Ein kräftiger Kursanstieg im ersten Halbjahr löst bei vielen Anlegern eher Unbehagen als Freude aus. Sie fragen sich, ob die Gewinne nicht bald wieder abschmelzen, und erwarten pünktlich zur Sommerpause den Rücksetzer. Wer die Kursverläufe der vergangenen knapp vier Jahrzehnte durchgeht, findet für diese Skepsis allerdings wenig Rückhalt. Meist setzte sich die Richtung des Jahresauftakts schlicht fort – im Guten wie im Schlechten.
Sebastian Dörr, Kapitalmarktstratege bei HQ Trust, beziffert diesen zusammenhang genauer. Er hat sich die wichtigsten MSCI-Regionalindizes ab dem Jahr 1988 vorgenommen – Nordamerika, Europa, den Pazifikraum, die Schwellenländer und den Weltindex MSCI ACWI – und für jede Region die Jahre danach sortiert, ob es bis zur Jahresmitte auf- oder abwärtsgegangen war. Anschließend schaute er, welchen Weg die Kurse in der zweiten Jahreshälfte nahmen.
Schon die Verteilung ist aufschlussreich: Positive Jahresauftakte kamen weit öfter vor als negative. Der MSCI ACWI etwa legte in 26 Fällen bis zur Jahresmitte zu und rutschte nur in 13 Jahren ins Minus.
Wer stark startete, blieb meist auf Kurs
In den Jahren mit gutem Start ging es anschließend weiter bergauf. Der Weltindex holte zwischen Juli und Dezember im Durchschnitt noch einmal 5,6 Prozent heraus, Nordamerika 5 Prozent und Europa 6 Prozent. Besonders ausgeprägt war der Rückenwind bei Aktien aus den Schwellenländern: Nach einem gelungenen Jahresbeginn kletterten sie im weiteren Verlauf um durchschnittlich 8 Prozent. Am schwächsten schnitt der Pazifikraum ab, der es in der zweiten Jahreshälfte im Mittel nur auf 2 Prozent brachte.
Ein schwacher Auftakt hielt oft an
Umgekehrt setzte sich auch Schwäche fort. Rutschte der MSCI ACWI schon bis zur Jahresmitte ins Minus, verlor er bis Silvester im Schnitt weitere 0,5 Prozent – ein überschaubarer Wert. Härter traf es die Schwellenländer, deren Index nach einem misslungenen Start noch einmal durchschnittlich 5,8 Prozent nachgab; europäische Aktien verloren im Mittel 2,8 Prozent. Nordamerika und der Pazifikraum tanzten aus der Reihe: Trotz schwachem Jahresbeginn drehten sie ins Plus und lagen zum Jahresende im Schnitt 1,8 respektive 0,1 Prozent höher.
Für Dörr ist die Botschaft eindeutig. „Über alle Regionen hinweg zeigt sich ein klares Muster: Die Aktienmärkte tendieren eher dazu, einen einmal eingeschlagenen Trend fortzusetzen, als ihn umzukehren“, sagt er. Ein gelungenes erstes Halbjahr sei deshalb historisch kein Alarmzeichen, sondern spreche im Mittel für eine ordentliche zweite Jahreshälfte.
Warum die USA vorn liegen dürften
Auch der Blick nach vorn fällt bei HQ Trust freundlich aus. Anlagechef Christian Subbe erwartet für die zweite Jahreshälfte weiter steigende Notierungen. In den warmen Monaten könnten die Schwankungen zwar wie üblich zunehmen, an der grundsätzlichen Aufwärtsrichtung ändere das aber nichts.
Den Ton geben aus seiner Sicht weiterhin die USA an. Für ihren Vorsprung gegenüber Europa sprächen sowohl wirtschaftliche als auch politische Argumente: Die Konjunktur laufe kräftiger, die Arbeitslosigkeit sei niedriger, und das Klima falle unternehmens- und gründerfreundlicher aus. Bei einzelnen Technologiewerten hält Subbe die Bewertungen allerdings für sportlich – Renditen wie in den zurückliegenden Jahren dürften sich so kaum wiederholen.
Interessant findet der Anlagechef daneben die asiatischen Schwellenländer, wo eine junge Bevölkerung und eine dynamische Wirtschaft zusammenkämen, Haushalts- und Zinspolitik verlässlich blieben und der Wohlstand breite Schichten erreiche. Beim Vorgehen bleibt Subbe bei einer klaren Linie. „Wir bevorzugen breit gestreute Investments. Stockpicker unterschätzen das Risiko einer hohen Konzentration eines Portfolios“, sagt er.