Anlegerpsychologie Warum uns Krisen jedes Mal wieder überraschen

Vorstand von Long-term Investing Research – Institut für die langfristige Kapitalanlage: Karl-Heinz Thielmann

Vorstand von Long-term Investing Research – Institut für die langfristige Kapitalanlage: Karl-Heinz Thielmann

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Die globalen Finanzmärkte sind seit letztem Sommer wieder im Krisenmodus. Von einer kurzen Zwischenerholung im Herbst abgesehen purzelten die Kurse wieder, insbesondere alle Finanzkontrakte oder Aktien, die entweder mit Rohstoffen, Rohstoffländern oder mit China zu tun haben. Terroranschläge und die weitverbreitete Unfähigkeit der führenden Politiker dieser Welt, selbst bei drängenden Problemen konstruktive und weitblickende Entscheidungen zu treffen, wirkten zudem alles andere als stimmungsverbessernd.

Nach der US-Immobilienkrise ab 2007, der resultierenden globalen Finanzkrise ab 2008 und der anschließenden Eurokrise ab 2010 fallen die nächsten Dominosteine im globalen Wirtschaftssystem: Die einstmaligen Wachstumsgaranten unter den Schwellenländern wie China oder Brasilien machen schlapp. Insbesondere als konjunkturabhängig geltende Rohstoffpreise fallen wie ein Stein.

Sind die aktuellen Kapitalmarktturbulenzen der Auftakt zu einer lang anhaltenden Phase weltwirtschaftlicher Stagnation?

Zumindest die Krisenpropheten, die einen Niedergang der Weltwirtschaft voraussagen, haben wieder Hochkonjunktur. Mit der Vorhersage einer „deflationären Krise“ und der Empfehlung „verkaufe alles außer Qualitäts-Staatsanleihen“ schaffte es Andrew Roberts, der ansonsten wenig beachtete Chef-Ökonom der RBS, tagelang von der globalen Finanzpresse diskutiert zu werden. Albert Edwards von Societe Generale sagt schon seit über 20 Jahren den allgemeinen Niedergang vorher.

Dauerbären wie er hoffen inständig, dass jetzt endlich der Moment gekommen ist, an dem ihre Negativ-Prognosen eintreffen. Aktienbörsen und globale Wirtschaft sollen sich in einem Teufelskreis aus destruktiven Wechselwirkungen in den Abgrund reißen, bis sich der S&P 500 erst wieder unter 666 stabilisieren kann.

Und selbst bislang optimistische Strategen wie Mislav Matejka bei JP Morgan Chase empfehlen inzwischen, angesichts nachlassender Gewinndynamik Aktien in jede Kurserholung hinein abzubauen. Stark verkaufen statt billig einkaufen sei jetzt die richtige Strategie.

Kontinuität der Desaster im globalen Finanzsystem

Wir stolpern schon seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von einer schweren Krise in die nächste: So gab es die 1. Ölkrise 1974 und die 2. Ölkrise 1979. In den 80er Jahren hatten wir die lateinamerikanische Schuldenkrise, die US-amerikanische Hypothekenkrise sowie den großen Börsencrash von 1987. Die 90er starteten mit der Pfundkrise, dem Fast-Zerbrechen des Europäischen Währungssystems sowie Strukturkrisen in Skandinavien und Südeuropa.

Japan versuchte Anfang der 90er, den Ausbruch einer Krise zu verhindern und befand sich seitdem in 25 Jahren Dauerstagnation. 1998 kam es zum Staatsbankrott Russlands sowie zum Wirtschaftskollaps in den Tigerstaaten Südostasiens. 2001 führten die Terroranschläge vom 11. September, Bilanzskandale sowie die geplatzte Internetblase zum nächsten Katastrophenszenario, verbunden mit einem starken Börseneinbruch.

Dies sind zumindest die Krisen, an die ich mich noch erinnern kann (und vermutlich viele der Leser). Man kann die Historie aber auch viel früher anfangen: bei der Weltwirtschaftskrise infolge des Börsencrashs 1929. Oder mit der Gründerzeitkrise 1873, deren Folgen fast 20 Jahre lang die Wirtschaft in Ländern wie Großbritannien, Frankreich, USA oder Österreich-Ungarn stark belastete.

In den USA platzte 1857 die große Eisenbahnblase, in 1837 kollabierte die Textilindustrie, womit jeweils die führenden Wachstumsindustrien der Zeit zwischenzeitlich zertrümmert wurden. 1825 gab es die erste Schwellenländer-Schuldenkrise, in deren Folge mehr als 10 Prozent aller britischen Banken Pleite gingen. 1720 platzten fast zeitgleich die Spekulationsblase in der South Sea Company in London sowie das nur durch Schwindelforderungen abgesicherte Papiergeldsystem des John Law in Frankreich.

Nicht nur Krisen haben eine lange Tradition. Manchmal wurden sie durch Rettungspakete verhindert, aber jeweils nur zu hohen Kosten für die Allgemeinheit. Das erste Mal geschah dies 1792. Damals hatte die neue Zentralbank der USA, die „First Bank of the United States“, durch hemmungslose Kreditvergabe eine Spekulationswelle ausgelöst.

Als sie die Geldschöpfung einschränkte, stand das auf billigem Kredit beruhende gesamte Finanzsystem der aufstrebenden Nation vor dem Kollaps.

Finanzminister Alexander Hamilton nutzte öffentliche Gelder, um bankrotte Banken zu sanieren und die Kurse von stark gefallenen Wertpapieren zu stützen. Damit verhinderte er zwar eine größere realwirtschaftliche Krise, schaffte jedoch den Präzedenzfall für zukünftige Bankenrettungen: Die Folgen rücksichtsloser Selbstbereicherung wurden vom Staat und damit der Allgemeinheit übernommen, um das Ausbrechen einer tief greifenden Wirtschaftskrise zu verhindern.

Und indem staatliche Interventionen die Folgen privater Fahrlässigkeit übernehmen, schaffen sie mit dem Versuch, Stabilität zu schaffen, gleichzeitig Fehlanreize für rücksichtsloses Verhalten.