Auf Blockchain-Basis Europa benötigt den programmierbaren Euro

Seite 2 / 2

Ein Fahrplan für den digitalen und programmierbaren Euro

Doch wie genau könnte ein digitaler, programmierbarer Euro eingeführt werden? Aufgrund der weitreichenden Implikationen (unter anderem auf das bestehende Geldsystem) handelt es sich um kein leichtes und kurzfristiges Unterfangen. Der programmierbare Euro sollte zwar mittel- bis langfristig als digitale Zentralbankwährung (CBDC) von der EZB emittiert werden. Allerdings benötigt die Industrie bereits kurzfristig privatwirtschaftliche Lösungen für den digitalen, programmierbaren Euro, um die oben skizzierten Vorteile zu realisieren.

Aus diesem Grund schlagen wir vor, den digitalen, programmierbaren Euro im Rahmen einer Zusammenarbeit des privaten und des öffentlichen Sektors einzuführen:

  • Schritt 1 (im 3./4. Quartal 2020): Wissen aneignen. Finanzinstitute, Zentralbanken und Aufsichtsbehörden sollten sich das nötige Wissen aneignen, um die Implikationen und insbesondere die Vorteile des digitalen, programmierbaren Euros analysieren zu können und zu verstehen. 
  • Schritt 2 (Q2 2021): Integration von DLT und IBAN-Konten. Der Finanzsektor sollte eine Schnittstelle (API) entwickeln, um die bisherige Zahlungsinfrastruktur in Form von IBAN-Konten mit DLT-Systemen zu verbinden.
  • Schritt 3 (Q4 2022): Entwicklung eines Token-Standards zur Sicherstellung der Interoperabilität. Der private Sektor sollte einen Token-Standard für den digitalen, programmierbaren Euro entwickeln. Hierbei ist es das Ziel, den digitalen, programmierbaren Euro als DLT-basierten Token zu emittieren, der in verschiedenen DLT-Systemen emittiert und genutzt werden kann und auch zwischen den Systemen interoperabel transferierbar ist.
  • Schritt 4 (Q1 2024): Ausgabe eines digitalen Euros durch die Europäische Zentralbank. Die EZB sollte in einem letzten Schritt einen digitalen Euro in Form einer digitaler Zentralbankwährung für die breite Öffentlichkeit ausgeben. Hierbei sollte die EZB die Entwicklungen des privaten Sektors fördern und potenzielle Lücken des zuvor vom Privatsektor ausgegebenen digitalen, programmierbaren Euros schließen.

Europa muss handeln

Ein digitaler, programmierbarer Euro verspricht enorme Effizienzgewinne und ist deshalb besonders für die Industrie von hoher Relevanz. Aus diesem Grund sollten europäische Initiativen rund um den digitalen, programmierbaren Euro intensiviert werden. Hierbei ist eine Zusammenarbeit des privaten und des öffentlichen Sektors besonders erstrebenswert.

Es ist laut derzeitigem Kenntnisstand unwahrscheinlich, dass die EZB kurzfristig eine digitale Zentralbankwährung einführen wird. Allerdings sind bereits heute Marktlösungen für die Industrie erforderlich, um Wettbewerbsvorteile vor allem in Bezug auf programmierbares Geld und Automatisierung zu realisieren. Diese Lösungen müssen kurz- bis mittelfristig vom privaten Sektor zur Verfügung gestellt werden. Eine Integration von DLT und IBAN-Konten und die Etablierung eines Euro-Token-Standards sind hierbei wichtige Zwischenschritte. Europa sollte nun auch aus geopolitischen Gründen die Initiative ergreifen – alternativ drohen unerwünschte Abhängigkeiten im Bereich der Zahlungssysteme.


Über die Autoren:
Professor Dr. Philipp Sandner leitet an der Frankfurt School of Finance & Management das Frankfurt School Blockchain Center (FSBC), welches im Februar 2017 initiiert wurde. Zu seinen Themengebieten gehören Blockchain, Crypto Assets, Distributed Ledger Technology (DLT), Euro-on-Ledger, Initial Coin Offerings (ICOs), Security Tokens (STOs), Digitalisierung und Entrepreneurship.


Jonas Groß ist Projektmanager am Frankfurt School Blockchain Center und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bayreuth. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören neben Kryptowerten, digitale Zentralbankwährungen (CBDC) und Stablecoin-Projekte wie Libra.