Der Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran hat die Ölpreise zuletzt deutlich nach oben getrieben. Was Verbraucher an der Tankstelle spüren, stellt Anleger vor eine grundsätzlichere Frage: Bleibt der Preiseffekt auf Energie beschränkt – oder zieht er in den kommenden Monaten auch die Gesamtinflation mit?
Pascal Kielkopf, Kapitalmarktstratege beim Multi Family Office HQ Trust, hat dafür mehr als sechs Jahrzehnte Daten ausgewertet. Er verglich die Zwölf-Monats-Veränderung des Bloomberg Commodity Index mit der US-Verbraucherpreisinflation des Bureau of Labour Statistics – in US-Dollar, von Januar 1961 bis Anfang 2026.
Rohstoffe als Signal für die Richtung
Das Ergebnis: Rohstoffpreise liefern ein erkennbares Signal für die Richtung der Inflation. Der entscheidende Befund dabei ist der zeitliche Versatz. „Der zeitliche Vorlauf ist ökonomisch plausibel: Steigende Rohstoffpreise treffen zunächst Produzenten über höhere Inputkosten, die sie erst mit Verzögerung entlang der Wertschöpfungskette an die Endverbraucher weitergeben“, erklärt Kielkopf.
Konkret ist die Korrelation zwischen Rohstoffpreisen und Inflation am höchsten, wenn man den Rohstoffpreisen einen Vorlauf von fünf Monaten gibt. In den vergangenen 60 Jahren bewegten sich der Bloomberg Commodity Index und die US-Inflation zumeist in dieselbe Richtung. Besonders deutlich war das in den Hochinflationsphasen der Siebziger- und Achtzigerjahre sowie beim Inflationsschub 2022.
Richtung ja – genaue Zahl nein
Doch wie präzise sind diese Signale? Kielkopf stellt die Daten als Punktwolke dar, die zeigt, wie stark die Inflation fünf Monate nach einer bestimmten Rohstoffpreisentwicklung tatsächlich ausgefallen ist. Zwar zeigt sich ein grober Zusammenhang – höhere Rohstoffpreise, höhere Inflation – doch die Streuung war dabei in der Vergangenheit enorm. Je ausgeprägter die Bewegung bei den Rohstoffpreisen, desto klarer fällt die Inflationsreaktion aus. Bei moderaten Schwankungen bleibt das Bild deutlich unschärfer.
Auf Basis der aktuellen Rohstoffpreise lässt sich aus den historischen Daten im Durchschnitt eine Inflation von rund 5 Prozent ableiten – die Bandbreite reicht jedoch von 0 bis 14 Prozent. „Diese Spanne ist schlicht zu groß für verlässliche Prognosen“, so der Kapitalmarktstratege. Das zeigt auch ein historisches Gegenbeispiel: 1983 deuteten steigende Rohstoffpreise auf höhere Inflation hin – tatsächlich sank sie.
Was das für Anleger bedeutet
Das aktuelle Umfeld passt ins Muster. Auf Basis der historischen Zusammenhänge legt das nahe, dass die Inflation in den kommenden Monaten Aufwind bekommen könnte. Wie stark, lässt sich aus den Daten allerdings nicht seriös ableiten.
Gleichzeitig gibt es dämpfende Faktoren. Kielkopf erwartet, dass die Dynamik deutlich unter den ausgeprägten Inflationsphasen der Siebziger- und Achtzigerjahre oder dem Schub von 2022 bleiben dürfte. Die derzeit noch eher restriktive Geldpolitik – vor allem in den USA – wirke bremsend. Die Notenbanken haben zudem bereits signalisiert, dass sie im Zweifel eingreifen würden. Das dürfte einem stärkeren und anhaltenden Inflationsanstieg entgegenwirken.
Rohstoffpreise zeigen also, wohin die Reise bei der Inflation gehen könnte – mehr aber nicht. Für eine Punktprognose taugen sie nicht.