Private Credit hat sich in den vergangenen zehn Jahren von einer alternativen Nischenstrategie zu einer festen Kernallokation vieler institutioneller Investoren entwickelt. Mit dem Wachstum des Marktes entsteht ein zunehmend liquider und professioneller Sekundärmarkt, dessen Attraktivität weiter steigt.
Insbesondere der gestiegene Liquiditätsbedarf der vergangenen Jahre hat vor dem Hintergrund einer verlangsamten Transaktionstätigkeit die Zahl der Sekundärmarkttransaktionen (Secondaries) ansteigen lassen.
Die Zahlen sprechen für sich: Laut aktuellen Marktdaten erreichten die Kapitalzusagen für Credit-Secondary-Strategien 2025 rund 16,7 Milliarden US-Dollar – mehr als in den drei Jahren zuvor zusammen. Gleichzeitig nutzen immer mehr institutionelle Investoren den Sekundärmarkt aktiv zur Portfoliosteuerung. Private Credit Secondaries sind damit längst keine Speziallösung mehr für einzelne Marktphasen, sondern entwickeln sich zu einem festen Bestandteil moderner Portfoliokonstruktion. Angesichts des weiteren Wachstums des Private-Credit-Marktes dürfte sich diese Entwicklung fortsetzen.
Vom „Second-Hand-Markt" zum strategischen Instrument
Der Begriff „Secondary" weckt bei manchen Investoren noch immer die Assoziation eines Zweitmarktes für weniger attraktive Assets. Dieses Bild greift jedoch zu kurz. Tatsächlich handelt es sich um Übernahmen bestehender Beteiligungen an Private-Credit-Fonds oder -Portfolios, die häufig bereits einen erheblichen Teil ihres Lebenszyklus durchlaufen haben. Verkäufer können sowohl General Partner (GP, Fondsmanager) als auch Limited Partner (LP, Fondsinvestoren) sein.
Für Käufer können sich daraus mehrere Vorteile ergeben. Anders als bei einem Primärfonds, dessen Portfolio erst über mehrere Jahre aufgebaut wird, erhalten Anleger in einem Sekundärmarktfonds Zugang zu bestehenden Kreditportfolios mit bekannten Cashflows und einer deutlich höheren Transparenz hinsichtlich Risiken und Ertragsperspektiven.
Zudem lässt sich der sogenannte J-Curve-Effekt teilweise vermeiden. Während Primärfonds in den ersten Jahren typischerweise negative Renditen aufgrund von Gebühren, Anlaufkosten und noch nicht investiertem Kapital aufweisen, investieren Secondaries-Käufer in bereits aufgebaute Portfolios. Dies führt häufig zu früheren Ausschüttungen und einer schnelleren Kapitalallokation.
Gerade für institutionelle Investoren, die ihre Private-Markets-Allokationen effizient steuern möchten, gewinnen diese Eigenschaften an Bedeutung.
Warum der Markt gerade jetzt wächst
Der dynamische Anstieg des Sekundärmarktes ist nicht zufällig – mehrere strukturelle Entwicklungen treffen aufeinander.
Zum einen wächst das globale Private-Credit-Universum seit Jahren kontinuierlich. Seit der Finanzkrise haben sich Banken aufgrund regulatorischer Anforderungen aus vielen Bereichen der Unternehmensfinanzierung zurückgezogen. Asset Manager und spezialisierte Kreditfonds füllen diese Lücke und stellen heute einen erheblichen Teil der Finanzierung insbesondere im Mid-Market-Segment bereit.
Mit zunehmender Größe der Anlageklasse steigt der Bedarf an Liquiditäts- und Portfoliomanagementlösungen. Je mehr Kapital im Markt gebunden ist, desto häufiger entstehen Situationen, in denen Investoren ihre Positionen anpassen oder veräußern möchten.
Zum anderen haben die vergangenen Jahre gezeigt, dass auch die privaten Märkte nicht gegen makroökonomische Veränderungen immun sind. Die Nachwirkungen der Pandemie, der Krieg in der Ukraine, steigende Energiepreise, höhere Finanzierungskosten und eine schwächere Fusions- und Übernahmetätigkeit haben das Marktumfeld verändert. Viele der ursprünglich geplanten Exits haben sich verzögert, die Haltedauer mancher Assets verlängerte sich.
Für einige Fondsmanager und Fondsanleger entstanden dadurch Liquiditätsbedürfnisse oder Allokationsanpassungen, die sich in einem Anstieg der Transaktionen auf dem Sekundärmarkt zeigten. Somit können auch schwierigere Marktphasen Käufern attraktive Einstiegsmöglichkeiten eröffnen.
Zwischen Schlagzeilen und Fundamentaldaten
In den vergangenen Monaten standen verschiedene Themen im Fokus: Liquiditätsfragen bei semiliquiden Fonds, steigende Ausfallraten nach den außergewöhnlich stabilen Post-Covid-Jahren sowie Sorgen hinsichtlich bestimmter Branchenexposures, insbesondere im Softwaresektor.
Solche Entwicklungen sollten genau beobachtet werden. Für eine differenzierte Betrachtung dürfen dabei die Fundamentaldaten jedoch nicht außer Acht gelassen werden.
Insbesondere Vehikel mit regelmäßigen Rückgabemöglichkeiten sahen sich zeitweise mit erhöhter Nachfrage nach Liquidität konfrontiert. Die daraus resultierenden Verkäufe erfolgten nicht zwingend aufgrund schwacher Fundamentaldaten der zugrunde liegenden Kredite. Sie spiegeln weniger eine Verschlechterung der Fundamentaldaten wider als vielmehr Produktdesign, Anlegerverhalten und Liquiditätszeitpunkte. Für erfahrene Secondaries-Anleger können gerade solche Situationen attraktiv sein.
Wenn qualitativ hochwertige Portfolios unter Liquiditätsdruck zum Verkauf stehen, fallen die Bewertungsabschläge teils höher aus, als es das tatsächliche Risiko rechtfertigt – was gerade in der aktuellen Marktsituation zu interessanten Einstiegsoptionen führen kann.
Die Fähigkeit, zwischen temporären Marktverwerfungen und nachhaltigen Kreditproblemen zu unterscheiden, wird damit zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor. Für eine belastbare Investitionsentscheidung sind eine breite Datenbasis und spezialisierte Analysekapazitäten erforderlich.
Direktkredite als Grundlage
Der Kern des institutionellen Private-Credit-Marktes besteht weiterhin aus sponsorengestützten Direct-Lending-Transaktionen im Mittelstand. Dabei vergeben institutionelle Investoren Kredite direkt an Unternehmen, hinter denen eine Private-Equity-Gesellschaft – der sogenannte Sponsor – steht. Gerade diese Direktkreditvergabe verfügt über Eigenschaften, die das Segment in volatilen Marktphasen vergleichsweise resilient machen.
Dazu zählen insbesondere vorrangig besicherte Finanzierungen, belastbare Covenants sowie enge Beziehungen zwischen Kreditgebern, Kreditnehmern und Sponsoren. Anders als bei breit syndizierten Kreditmärkten verfügen Private-Credit-Investoren häufig über direkten Einfluss auf Restrukturierungs- oder Anpassungsprozesse.
Kommt es zu operativen Herausforderungen bei einem Unternehmen, können Kreditgeber oftmals frühzeitig eingreifen und gemeinsam mit Sponsoren proaktiv Lösungen entwickeln. Diese aktive Rolle stellt einen wesentlichen Unterschied zu traditionellen Anleiheportfolios dar. Große Plattformen können Transaktionen zudem bilateral strukturieren und individuelle Schutzmechanismen aushandeln, um Risiken zu reduzieren, bevor sie entstehen.
Abschläge als Renditetreiber
Ein wesentlicher Unterschied zwischen Primär- und Sekundärmarkt-Investitionen liegt in der Preisbildung. Secondary-Anleger erwerben Portfolios häufig unterhalb ihres ausgewiesenen Nettoinventarwerts (NAV). Diese Abschläge können unterschiedliche Ursachen haben: Liquiditätsbedarf des Verkäufers, regulatorische Anforderungen, Portfolioanpassungen oder Marktverwerfungen.
Für Käufer können daraus zwei Vorteile resultieren. Erstens erhöht ein niedrigerer Einstiegspreis das potenzielle Renditeprofil. Zweitens fungiert der Abschlag als zusätzliche Sicherheitsmarge: Kommt es zu einzelnen Kreditausfällen oder Bewertungsanpassungen, kann der ursprünglich erzielte Preisnachlass einen Teil dieser Verluste kompensieren.
Gerade in Phasen erhöhter Unsicherheit gewinnt dieser Puffer an Bedeutung. Erfolgreiche Secondary-Strategien basieren deshalb nicht allein auf der Identifikation attraktiver Assets, sondern auch auf konsequenter Preisdisziplin.
Der Faktor Zugang
Mit zunehmender Reife des Marktes wird der Zugang zu hochwertigen Transaktionen zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Die attraktivsten Transaktionen entstehen häufig im Rahmen langjähriger Beziehungen zwischen Fondsmanagern und Anlegern. Investoren mit umfangreichen Primärmarktaktivitäten verfügen dabei oft über früheren Zugang zu Informationen und Dealflow, da sie Manager, Portfolios und teils einzelne Kreditnehmer bereits aus anderen Zusammenhängen kennen.
Dieser Informationsvorsprung kann insbesondere bei komplexeren Transaktionen entscheidend sein, bei denen nur kurze Zeitfenster für Due-Diligence- und Investitionsentscheidungen zur Verfügung stehen. Für Allokatoren wird der Marktzugang damit zu einem zentralen Kriterium bei der Auswahl eines Managers.
Portfolios prüfen
Trotz des attraktiven Renditepotenzials von Secondaries dürfen die Risiken nicht außer Acht gelassen werden. Die oft kurzen Zeitfenster für Sekundärmarkttransaktionen machen die Portfolioanalyse anspruchsvoll. Entscheidend ist zu verstehen, aus welchem Grund ein Verkäufer sich von einem Portfolio trennen will und welche Positionen darin enthalten sind – um die sogenannte adverse Selektion zu vermeiden, also den Erwerb von Portfolios, deren Risiken für den Käufer nicht unmittelbar erkennbar sind. Gerade für unerfahrene Anleger ohne belastbares Marktnetzwerk kann diese Analyse schwierig sein.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Bewertung des Portfolios. Die zugrunde liegenden NAV-Bewertungen basieren meist auf Modellen, Annahmen und historischen Daten und können sich in veränderten Marktphasen verzögert anpassen. Eine tiefgehende Analyse der Kreditqualität, der Covenants, der Beziehung zum Sponsor und der Bewertungsannahmen ist deshalb unerlässlich.
Käufer sollten daher prüfen, ob ein Abschlag tatsächlich eine attraktive Einstiegschance darstellt oder lediglich einen angemessenen Preis für höhere Kredit- oder Liquiditätsrisiken – und auf eine ausreichende Diversifikation achten.
Disziplin und Renditepotenzial
Das Volumen des Private-Credit-Marktes wächst weiter, und mit ihm die Zahl der Investoren, die aktive Liquiditäts- und Portfoliomanagementinstrumente benötigen.
Hinzu kommt, dass die heutige Investorenbasis deutlich professioneller agiert als noch vor wenigen Jahren. Sowohl LP als auch GP erkennen zunehmend den strategischen Nutzen des Sekundärmarktes; Verkäufe erfolgen immer häufiger als bewusste Portfoliomanagemententscheidung.
Für institutionelle Anleger können sich daraus attraktive Investmentchancen ergeben: Zugang zu diversifizierten, gereiften Portfolios, eine schnellere Kapitalallokation und das Potenzial, von Bewertungsabschlägen zu profitieren. Gleichzeitig erfordert der Markt hohe Analysekapazitäten, internationale Netzwerke, konsequente Preisdisziplin und sorgfältiges Underwriting.
Genau deshalb dürfte sich der Abstand zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Anbietern künftig weiter vergrößern. Anleger sollten ihre Partner daher sorgfältig auswählen – denn Secondaries entwickeln sich zunehmend von einer Ergänzung im Portfolio zu einem eigenständigen und strategisch relevanten Baustein.
Über den Autor
Joaquin Ardit ist Lead Portfolio Manager Private Credit Secondaries bei Allianz Global Investors. Zuvor war er rund zehn Jahre als Investmentmanager bei Allianz Investment Management tätig, weitere Stationen waren Yorkville Capital Management und J.P. Morgan.
