen. Der Wirtschaftsingenieur begann seine Karriere 1999 bei der Beratungsgesellschaft Oliver Wyman. Von 2004 bis 2018 arbeitete er in unterschiedlichen Positionen bei der Commerzbank, zuletzt als Bereichsleiter Kreditrisikomanagement.