Seit dem historischen Tiefstand im Jahr 2021 haben die Kapitalmarktzinsen in den USA und der Eurozone kräftig angezogen. Zehnjährige US-Staatsanleihen rentieren aktuell mit rund 4,8 Prozent, deutsche Bundesanleihen mit etwa 3,3 Prozent. Doch die Gründe für diesen Anstieg haben sich verschoben. Das zeigt eine Analyse von Michael Heise, Chefökonom des Multi Family Office HQ Trust.
Heise zerlegt die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen aus Europa und den USA in zwei Bestandteile: den realen Zins und die Kompensation für die von Anlegern erwartete Inflation. Diese Erwartung lässt sich an sogenannten Inflationsswaps ablesen. Dabei tauschen zwei Parteien für einen bestimmten Zeitraum einen vorab vereinbarten festen Inflationssatz gegen die tatsächlich eingetretene Inflation.
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Nicht mehr die Inflation treibt die Zinsen
Zunächst erklärten steigende Inflationserwartungen den Zinsanstieg. Seit 2022, dem Jahr mit drastischen Preissteigerungen, sind die langfristigen Inflationserwartungen jedoch leicht zurückgegangen. In den USA rechnen die Finanzmärkte langfristig mit einer Inflation von rund 2,5 Prozent, im Euroraum mit rund 2 Prozent. Heise hält diese Erwartungen für geldpolitisch gut verankert.
Trotzdem steigen die Renditen weiter – ein Widerspruch, den Heise auflöst: Nicht die Inflationserwartung treibt den Zins, sondern der reale Ertrag. Anleger erhalten heute also nicht nur einen Ausgleich für die erwartete Kaufkraftminderung, sondern zusätzlich eine reale Rendite.
Die aktuelle Lage unterscheidet sich damit fundamental von der Niedrigzinswelt der Jahre 2020 und 2021. Wer damals in langfristige Staatsanleihen investierte, erlitt einen realen Wertverlust. Heute liegt die erwartete reale Rendite laut Heise bei rund 2,2 Prozent in den USA und rund 1 Prozent im Euroraum.
Investitionen in Infrastruktur und KI treiben die Realrendite
Für den Anstieg der realen Renditen macht Heise reale wirtschaftliche Entwicklungen verantwortlich, die er als dauerhaft einschätzt. Steigende Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung sowie der sehr hohe Kapitalbedarf durch die Entwicklung künstlicher Intelligenz begründen aus seiner Sicht ein strukturell höheres Zinsniveau.
Hinzu kommt eine in den vergangenen Jahren gestiegene Risikoprämie. Sie kompensiert Investoren für Unsicherheiten, die mit einer langfristigen Kapitalbindung einhergehen – etwa durch die Unsicherheit über die Zinsentwicklung infolge hoher Staatsverschuldung oder das starke Auf und Ab der Inflationsentwicklung.
Fazit für Anleger: Anleihen wieder als Ertragsbringer
Investoren sollten sich nach Einschätzung von Heise auf ein dauerhaft erhöhtes Renditeniveau einstellen, da das neutrale Zinsniveau in den USA und im Euroraum gestiegen ist. Wer sein Portfolio neu ausrichtet, sollte Anleihen deshalb wieder als Ertragsbringer betrachten – jedoch nicht auf schnelle Kursgewinne durch stark fallende Renditen setzen.
Selbst eine Beilegung der Nahostkrise mit sinkenden Energiepreisen würde die Kapitalmarktrenditen laut Heise nur wenig senken, da die Finanzmärkte bereits von einem positiven Szenario ausgehen. Käme es dagegen zu einer erneuten Eskalation der Krise, wäre mit weiteren Zinsschritten der Zentralbanken und steigenden Kapitalmarktrenditen zu rechnen.
