ESG-Ansatz Atomfonds unterstützt Wettbewerb um Rating-Konzepte

Vorstands- und Investmentchefin des Atomfonds

Vorstands- und Investmentchefin des Atomfonds: Anja Mikus. Foto: Kenfo

Seit mehr als drei Jahren gibt es auch in der Bundesrepublik einen Staatsfonds: Der Fonds zur kerntechnischen Entsorgung (Kenfo) wurde am 16. Juni 2017 mit Milliardenzahlungen der Energieversorger Eon, RWE, Vattenfall und ENBW aufgesetzt. Er soll die Kosten für die Zwischen- und Endlagerung radioaktiver Abfälle in Deutschland finanzieren, also die Entsorgungskosten für Atommüll aus den deutschen Kernkraftwerken stemmen. Eine Aufgabe, die sich über Jahrzehnte hinziehen und sehr viele Milliarden kosten wird.

Mit einem Kapitalposter von zunächst rund 24 Milliarden Euro ist der Kenfo die größte öffentlich-rechtliche Stiftung Deutschlands. Das Kapital muss langfristig vervielfacht werden. Sonst geht der Plan nicht auf. Mit den Milliarden kaufen die Anlagespezialisten um Vorstands- und Investmentchefin Anja Mikus etwa Anleihen, Aktien, Immobilien und Private Equity. Dabei verfolgen sie in der Zentrale in Berlin einen ausgefeilten Nachhaltigkeitsansatz, den Mikus in einem Gastbeitrag anlässlich des 5-jährigen Jubiläums des Instituts für nachhaltige Kapitalanlagen (NKI) beschreibt. 

Nachhaltigkeit als Kern der Kapitalanlagestrategie 

Von Anfang an sei geplant gewesen, ESG-Kriterien in die Anlagestrategie aufzunehmen, erinnert sich Mikus. In einem ersten Schritt habe man ein Nachhaltigkeitskonzept für die liquiden Anlageklassen entwickelt und umgesetzt. Aus der Vielfalt von Aktien und Unternehmensanleihen schließen die Manager des Atomfonds bestimmte Firmen konsequent aus dem Anlageuniversum aus. Gleichzeitig picken sie mit Hilfe eines sogenannten Best-in-Class-Ansatzes besonders vorbildliche Unternehmen heraus.

Die Ausschlusskriterien des Atomfonds orientieren sich am UN Global Compact. Dieser weltweite Pakt, geschlossen zwischen Unternehmen und den Vereinten Nationen, soll die Globalisierung sozialer und ökologischer gestalten. Der Kenfo beteiligt sich demnach nicht an Unternehmen, die gegen die Kernprinzipien des UN Global Compact verstoßen. Dazu zählen die Einhaltung von Menschenrechten und Arbeitsnormen, der Schutz der Umwelt und die Bekämpfung von Korruption. Was bei Aktien und Unternehmensanleihen gilt, betrifft auch die Staatsanleihen. Der Atomfonds schließt Staaten vom Investment aus, die fundamentalen, international anerkannten Standards nicht genügen. 

Zwei Konzepte im Verein 

Vor dem Kauf von Aktien und Anleihen nutzen die Manager des Fonds zur kerntechnischen Entsorgung den Best-in-Class-Ansatz. Der Filter soll die jeweils 75 Prozent der Unternehmen anhand von ESG-Kriterien (Umwelt, Soziales, Unternehmensführung) filtern. Nur sie werden in das Anlageuniversum aufgenommen.

Darüber hinaus werden auch Unternehmen als investierbar eingestuft, die besondere Fortschritte in Sachen Nachhaltigkeit vorweisen können (Best-in-Progress-Ansatz). Das soll Firmen animieren, die unterhalb der 75-Prozent-Hürde liegen, ihre Nachhaltigkeits-Ergebnisse stetig zu verbessern. Mit der Kombination von Ausschlusskriterien, dem Best-in-Class- und dem Best-in-Progress-Ansatz, will die Investmentchefin sicherstellen, dass wesentliche Anforderungen an eine zeitgemäße nachhaltige Kapitalanlage erfüllt werden. Nach Einschätzung Mikus‘ wird das Anlageuniversum dadurch nicht nennenswert geschmälert. Es bleibe groß genug, um „die notwendige Diversifikation zu gewährleisten“, schreibt sie.

Der Atomfonds investiert sein Kapital mit Hilfe von Fondsgesellschaften in die einzelnen Anlageklassen. Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge, hatten die Kenfo-Manager im vergangenen Jahr die ersten 17 Mandate an Anlagegesellschaften vergeben. Die Größe der Mandate lag den Angaben zufolge jeweils zwischen 250 Millionen und 1,8 Milliarden Euro.

Damit ihr Nachhaltigkeitsansatz bei dieser Fülle an Akteuren neue Trends aufgreifen kann, haben sich die Manager des Kenfo für eine dezentrale Umsetzung entschieden. Das bedeutet, die mandatierten Asset Manager können mit einem ESG-Datenanbieter ihrer Wahl zusammenarbeiten, um den Nachhaltigkeitsansatz in der Praxis darzustellen.

Vorteil dieses Ansatzes sei es, „dass der Fonds von den etablierten Prozessen der Zusammenarbeit externer Asset-Management-Gesellschaften mit den ESG-Datenanbietern und unmittelbar von Weiterentwicklungen profitieren kann“, so Mikus. Außerdem eröffne dieses Vorgehen dem Atomfonds die Möglichkeit, von der weltweiten Dynamik am nachhaltigen Kapitalmarkt und insbesondere der kontinuierlichen Weiterentwicklung der ESG-Rating-Ansätze zu profitieren und den Wettbewerb um die besten Rating-Konzepte zu unterstützen.

Klimaneutrales Portfolio steht auf der Agenda  

Der Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung folgt seit diesem Jahr dem Beispiel der Allianz-Versicherung und mischt nun auch bei der von den Vereinten Nationen gestützten Net-Zero Asset Owner Alliance mit. Damit verpflichtet sich der Kenfo als weltweit erster Staatsfonds, sein Anlageportfolio bis zur Mitte dieses Jahrhunderts klimaneutral zu gestalten.