Ausgeschalteter Krisenmodus „Spekulanten wetten gegen Gold wie noch nie“

Daniel Stelter berät Finanzinstitute bei der Bewältigung der andauernden Finanzkrise

Daniel Stelter berät Finanzinstitute bei der Bewältigung der andauernden Finanzkrise

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In Sachen Gold gibt es kaum mehr Stimmen, die zum Kauf raten. Zwar gibt es immer wieder Ausschläge in beide Richtungen, aber der große Trend zeigt beim Goldpreis weiter nach unten.

Und in der Tat gibt es ja einige durchaus rationale Argumente für den Preisverfall: die Zinsen – zumindest in den USA – steigen seit vergangener Woche wieder, im Zuge dessen auch der Dollar. Höhere Inflationsraten sind jedoch nicht in Sicht, das Finanzsystem scheint sich zu stabilisieren – kurz: die Krise ist überwunden.

Selbst Star-Investor Warren Buffet muss als Begründung herhalten: wenn sogar ein konservativer Investor wie er nichts von Gold halte, weshalb sollte man es dann kaufen, so der Mainstream. Zeit, dagegen zu halten.

Besser als Oldtimer

Richtig ist: Gold nimmt tatsächlich an der allgemeinen Entwicklung des Wohlstands nicht teil. So stimmt es zwar, dass man sich im alten Rom für den Gegenwert einer Unze Gold eine gute Toga kaufen konnte, während  man heute für 1.000 Euro  einen guten Anzug bekommt. In Relation zum verfügbaren Einkommen stimmt diese Anekdote allerdings schon nicht mehr; da sind Anzüge heute deutlich günstiger als Togen im alten Rom. Der Fortschritt hat den Wohlstand eben verbreitert.

Besonders eindrücklich wird dieser Nachteil von Gold, wenn man auf die Phase der industriellen Revolution zurückblickt. Wer im 15. Jahrhundert Gold gekauft hat und dieses in der Familie über Generationen weiter vererbt hat, erzielte über 500 Jahre immerhin einen realen Verlust von rund 90 Prozent.

Dies ist auch der Hintergrund für die Abneigung Warren Buffets. Gold ist unproduktiv, so wie auch Kunst, Oldtimer, Wein und ähnliche Sammlerstücke. Deren Wert basiert ausschließlich auf der Erwartung einer Wertsteigerung, die wiederum von der Erwartung weiterer Wertsteigerung getrieben sind. Je tiefer das Zinsniveau, desto höher ist der potentielle Preis, weil die Opportunitätskosten entsprechend geringer sind.

Wer nun also mit Blick auf die Mini-Zinserhöhung in den USA und die angeblich abnehmenden Krisengefahren vom Gold abrät, sollte das gleiche auch mit Kunst und anderen Sachwerten tun. Aus dem Blickwinkel der Geldanlage wäre alles gleichermaßen falsch.

Wenn man aber aus der berechtigen Angst um sein Vermögen in Sachwerte diversifizieren möchte – und ich würde angesichts der ungelösten Schuldenkrise und der Politik der Notenbanken dringend dazu raten – dann ist Gold naheliegender als diese exotischen Anlageklassen.

Der wesentliche Vorteil von Gold liegt darin, dass es homogen, international akzeptiert und relativ kompakt ist. Je homogener und kompakter ein Gut, desto besser kann es im Falle einer Krise genutzt werden.

Krise noch lange nicht vorbei

Und die ist eben lange nicht überwunden: die Schuldenprobleme sind ungelöst, die Politik scheut vor unpopulären Reformen und die EZB und andere Notenbanken halten sich für die Retter der Welt und stellen immer großzügiger Geld zur Verfügung.

Auch die erste Zinserhöhung in den USA dürfte eher dazu dienen, wieder Raum für künftige Zinssenkungen zu schaffen als dass sie eine echte, globale Trendwende einläuten würde. Die Weltwirtschaft ist einfach zu hoch verschuldet, als dass sie höhere Zinsen verkraften könnte. Helikoptergeld wird das Thema der nächsten Jahre, nicht Zinsen von 5 Prozent.

Wer zweifelt, dem empfehle ich einen Blick nach Japan. Wir im Westen sind drauf und dran, die dortige Politik zu wiederholen. Statt Schulden zu bereinigen, wird mit immer mehr Schulden und billigem Geld Zeit gekauft. Ausgang des Experiments: völlig unklar.

Damit bleiben wir im Spannungsfeld von Deflation und Inflation, in der Eurozone noch potenziert um das reale Szenario eines chaotischen Zerfalls. Grund genug für besonnene Anleger weiterhin nach Alternativen außerhalb des Systems zu suchen.

Aktien sind diese Alternative übrigens nicht. Ein Blick in die Geschichte lehrt, dass Aktien in Phasen abnehmender und tiefer Inflation am besten performen. Sowohl hohe Inflation wie auch eine breite Deflation sind hingegen für Aktionäre keine gute Zeit.

Blickt man zudem auf die aktuelle Bewertung an der US-Börse, so kann man nur zu dem Schluss kommen, dass die besten Zeiten hinter uns liegen. Nur in der New-Economy-Blase waren Aktien teurer in den vergangenen 100 Jahren, wenn man mit bereinigten Kennziffern wie dem gleitenden Kurs-Gewinn-Verhältnis (Shiller-PE) darauf blickt.