Der Home Bias gilt als typisches Privatanleger-Phänomen: Man investiert bevorzugt dort, wo man sich auskennt – oder glaubt, sich auszukennen. Doch eine aktuelle Analyse von HQ Trust zeigt: Auch professionelle Fondsmanager sind davon nicht frei.
Jan Tachtler, Leiter Fonds- und Managerselektion beim Multi Family Office, hat 500 weltweit anlegende Aktienfonds untersucht, die in Deutschland zum Vertrieb zugelassen sind. Sein Ziel: herausfinden, ob auch Profianleger ihre Heimatmärkte systematisch übergewichten.
Deutsche Fonds lieben Deutschland
Zunächst gruppierte Tachtler dafür die Fonds nach dem Firmensitz des Fondsinitiators. Anschließend berechnete er, wie stark die Fonds im Durchschnitt in einzelne Länder investieren – und verglich diese Werte mit der Gewichtung im MSCI ACWI, dem globalen Aktienindex.
Die Sonderfälle Liechtenstein und Luxemburg ließ er dabei außen vor: Die Länder haben relativ kleine Aktienmärkte, sind aber wichtige Fondsdomizile mit internationalem Management. Das Ergebnis ist eine Rangliste der durchschnittlich stärksten Über- und Untergewichtungen je Herkunftsland der Fondsgesellschaft.
Dabei zeigt sich: „Fonds mit Sitz in Deutschland gewichten deutsche Aktien im Schnitt um rund 4,2 Prozentpunkte höher als das im MSCI ACWI der Fall ist“, sagt Tachtler. Ebenfalls sehr beliebt: Aktien aus Frankreich und der Schweiz. „Hier sind die Übergewichtungen im Schnitt ebenfalls relativ groß“, führt Tachtler aus.
Mit stattlichen 8,9 Prozentpunkten entfällt die größte Untergewichtung global ausgerichteter Fonds mit Sitz in Deutschland laut Untersuchung auf US-Aktien.
Europa bevorzugt Europa
Das Muster ist laut Tachtler erstaunlich konsistent: „Französische Fonds gewichten Frankreich über, britische Fonds Großbritannien, Schweizer Fonds die Schweiz.“ Ergänzt wird dies meist durch eine Übergewichtung anderer großer europäischer Märkte wie Deutschland oder Frankreich.
„Der globale Aktienmarkt wird also oft durch eine europäische Brille betrachtet“, erklärt Tachtler. „Entsprechend tauchen hier häufiger die USA oder große europäische Märkte auf der Übergewichtungsseite auf.“
USA: Kein Home Bias – aber auch nicht neutral
Bei US-Fonds sieht es anders aus. „Es mag dem hohen US-Anteil im MSCI ACWI geschuldet sein, dass auch US-Fonds heimische Titel untergewichten“, sagt Tachtler. Die Untergewichtung falle mit rund 1,5 Prozentpunkten jedoch deutlich moderater aus als in vielen Ländern Europas.
Gleichzeitig seien US-Fonds bei großen Wettbewerbern wie Indien oder China eher zurückhaltend.
Bewusste Fondsauswahl erforderlich
Der Home Bias ist kein exklusives Privatanleger-Phänomen, fasst Tachtler zusammen. „Auch professionelle Fondsmanager weichen systematisch vom globalen Marktportfolio ab – häufig zugunsten des eigenen Wirtschaftsraums.“
Anleger sollten sich aus seiner Sicht bewusst machen, dass ein globaler Fonds je nach Herkunft des Anbieters sehr unterschiedliche regionale Schwerpunkte haben kann. „Wer wirklich global investieren möchte, sollte die Länderallokation seines Fonds prüfen – und nicht nur auf das Etikett weltweit vertrauen.“