170 Milliarden Euro Markt „Themen-ETFs erfreuen sich zurecht großer Beliebtheit, sind aber keine Selbstläufer“

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170 Milliarden Euro Markt
„Themen-ETFs erfreuen sich zurecht großer Beliebtheit, sind aber keine Selbstläufer“
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Philipp von Königsmarck von LGIM

Philipp von Königsmarck von LGIM: „Viele dieser Branchenfonds verwenden den Global Industry Classification Standard (kurz: GICS) von MSCI oder S&P zur Einordnung der jeweiligen Unternehmen zu einem Thema. Der Haken an der Sache: Der GICS wurden in den vergangenen 20 Jahren nur zwei Mal verändert.“ Foto: LGIM

Themen-ETFs erfreuen sich wachsender Beliebtheit bei Anlegerinnen und Anlegern in Deutschland. Sie bieten genauso wie traditionelle ETFs Transparenz und vergleichsweise günstige Gebühren, decken darüber hinaus aber eine Bandbreite an spezifischen Themen wie erneuerbare Energien, disruptive Technologien, Gesundheit oder auch Cyber-Sicherheit ab. Dabei handelt es sich um Themen, die Anleger klar erfassen und entsprechend das Thema auswählen können, das aus ihrer Sicht das größte Zukunftspotenzial hat.

Laut einer aktuellen Studie von Extra ETF wird derzeit ein Volumen von 170 Milliarden in 420 Themen-ETFs in Deutschland verwaltet. Im Vergleich zur Studie im Jahr 2020 ist das ein Anstieg um 330 Prozent. Inzwischen machen Themenfonds demnach 14 Prozent aller Aktien-ETFs aus. Das heißt, Themen-ETFs sind kein Nischenprodukt mehr, sondern haben sich bei Anlegern als Bestandteil der Portfoliokonstruktion etabliert. Im Folgenden führen wir fünf Aspekte auf, auf die Anleger bei der Wahl des passenden Themen-ETFs achten sollten:

Hype oder echtes Wachstum

Themen-ETFs sind stark konzentrierte Produkte, die ein Investment in innovative Unternehmen ermöglichen, die oft ein größeres Wachstumspotenzial haben können als der breite Markt. Um erkennen zu können, ob ein Themen-ETF tatsächlich einen Zukunftstrend abbildet und nicht nur einem kurzzeitigen Hype oder einem Nischenthema mit wenig Potenzial folgt, hilft die folgende Faustregel: Ein Thema entfaltet erst dann eine große Dynamik, wenn mindestens zwei der drei weltweiten Megatrends „Technologie“, „Energie & Ressourcen“ und „Demografie“ aufeinandertreffen. Ein Beispiel: Aus den Megatrends „Technologie“ und „Energie & Ressourcen“ entsteht das Thema Energiespeichertechnologie.

Langfristigkeit und disruptives Potenzial

Ein Thema hat aus unserer Sicht dann das Potenzial für eine Produktlösung, wenn es langfristiges Wachstumspotenzial bietet, und zwar so langfristig, dass es sich zu einem Sektor entwickeln kann. Um eine Produktlösung für ein Thema zu entwickeln, müssen gewisse Kriterien erfüllt sein: Etwa ein zu erwartendes zweistelliges prozentuales Umsatzwachstum für die nächsten fünf bis zehn Jahre sowie ein Gesamtmarkt von mindestens 100 liquiden börsennotierten Unternehmen, die sich dem Thema ausschließlich oder zumindest hauptsächlich widmen.

 

 

 

Die Produkte oder Dienstleistungen, die mit dem Thema verbunden sind, sollten einen tatsächlichen Mehrwert in der Anwendung bringen und disruptives Potenzial aufweisen. Von zentraler Bedeutung ist es außerdem, einen Experten ausfindig zu machen, der das Thema und die einschlägigen Unternehmen weltweit im Blick hat und entsprechende Daten für den Index, den der jeweilige Themen-ETF abbildet, zur Verfügung stellen kann.

Research

Aktives Research ist für die Zusammenstellung des Index essenziell. Denn gerade in jungen und dynamischen Märkten ist es entscheidend, die Unternehmen zu identifizieren, die dem Thema eindeutig zuzuordnen sind. Anleger sollen dadurch einen reinen Zugang zum Thema erhalten. Wichtig ist das, weil sich in vielen Portfolios, die ein Thema abbilden, auch Unternehmen befinden, die für das Thema nur geringe Relevanz haben. Meist handelt es sich dabei nämlich um reine Branchenfonds.

Viele dieser Branchenfonds verwenden den Global Industry Classification Standard (kurz: GICS) von MSCI oder S&P zur Einordnung der jeweiligen Unternehmen zu einem Thema. Der Haken an der Sache: Der GICS wurden in den vergangenen 20 Jahren nur zwei Mal verändert – zuletzt 2018. Nutzt ein Fonds die Standardklassifikation, setzt er auf die Gewinner von gestern. Denn in den meisten Indizes, die sich an den GICS orientieren, sind die Unternehmen nach ihrer Marktkapitalisierung gewichtet. Das heißt, die Unternehmen, die den höchsten Börsenwert haben, sind am stärksten vertreten. Die möglichen Gewinner von morgen können bei einer solchen Methodik durch das Raster fallen. Sie haben die erforderliche Marktkapitalisierung (noch) nicht erreicht. Aber genau hier schlummert ihr Wachstumspotenzial.

Gleichgewichtung

Die ausgewählten Titel sollten gleich gewichtet werden, also gerade nicht nach Größe der Marktkapitalisierung. Der Grund: In der Frühphase eines Trends, in der es die höchsten Wachstumsraten gibt, kann niemand genau sagen, welche Unternehmen zu den Gewinnern oder Verlierern von morgen zählen werden. Werden die aussichtsreichen Unternehmen gleich gewichtet, setzt der Anleger auf alle Pferde im Stall und nicht nur auf den vermeintlichen Favoriten. So können junge und kleinere Unternehmen berücksichtigt werden, die mangels Marktkapitalisierung ansonsten nur zu einem geringen Teil oder sogar überhaupt nicht im ETF enthalten wären.

 

 

 

Dabei sollten Anleger sich gerade in Wachstumsmärkten über ein zusätzliches Klumpenrisiko bewusst sein. In den Indizes befindet sich ein relativ großer Anteil von kleinen und mittelgroßen Unternehmen, die sich möglichst ausschließlich oder hauptsächlich auf ein Thema konzentrieren. Das führt zu relativ geringen Überschneidungen mit den gängigen Indizes am Markt. Im Rahmen eines Core-Satellite-Ansatzes können Themen-ETFs so als Beimischung die Diversifikation des Portfolios stärken und erzeugen keine Klumpenrisiken.

Wertentwicklung

In Bezug auf die Wertentwicklung gilt genauso wie in anderen Produktsegmenten: Themen-ETFs sind nicht gleich Themen-ETFs. Nimmt man die durchschnittliche Performance aller Themen-ETFs zusammen, so konnten diese die Standardindizes wie den MSCI World oder MASCI All Country World nicht schlagen. Betrachtet man jedoch einzelne Themen, so konnten Themen-ETFs, laut der anfangs erwähnten Studie von Extra ETF, zu erneuerbarer Energie, Batterietechnik oder auch Technologie den breiten Markt in einem Dreijahreszeitraum hinter sich lassen. Wer auf lange Sicht überdurchschnittliches Wachstum für sein Portfolio erzielen will, muss sich also aus unserer Sicht wie ausgeführt eingehender mit der Konstruktion und der Themenwahl eines ETFs auseinandersetzen und sich letztendlich die Frage stellen: Was sind die tatsächlich zukunftsträchtigen Themen von Morgen?

Über den Autor: Philipp von Königsmarck ist seit 2018 Leiter Großhandel (Head of Wholesale) Deutschland, Österreich und Luxemburg beim Fondsanbieter Legal & General Investment Management (LGIM). Vor dieser Zeit hatte er leitende Funktionen unter anderem bei  Fidelity International.