Amundi-Interview zu den italienischen Etatplänen „Die Märkte sorgen sich vor neuer Schuldenkrise in Italien“

Bürgerproteste in Rom gegen die neue EU-feindliche Regierung: Ernüchterung bei Wählern und Marktteilnehmern. | © Getty Images

Bürgerproteste in Rom gegen die neue EU-feindliche Regierung: Ernüchterung bei Wählern und Marktteilnehmern. Foto: Getty Images

Thomas Kruse, Investmentchef von Amundi Deutschland

Herr Kruse, warum ist der italienische Haushaltsentwurf von Ende September so brisant?

Thomas Kruse: Die Märkte wurden von einer geplanten Anhebung des Haushaltsdefizits für die Jahre 2019 bis 2021 in Höhe von je 2,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts überrascht. Das ist dreimal so viel wie die Vorgängerregierung anvisiert hatte und gefährdet den dringlichen Abbau von Italiens Verschuldung von mehr als 133 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den kommenden Jahren.

Die neuen Defizitziele stehen in auffallendem Kontrast zu den bislang mit der Europäischen Kommission abgestimmten Plänen einer Neuverschuldung von lediglich 0,8 Prozent des BIP. Hochverschuldete Länder im europäischen Staatenbund sind von Brüssel angehalten, ihre Schulden kontinuierlich zu verringern. Italien hingegen rechtfertigt weiter ansteigende Schulden mit einem anziehenden Wachstum in den kommenden Jahren, das sich automatisch aus den höheren Staatsausgaben ergeben werde, so die Auffassung der Regierenden. Was vom Etatentwurf bislang bekannt ist, deutet allerdings darauf hin, dass Gelder an bestimmte Bedarfsgruppen in der Bevölkerung gezahlt werden sollen, anstatt Zukunftsinvestitionen zu tätigen und Strukturreformen einzuleiten.

Welche Folgen ergeben sich aus dem neuen Haushaltsentwurf?

Kruse: Sollte der Etat entsprechend den Wünschen der neuen italienischen Regierung verabschiedet werden – noch muss das Parlament zustimmen – dürfte an den europäischen Kreditmärkten eine Phase der Unsicherheit beginnen: Weil Finanzminister Giovanni Tria und die populistische Regierung weit über die vor Monaten genannten Defizitgrenzen hinausgegangen sind, mit denen sie anfänglich die Märkte zu beruhigen suchten, steht jetzt ein eklatanter Glaubwürdigkeitsverlust ins Haus. Obwohl der Finanzminister angesichts des Haushaltsentwurfs der Regierung Berichten zufolge mit Rücktritt gedroht hat, verbleibt Tria nach Wunsch von Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella weiter im Amt, um neuer Unsicherheit an den Märkten die Spitze zu brechen. Dennoch: Mattarellas politische Macht und sein persönlicher Willen, Italiens neue Regierung im Zaum zu halten, scheinen begrenzt.

Außerdem steht eine Neueinschätzung von Italiens Schuldentragfähigkeit ins Haus: Weil Strukturreformen als Wachstumsbringer im neuen Haushaltsentwurf fehlen, dürften bei Italiens Geldgebern drängende Fragen aufkommen, wie lange das Land noch in der Lage sein wird, seine Schulden zu bedienen. Die Märkte sorgen sich vor einer neuen Schuldenkrise in Italien. Tatsächlich ist das Risiko einer Herabstufung der Bonität des Landes durch Ratingagenturen derzeit als sehr hoch anzusehen.

Auch mit Brüssel könnte es zu Reibereien kommen, oder?

Kruse: Die neuen Defizitpläne werden unweigerlich die Spannungen mit Brüssel erhöhen. Sollte das Parlament die von der Regierung gewünschten 2,4 Prozent Defizit durchwinken, dürfte die Europäische Kommission angesichts des absehbaren Anschwellens des italienischen Rekordschuldenberges ein Defizitverfahren einleiten und damit die bestehenden Spannungen in Europa weiter erhöhen.

Wie wirken sich die neuen Haushaltspläne auf italienische Assets und die Finanzmärkte aus?

Kruse: Die Märkte haben rasch reagiert. Sofort nach Bekanntwerden der Etatpläne schnellte der Renditeaufschlag der 10-jährigen italienischen Staatsanleihen um 270 Basispunkte nach oben. Zeitgleich verlor der italienische Aktienmarkt mehr als 4 Prozent, wobei der Bankensektor besonders stark in Mitleidenschaft gezogen wurde.