Als Investoren dürfen wir also Bewertungen nie außer Acht lassen. Es kann ja sein, dass ein Unternehmen sehr von einer neuen Technologie profitieren kann und daher in der Zukunft sehr erfolgreich sein wird. Wobei Erfolg am Ende immer höherer Gewinn beziehungsweise höherer Cashflow bedeuten muss. Die Frage muss aber immer sein: Was ist davon schon im Preis bereits enthalten? Es ist immer ein Abgleich zwischen dem, was ich dem Unternehmen zutraue, gegenüber dem, was der Markt bereits eskomptiert.
KI wird auch an den Kapitalmärkten wichtiger
Wenn wir über KI und Big Data reden, dann wird recht klar, dass sich aller Voraussicht nach auch die Dynamik an den Aktienmärkten weiter verändern wird. Das ist für uns Investoren wichtig zu beachten. Der Markt hat sich den letzten Jahren schon maßgeblich verändert und ist in Teilen wesentlich schwerer kurzfristig zu verstehen und damit vorhersagbar geworden. Das wird durch den verstärkten Einsatz von KI wahrscheinlich noch weiter forciert werden. Das hat mit professionellen Marktteilenehmern zu tun – immer mehr Computer-Trading-Modelle, immer mehr volatilitätsgetriebene Risikomodelle, Trendfolgemodelle et cetera. Aber auch Privatanleger, die ETFs, Meme-Stocks oder vielleicht 50 Aktien weltweit per Klick auf dem Smartphone in Sekundenbruchteilen kaufen oder verkaufen, tragen Verantwortung. Das erinnert oft eher an Sportwetten als an langfristigen Vermögensaufbau.
Wenn ich spekuliere, kann ich zum Beispiel vor allem Marktstimmungen, Investmentflows, Preisdynamiken, Trending Investmentthemen oder Korrelationen versuchen schnellstmöglich aufzufassen, zu verarbeiten und entsprechende Käufe und Verkäufe abzuleiten sowie schnell bestmöglich umzusetzen. Fundamental muss ich hier in der Regel nicht viel von dem Unternehmen hinter der Aktie verstehen. Hier macht KI bereits einen Riesenunterschied. Der Mensch ist hier gar nicht mehr so sehr notwendig, wie es vielleicht mal der Fall war. Hier kann er oft im Weg stehen: zu langsam, nicht fähig, out-of-the-box Zusammenhänge von riesigen Datenmengen zu sehen, zu emotional.
Das ist für langfristige Investoren manchmal ärgerlich: Teures kann noch viel länger immer teurer werden und Billiges noch viel länger immer billiger. Teilweise dauert es noch länger, bis Qualität sich durchsetzt und Qualität bedeutet am Ende immer tatsächlicher Cashflow. Doch es ist auch eine große Chance, wenn man genügend Geduld mitbringt. Bei einer Immobilie schaue ich auch nicht alle drei Minuten, wo der mögliche Verkaufspreis steht. Hier zeigt sich meiner Meinung nach der Unterschied zwischen Spekulieren und Investieren… und groteskerweise könnte traditionelles langfristiges Investieren in Qualitätsaktien, gerade wegen KI, eine goldene Zeit vor sich haben. Manchmal muss man eben für den Erfolg (oder auch die Vermögenssicherung) gegen den Strom schwimmen.
Wenn man zu den Familienunternehmen kommt, kann man sagen, dass diese aufgrund ihrer Stärken und Charakteristika von dem auf uns zukommenden Wandel sehr sicher überdurchschnittlich profitieren werden. Wenn diese Unternehmen Künstliche Intelligenz on top nutzen, stellt das einen enormen Hebel auf die Stärken und Qualitäten dar, und damit einen immensen Effizienz- und Margen-Boost.
Einige dieser Charakteristika sind, denke ich, ein offensichtlicher Vorteil im Wandel: Sei es eine langfristig ausgerichtete Strategie (nicht auf Quartalsergebnisse fokussiert), Innovationsstärke, schnelle und unbürokratische Entscheidungsfindungsprozesse, die ausgiebige Krisenerfahrung oder, dass es um das eigene Geld, den eigenen Namen die eigene Reputation, den Lebensinhalt, die Hinterlassenschaft für die nächsten Generationen geht.
Familienunternehmen profitieren als ganzes Ökosystem von KI
Dazu kommt das Ökosystem „Familienunternehmen“. Dieses profitiert von starken, haltgebenden Wurzeln: Dazu gehören langfristige Beziehungen mit Investoren, Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten sowie eine starke Unternehmenskultur und Identifikation mit dem Unternehmen. Gerade in diesen modernen und bewegten Zeiten machen ja wir Menschen den entscheidenden Unterschied. Das wird in der Zukunft zu und nicht abnehmen. Nicht Künstliche Intelligenz oder der Computer machen den Unterschied – das sind nur Instrumente, die wir, und alle anderen nutzen, um unsere Aufgaben besser und schneller auszuführen. Den Unterschied machen aber weiter wir Menschen.
Es gibt aber natürlich auch die andere Seite der Medaille, also ein paar Schwächen von Familienunternehmen, die wir umschiffen müssen – zum Beispiel die Gefahr von Familienkonflikten, Gefangenheit in Traditionen nach dem Motto: „Das haben wir immer schon so gemacht“. Oder die Nachfolgeplanung.
Der technische Wandel kommt und das ist gut für uns. Das wird unser Leben in vielen Aspekten bereichern. Für Investoren bringt es viele Veränderungen, viele Chancen und Risken. Ich glaube fest daran, dass diese Neuerungen für unsere Unternehmen und Volkswirtschaft einen extremem Effizient- und Produktivitäts-Boost mit sich bringen werden. Wir wissen noch nicht, wer die ganz großen Gewinner und die ganz großen Verlierer sein werden. Doch ich glaube fest, dass langfristiges Investieren in Qualität und Unternehmertum in diesen neuen, immer schnelleren, immer automatisieren Zeiten eine goldene Periode vor sich hat. Spekulieren Sie also nicht auf eine mögliche Zukunft, sondern investieren Sie in Qualität, bewiesene Unternehmen und erprobtes Unternehmertum. KI wird an vielen Stellen die Starken noch stärker und die Schnellen noch schneller machen.
Über den Gastautor:
Andreas Lesniewicz hat sich auf Investments in Aktien von europäischen Familienunternehmen spezialisiert. Er ist unter anderem Fondsmanager des Conren Generations Family Business Equity. Als Geschäftsführer des Salmuth‘schen Family Investment Office hat er die Investmentgesellschaft Conren im Jahr 2004 mit aufgesetzt. Er betreut seit über 15 Jahren Unternehmerfamilien bei Investmentthemen.