Greenwashing Quintet-ESG-Chef: „Nachhaltigkeit beginnt bei der Asset Allocation“

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Erstens können ökologische und soziale Themen, wie Energiewende, Einkommensungleichheit, Diversität und Inklusion explizit in die makroökonomischen Grundlagen der Modelle einfließen, die für die Vorhersage von Faktoren wie Inflation, Produktivität und Wirtschaftswachstum verwendet werden. Außerdem können Überlegungen zur Unternehmensführung im Kontext des Aktienmarktes und nicht nur als Überlegung zu einzelnen Wertpapieren betrachtet werden. Wie wichtig dies ist, zeigt sich beispielsweise in Japan. Da sich die Unternehmensführung dort verbesserte, verringerte sich der Abstand zwischen der Eigenkapitalrendite der japanischen und der globalen Aktienmärkte in den letzten zehn Jahren von sieben auf vier Prozentpunkte.

Zweitens gibt es attraktive festverzinsliche Anlagen, die von Investoren derzeit noch nicht ausreichend genutzt werden. Schuldtitel der multilateralen Entwicklungsbanken (MDB) – wie die der Weltbank – sind ein solcher Vermögenswert. Mit einer Korrelation von 0,99 zu AAA-gerateten Staatsanleihen können MDB-Schuldtitel in einer Vermögensallokation herkömmliche AAA-geratete Staatsanleihen vollständig ersetzen. Nach dem Kauf können sich die Anleger bei den Regierungen dafür einsetzen, dass diese weitere Kapitalerhöhungen der MDBs unterstützen. Dies wird die Emission von MDB-Anleihen weiter antreiben, sodass die MDBs wiederum mit mehr Projekten mehr positiven Einfluss geltend machen können.

Anleger müssen nicht – wie in der Vergangenheit – auf Instrumente wie liquide Hedgefonds setzen

Grüne Anleihen – deren Erlöse ausschließlich für nachhaltige Projekte und Dienstleistungen verwendet werden – stellen eine weitere Möglichkeit der Vermögensallokation dar. Mit ausstehenden Anleihen im Wert von 1,8 Billionen Dollar ist der Markt inzwischen so tief und liquide, dass viele Anleger durchaus ihr gesamtes Investment Grade-Engagement über Green Bonds abbilden könnten. Die Anleger können im Übrigen auch aktiv ihre Stimme erheben und sich für die zusätzliche Emissionen von nachhaltigen Anleihen, zum Beispiel für Projekte zur Müllvermeidung oder zur Stärkung der Energieeffizienz, einsetzen. Denn mit solchen Projekten können auch diejenigen Unternehmen nachhaltige Anleihen emittieren, die möglicherweise noch nicht „tiefgrün“ sind. Der Markt würde dadurch noch breiter.


Drittens können die Anlagen im börsennotierten Bereich durch eine vielfältigere Palette alternativer Anlagen im Bereich der Private Markets ergänzt werden. Dabei müssen sie nicht nur wie in der Vergangenheit auf Instrumente wie etwa liquide Hedgefonds setzen. Private Markets-Strategien Märkten können unter Nachhaltigkeitsaspekten besonders wirkungsvoll sein, da unmittelbar frisches Kapital in die Unternehmensbilanzen fließt, um das Wachstum der Unternehmen zu unterstützen und dort einen zusätzlichen positiven Beitrag zu leisten.

Die Private Markets bieten inzwischen für die Asset-Allocation-Strategie eine Vielzahl von nachhaltigen Möglichkeiten, darunter Mikrokredite, erneuerbare Energien, Finanzierung nachhaltiger Agrarprojekte, nachhaltige Infrastrukturen und auch bestimmte Arten von Growth Equity-Finanzierungen, wie es von den Private-Equity-Experten TPG, KKR und Partners Group propagiert wird. Jeder dieser Vermögenswerte bietet zudem eine wertvolle Diversifikation, da solche Engagements auf den öffentlichen Märkten nur schwer nachzubilden wären.

Während der Trend, immer mehr Anlagen als nachhaltig zu bezeichnen, ungebrochen zu sein scheint, haben wir als Anleger die Möglichkeit, die Qualität dieser Anlagen und die realen Auswirkungen, die sie haben, zu verbessern. Nach dem Vorbild nachhaltiger Aktienanleger, die sich in den letzten zehn Jahren erfolgreich von dem Irrglauben befreit haben, dass Nachhaltigkeit mit einem Kompromiss verbunden ist, müssen nun auch diejenigen diesem Beispiel folgen, die über die Asset Allocation von Portfolios entscheiden. Dann wird auch die ungute Gepflogenheit enden, mehr viel zu versprechen und wenig zu halten.

Über den Autor:
James Purcell ist Nachhaltigkeitschef der europäischen Privatbankengruppe Quintet, zu der in Deutschland Merck Finck gehört. Zuvor war er kanpp elf Jahre bei der UBS in ähnlich verantwortungsvollen Positionen im Nachhaltigkeits-Management.