Kreditspezialist der Meag im Gespräch „Wichtig ist, dass große Pakete geschnürt werden“

Erik Rüttinger (l.) und Marco Hinz | © Crosslend, Meag

Erik Rüttinger (l.) und Marco Hinz Foto: Crosslend, Meag

private banking magazin: Institutionelle Anleger kaufen Banken zunehmend Kredite ab und nutzen dafür zum Beispiel den digitalen Kreditmarktplatz Crosslend. Worin liegt aus Bankensicht der Reiz einer solchen Transaktion?  

Marco Hinz: Das Spektrum der Kredite auf unserer Plattform ist sehr breit. Neben Konsumentenkrediten haben wir es im Tagesgeschäft mit Hypothekendarlehen, Factoring-Forderungen sowie Krediten an kleine und mittelgroße Unternehmen zu tun. Banken, die auf einen Sektor oder eine Region spezialisiert sind, stoßen bei der Vergabe von Krediten an bilanzielle Grenzen. Um dem entgegenzuwirken, könnten sie ihr Eigenkapital erhöhen oder Kredite weiterreichen.

Wenn Banken Kredite aus ihrer Bilanz auslagern, denkt man sofort an Problemkunden. Wie sehen Sie das?

Hinz: Geschäftsbanken müssen ihre Bilanzen heute flexibler und agiler steuern als in der Vergangenheit; das hat mit Problemkrediten nichts zu tun. Aufgrund der Regulierung durch die Aufsichtsregime Basel II, III und demnächst IV müssen die Institute für ihre Kredite eine bestimmte Menge an Eigenkapital vorhalten. Wenn ihr Eigenkapital vollständig in der Kapitalunterlegung gebunden ist, können sie keine weiteren Darlehen ausreichen. Kleine und mittelgroße Unternehmen haben aber unverändert großen Finanzierungsbedarf. Damit die Banken weiterhin als Geldgeber auftreten können, um der Realwirtschaft die nötige Liquidität bereitzustellen, reichen sie einen Teil ihrer Kredite weiter, zum Beispiel an eine Kapitalsammelstelle. Das kann eine Versicherung aber auch eine Pensionskasse sein oder auch eine andere Bank, welche ihre Bilanz aussteuern möchte.

Welche Rolle spielt Crosslend bei einem Kreditverkauf?

Hinz: Wir bringen zwei Parteien auf einem Marktplatz zusammen. Auf der einen Seite die kreditgebenden Institute, auf der anderen Seite institutionelle Investoren. Beide Seiten benötigen einen zentralen standardisierten Marktplatz, um den gegenseitigen Zugang und das kontinuierliche Reporting maximal effizient zu gestalten und damit ihr Geschäft ausweiten zu können.

Wie geht es dann weiter?

Hinz: Institutionelle Investoren wie Versicherungen wollen kontinuierlich in Kredite investieren. Denn nur so können sie ihre laufenden Einzahlungen aus Versicherungsprämien gleich wieder anlegen. Vor diesem Hintergrund vereinbaren wir mit dem Investor einen Zeitraum, in dem wir für ihn neue Kredite in einem bestimmten Rhythmus und in einer bestimmten Periode ankaufen sollen. Das können beispielsweise drei Jahre sein. Entscheidet sich der Anleger, drei Jahre lang in Kredite kleiner Unternehmen zu investieren, die eine Laufzeit von 48 Monaten haben, dann kaufen wir solange neue Kredite mit dieser Eigenschaft. Der Investor gibt hier seine individuellen Investitionskriterien vor, welche er sehr granular definieren kann.

Herr Rüttinger, bonitätsstarke Emittenten erleben goldene Zeiten und müssen den Käufern ihrer Anleihen immer seltener Zinsen bezahlen. Finden Sie heute überhaupt noch interessante Rentenpapiere? 

Erik Rüttinger: Wir investieren auch heute noch in alle Formen öffentlich gehandelter Unternehmensanleihen. Dazu zählen neben den Emissionen großer Unternehmen mit Investment-Grade-Rating auch Emittenten im High-Yield-Markt. Zu unserem Portfolio gehören aber auch Verbriefungen sowie strukturierte Kreditprodukte, zum Beispiel forderungsbesicherte Wertpapiere aus den Segmenten ABS und Collateralized Loan Obligations, kurz CLOs. Wir sind auch im Geschäft mit Kreditderivaten sehr aktiv. 

Wie setzen Sie diese Anlagevielfalt um?

Rüttinger: Einerseits investieren wir für unsere Muttergesellschaften Munich Re und Ergo langfristig in möglichst stabile und langfristige Zinsanlagen, um den Verpflichtungen gegenüber den Versicherungskunden gerecht zu werden. Dabei verfolgen wir eine Buy-and-Maintain-Strategie, lassen also die Zinsanlagen in unserem Portfolio möglichst bis zum Fälligkeitstermin unangetastet. Andererseits investieren wir auch sehr aktiv und messen uns entweder an einer vorgegebenen Benchmark, zum Beispiel aus der Indexfamilie der iBoxx-Rentenindizes, oder streben Absolute-Return-Ziele an. Darüber hinaus haben wir vor ein paar Jahren damit begonnen, uns im Segment Private Debt weiterzuentwickeln. Hier investieren wir sehr erfolgreich im Segment von Infrastrukturfremdkapitalfinanzierungen.