Andreas Dombret zu Fintechs „Gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle“

Andreas Dombret, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank | © Frank Rumpenhorst

Andreas Dombret, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank Foto: Frank Rumpenhorst

private banking magazin: Wie stehen Fintechs zur Regulierung und den Regulierungsbehörden?

Andreas Dombret: Mein Eindruck ist, dass Fintechs sich gern in Städten ansiedeln, wo sie nah an den etablierten Banken sind. In diesen Städten ist die Bundesbank mit ihren Hauptverwaltungen vertreten, sodass die Fintechs einen engen Draht zu den Aufsichtsbehörden pflegen können und dies häufig auch tun. Die meisten Fintechs versuchen Regulierung zu vermeiden, um schneller und kostengünstiger produzieren zu können, sind aber nicht per se gegen Regulierung, sondern sind bemüht, Produkte dem Kunden so anzubieten, dass sie keine aufsichtliche Erlaubnis oder Zulassung benötigen.

Viele entwickeln zum Beispiel Apps, mit denen ein Fintech als Vermittler auftreten und bestimmte Geschäfte über Banken als Kooperationspartner abwickeln kann. Und dazu braucht es dann möglicherweise keine oder nur eine Teillizenz für bestimmte Bank- oder Finanzdienstleistungsgeschäfte.

Reicht die bestehende Regulierung aus?

Dombret: Als Bankenaufsicht verhalten wir uns neutral; es ist nicht unsere Aufgabe, bestehende Kreditinstitute besonders zu schützen und neue innovative Unternehmen zu benachteiligen – oder umgekehrt. Aber sobald ein Fintech sich in einen Bereich begibt, der Bankdienstleistungen einschließt, müssen wir gleiche Wettbewerbsbedingungen zwischen ihnen und den bestehenden Kreditinstituten herstellen und die Regulierung auf alle anwenden.

Sehr wahrscheinlich brauchen wir keine neue Regulierung, denn sie ist schon heute risikoorientiert und relativ engmaschig. Ich habe übrigens nicht den Eindruck, dass Fintechs in erster Linie gegründet werden, um Bankdienstleistungen ohne die mit der Regulierung verbundenen Kosten anzubieten. Am Anfang steht vielmehr der Wunsch, kundenfreundliche Produkte anzubieten und darüber hinaus einen Mehrwert zu generieren – Regulierungsfragen stellen sich dann meist erst nachgelagert.

Hat die Bankenwelt die Digitalisierung verschlafen?

Dombret: Es gibt Bereiche im deutschen Bankwesen, in denen es in den vergangenen Jahren relativ wenig Innovationen für Kunden gegeben hat, zum Beispiel im Zahlungsverkehr oder im Retail-Banking. Genau hier haben logischerweise neue Produkte der Fintechs viel Interesse und Aufmerksamkeit erregt.

Mittlerweile haben die Banken dies aber sehr gut verstanden. Ein Aussitzen ist ausgeschlossen. Jede kleine Sparkasse und Volksbank weiß, dass sie eine Digitalisierungsstrategie benötigt und stellt die Anzahl ihrer Filialen und ihrer Mitarbeiter auf den Prüfstand. Das Bewusstsein ist da; es geht also nicht mehr darum, wie man die neue Situation bewertet, sondern was nun ganz konkret implementiert wird. Banken oder Verbünde, die nicht in ein eigenes Research & Development investiert haben, kaufen sich daher die Expertise bei den Fintechs ein.

Im Versicherungsbereich klagen Makler und Pools über die Konkurrenz der Fintechs, die ihre Marktanteile angehen. Fühlt sich der Bankenvertrieb ähnlich angegriffen?

Dombret: Der Banken- und Sparkassenvertrieb spürt diese Konkurrenz. Zwar noch nicht sehr stark, aber deutlich wachsend und vor allem dort, wo die Margen noch recht groß sind. Gerade dort lohnt sich der Angriff der Fintechs besonders, weil sie trotz Preisnachlässen Gewinn erzielen können. Wenn sich Kunden erst einmal an neue Standards wie eine bestimmte Art und Weise des Bezahlens gewöhnen, dann kostet es ein Vielfaches, sie wieder davon abzubringen.

Es geht also weniger darum, welche Marktposition Fintechs im Augenblick haben, sondern, wie sie das Nachfrage- und Konsumverhalten beeinflussen, zum Beispiel die Entwicklung fort von den stationären Filialen hin zum Vertrieb über mobile Endgeräte. Auch eine Bank bzw. Sparkasse muss dann diesen Weg für ihre Kunden im Angebot haben, sonst wird es für sie schwierig, sich in diesem veränderten Nachfrageverhalten zu positionieren.

Wo liegt das Potenzial von Roboadvice?

Dombret: Ich würde das Thema in jedem Fall sehr ernst nehmen. Ohne eine Wertung vorzunehmen, kann ich sagen, dass viele Geschäftsleitungen der Banken sich Roboadvice und die gesamte Technologie um Blockchain sehr genau anschauen.

Wie wird die Digitalisierung die Kundenberatung in den Banken verändern?

Dombret: Je komplexer Produkte sind, desto eher wird der Kunde weiterhin auf einen persönlichen Kontakt zur Bank oder Sparkasse setzen. Je standardisierter Produkte sind, desto mehr hat Digitalisierung eine Chance. Banken und Sparkassen werden sich in Zukunft von dem stationären Beratungsangebot zwischen 9 und 17 Uhr trennen. Die Kundschaft wird insbesondere bei den komplexen Produkten, die für die Bank oft auch höhere Margen bringen, weiterhin einen persönlicheren Kontakt verlangen und zwar zu Zeiten, die der Kunde bestimmt. Hier kommt nicht zuletzt die sich rasant verbreitende Videoberatung ins Spiel.

Welche Rolle spielt die Frage des Vertrauens?

Dombret: Das Vertrauen der Kunden in ihre etablierte und langjährige Bankverbindung ist ein sehr wichtiger, großer Vorteil im Wettbewerb. Bei den Fintechs sind sich viele Kunden unsicher, was mit ihren Daten geschieht. Manche haben den Eindruck, dass sie möglicherweise für Produkte nicht mit Geld, sondern mit Informationen über sich selbst bezahlen.

Fintechs sind „bei gutem Wetter“ eine interessante und kostengünstige Alternative. Aber „bei schlechtem Wetter“ ist das anders; man kann sich in der Regel ja nur digital beschweren. Viele würden daher keine Lebens- oder Krankenversicherung bei einem x-beliebigen Anbieter im Internet abschließen. Strom hingegen ist völlig austauschbar. Die Kunden differenzieren also, bei welchen Produkten es auf eine lange Geschäftsbeziehung und auf Vertrauen ankommt und wo dies weniger der Fall ist.


Über den Interviewten:
Andreas Dombret ist seit 2010 Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank. Der 66-Jährige ist zuständig für die Bereiche Banken und Finanzaufsicht, Risiko-Controlling sowie die Repräsentanzen und Repräsentanten.