Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) sieht den deutschen Finanzmarkt im Jahr 2026 vor erheblichen Belastungen. „Geopolitische Konflikte und wachsender Protektionismus wirken sich auf fast alle Risikoarten aus“, sagt Bafin-Präsident Mark Branson. In ihrer Solvenzaufsicht identifiziert die Behörde sechs zentrale Risikofelder für Banken und Versicherer. Bei vier Gefahren bleibt das Gewicht konstant, Risiken eins und fünf nehmen weiter zu.
1. Korrekturen an den internationalen Finanzmärkten
Die Renditen auf Staatsanleihen stiegen im Laufe des Jahres 2025 teils stark. Das gilt besonders für längerfristige Anleihen. Im Juni 2025 überschreitet die Rendite für 30-jährige deutsche Bundesanleihen die Drei-Prozent-Marke. Und im September 2025 ist sie so hoch wie zuletzt im Jahr 2011. Die USA, Japan und Teile Europas sind zunehmend verschuldet. Europa muss besonders Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigungsfähigkeit stemmen.
Europäische Banken halten vermehrt einheimische Staatsanleihen. Das führt zu einem Home Bias. Eine Staatsschuldenkrise in Europa würde sich demnach negativ auf die Solvenz der Banken auswirken und umgekehrt. Risiken für Korrekturen entstehen auch, indem Nichtbank-Finanzintermediäre (NBFI) riskante Kredite an Banken vergeben.
Die Risiken aus Pivate-Debt-Fonds sind für Banken schlecht einschätzbar. NBFI erhöhen damit die Risikokonzentration im Markt. Auch dominieren technologielastige Werte weiterhin US-amerikanische Indizes, was zu einem Klumpenrisiko führt. Aus Sicht der Bafin geben die überhöhten Bewertungen am Markt die Risiken durch Zölle nur bedingt wieder. Die Bafin rechnet mit einem steigenden Risiko für Kursverluste.
2. Ausfälle bei Unternehmenskrediten
Die deutsche Wirtschaft tritt auf der Stelle, was die Ausfallwahrscheinlichkeit von Unternehmenskrediten erhöht. Die Wirtschaftsleistung sank 2023 um 0,3 Prozent und 2024 um 0,2 Prozent und verzeichnete 2025 nur einen geringen Anstieg von 0,2 Prozent. Die Unternehmensinsolvenzen stiegen im August 2025 um 12,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.
Privat-Debt-Investitionen haben ein hohes Ausfallrisiko. Die Quote notleidender Unternehmenskredite in Deutschland betrug 3,8 Prozent im dritten Quartal 2025. Die Quote ist damit leicht oberhalb des Europa-Durchschnitts. Die Kreditvorsorge im Verhältnis zum notleidenden Kreditvolumen (Coverage Ratio) liegt dagegen unter dem EU-Schnitt. Die steigende Arbeitslosenquote in Deutschland im August 2025 um 0,3 Prozentpunkte auf 6,4 Prozent erhöht das Risiko aus Ausfällen aus Verbraucherkrediten.
Zölle der USA von 15 Prozent treffen exportstarke Branchen wie den Automobilbau oder den Maschinenbau hart. Die Zahl der Firmenpleiten stieg bereits 2025 deutlich an. Banken müssen daher mit mehr notleidenden Krediten rechnen.
3. Krise am Gewerbeimmobilienmarkt
Dier Gewerbeimmobilienmarkt bleibt ein Sorgenkind. Der Anteil der Gewerbeimmobilienkredite an der aggregierten Bilanzsumme deutscher Banken betrug im Quartal 2025 rund 9 Prozent. Demnach ist der Markt für Gewerbeimmobilien ein Risiko für deutsche Banken. Besonders Bürogebäude verlieren an Wert, da immer mehr Menschen von zu Hause aus arbeiten. Auch verdrängt der Onlinehandel die Nachfrage nach Ladenflächen.
Büroimmobilien sanken im Preis vom zweiten Quartal 2022 bis ins dritte Quartal 2025 um 13,7 Prozent. Die Preise von Einzelhandelsimmobilien sanken seit Ende 2019 bis ins dritte Quartal 2025 um 21,1 Prozent. Bedeutende Institute in Deutschland haben im dritten Quartal 2025 einen Anteil notleidender Kredite bei Gewerbeimmobilien von 6,4 Prozent. Seit Anfang 2023 ist die Summe notleidender Kredite von rund 6 Milliarden Euro auf etwa 19 Milliarden Euro gestiegen. Das entspricht einem Quotenanstieg von rund 4 Prozentpunkten.
4. Cybervorfälle
Geopolitische Spannungen, komplexere IT-Systeme und der Einsatz von künstlicher Intelligenz verschärfen die IT-Risiken. Allein in den ersten drei Quartalen im Jahr 2025 meldeten Firmen der Bafin über 500 schwerwiegende Vorfälle. Davon stammen etwa 70 Prozent von Kreditinstituten, rund 9 Prozent von Versicherern und etwa 6 Prozent von Wertpapierunternehmen. Eine häufige Ursache von Cyberausfällen sind fehlerhafte Updates oder Probleme bei der Systemanpassung, wenn Unternehmen ihre IT-Struktur umstellen.
10 Prozent aller Ausfälle entstehen durch Angriffe auf die IT. Am häufigsten treten mit rund 30 Prozent Pishing auf, also Betrug zur Einsicht sensibler Daten. Hacking begründet 24 Prozent der Sicherheitsvorfälle. Distributed-Denial-of-Servive-Angriffe sind mit rund 15 Prozent am dritthäufigsten vertreten. Oft schlagen Angreifer über Dienstleister zu, um direkt in die Systeme vieler Banken einzudringen.
5. Konzentration von IT-Dienstleistern
Fast alle Finanzhäuser nutzen heute die Cloud. Doch weltweit beherrschen nur wenige Anbieter diesen Markt. Fällt ein solcher Riese aus, steht der gesamte Finanzsektor still. Die Bafin sieht hier eine gefährliche Abhängigkeit, besonders von Firmen aus den USA. Ein Wechsel zu einem anderen Anbieter ist oft kaum möglich. Zukünftig schätzt die Bafin das Risiko als steigend ein.
Der Branchenverband Bitkom geht davon aus, dass in fünf Jahren jedes Unternehmen eine Cloud besitzt. Ausfälle aus den USA zeigen im Oktober 2025 die Abhängigkeit ausländischer Dienstleister.
Ein interner technischer Fehler vom Clouddienst Amazon Web Services verursachte eine globale Störung. Ende Oktober funktionierten viele Microsoft-Dienste wie auch Outlook nicht, da die Cloud-Plattform Azure ausgefallen war. In der deutschen Wirtschaft werden laut Bitkom rund die Hälfte aller Informations- und Kommunikationsdienstleistungen aus einer Hand betrieben.
6. Fehlende Prävention von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung
Kriminelle finden immer neue Wege, um illegale Gelder zu waschen. Sie nutzen dafür komplexe Firmengeflechte oder Kryptowerte. Besonders Geschäfte mit Bezug zu sanktionierten Staaten wie dem Iran beobachtet die Aufsicht genau.
Das Geldwäscherisiko steigt durch Krpytotransaktionen. Kontrollmechanismen greifen auf Krypto-Handelsplätzen nicht ausreichend. Problematisch sind die Anonymität und das Tempo von Kryptotransfers. Kryptowerte werden zum Beispiel über Strohmann-Konten schnell in andere Kryptowährungen getauscht, um die Identität des Besitzers zu verschleiern.